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Christoph Nichelmann, „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 3

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem]

[2] Das III. Capitel.

Jeder Klang ist schon eine Harmonie.

Aus der Vereinigung dieser unterschiedlichen Töne, wenn sie nemlich dergestalt mit einander verbunden werden, daß sie zu gleicher Zeit, oder auf einmal zum Vorschein kommen, entspringet der allervollkommenste Accord oder Zusammenklang, der nur möglich ist. Und da die in den nach einander gesetzten sechs ersten Zahlen befindliche[n] doppelten Zahlen, nur als so viel Wiederholungen [3] von den einfachen Zahlen, anzusehen sind, und die dadurch angedeuteten unterschiedlichen Klänge der Octav eine sehr ähnliche Wirkung und einen fast gleichen Eindruk auf uns machen; so bestehet auch dieser Accord, oder Zusammenklang, schon in den einfachen oder in den ursprünglichen Zahlen 1. oder 2. 3. 5.

Dieser Wohllaut wird sonst auch der harmonische Dreyklang genannt; die sechs ersten Stufen der arithmetischen Progreßion aber, werden vorzüglich die klingenden, oder die harmonischen Zahlen genannt, weil sie den Stoff, und die Materie, woraus eine Musik, oder alle nur mögliche Vermischung und Verbindung der unterschiedlichen Töne, erzeuget wird, in sich faßen, und begreiffen.

Man hat schon in den allerältesten Zeiten dafürgehalten, daß der aus der Vereinigung der eigentlich also genannten klingenden Zahlen entstehende Accord, schon in einem jedem besondern Klange zu vernehmen sey. Die neuern musikalischen Schriftsteller versichern uns dessen auf eine so einmüthige Weise, daß wir daran nicht zweifeln dürfen. Und was braucht es fremder Zeugnisse in einer solchen Sache, von deren Gewißheit man sich durch eigene Erfahrung versichern kan. Man darf nur auf einen jeden, besonders auf einen tiefen Klang, ein von der Zerstreuung befreyetes Ohr, zumahl bey stiller Abendzeit, richten, so wird man darinnen, und mit selbigem zugleich, (wenn sonsten die sämtlichen Werkzeuge des Gehöres von einer darzu erforderlichen glücklichen Beschaffenheit sind) alle die zu dem vollkommenen Accord gehörige unterschiedliche Töne, ohne Mühe entdecken.

Der Klang, oder das Object der Musik, ist also schon durch natürliche Zeugung, ein vielfaches, oder ein zusammengesetztes Wesen.

Die unterschiedlichen Bewegungen der Luft, aus welchen ein Klang gebildet wird, geschehen nach eben den Verhältnißen, welche uns die natürlichste Folge der einzelnen Töne darstellen, und der musikalische Klang, ist an und für sich schon eine nach den allerbesten Verhältnissen bewegte Luft.

Die Wissenschaft des Klanges ist mithin schon zugleich die Wissenschaft der Harmonie, oder des ursprünglichen Zusammenklanges.

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