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Christoph Nichelmann, „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 4

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem]

[3] Das IV. Capitel.

Worinnen die Theorie und worinnen die unterschiedlichen Arten der Ausübung der Musik bestehen.

Die Harmonie ist zwar an sich (actu) und blos der Wirklichkeit nach betrachtet, ein einiges und ein ungetrenntes Wesen. In Absehen aber auf die Macht, auf das Vermögen, (potentia) und als ein Vorwurf der [4] menschlichen Kunst betrachtet, ist sie ein zertrennliches, und folglich ein vielfaches Wesen, welches unzähliger Veränderungen fähig ist.

Alle nur mögliche Musik, oder Mischung und Verbindung unterschiedlicher Töne, beruhet auf dieser Veränderbarkeit des Klanges, und der ihr zum Grunde liegenden ursprünglichen Zusammenstimmung; daher ist alle und jede Musik nichts anders, als eine veränderte, oder eine durch Kunst hervorgebrachte mannigfaltige Harmonie.

Es kan aber diese Harmonie auf eine gedoppelte Art, einen Vorwurf der musikalischen Beschäftigungen abgeben.

Entweder untersuchet man blos die Ursachen des Wohl- oder Uebellauts der Töne an sich, und bestimmet die Verhältnisse der unterschiedlichen Größen; oder man richtet die schon abgemessenen, und bereits bestimmten Größen dergestalt nach einem vorgesetzten Zwecke, daß sie mittelst eines auf die Sinnen gemachten Eindrucks, der Seele fühlbar gemacht werden, und das Gemüth, auf eine gewisse vorher bestimmte Weise, rühren und bewegen.

In dieser Absicht pfleget man die Wissenschaft der Harmonie, oder welches einerley ist, die Betrachtung der Musik von der Ausübung derselben zu unterscheiden.

Aber auch die Richtung der Harmonie nach einem gewissen vorgesetzten Zweck, kan wiederum auf eine zwiefache Weise vorgenommen werden. Entweder geschieht dieselbe also, daß sie mittelst gewisser willkührlich ersonnener Zeichen, abgebildet, und blos dem Gesichte empfindlich gemacht wird; oder, sie erfolget nach Maaßgebung dieser abgebildeten Zeichen dergestalt, daß das Gehör durch den Klang gewisser klingender Werckzeuge gerühret, und die Seele dadurch beweget wird. Dieses wird die Execution, jenes aber wird die Composition genannt.

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