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Christoph Nichelmann, „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 5

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem]

[4] Das V. Capitel.

Die allgemeineste Regel der Composition.

Ich betrachte die Harmonie, oder die möglichen Verhältnisse, so die unterschiedlichen Größen oder Töne unter und gegen einander haben können, alhier nicht, in so ferne sie annoch auszumessen, und dadurch zu einer Mischung, oder zu einer Verbindung, sowohl hinter als über einander, geschickt zu machen sind. Vielmehr setze ich dieselben als abgemessen, und als schon bestimmt voraus, und richte mein Absehen nur in so weit auf dieselben, als sie dem ausübenden Theile der Musik, insbesondere aber derjenigen Gattung desselben, welche man die Composition nennet, zum Stoff, und zu einer Materie, woraus dieselbe ihre Nachahmung verfertiget, dienen.

[5] Ich bin daher um so vielmehr verbunden, den Begriff der Composition, und das, was derselben Haupt- und vornehmste Pflicht ist, alhier in etwas zu erläutern, je weniger ich ohne dasselbe im Stande wäre, mein Vorhaben auf eine deutliche Art zu erkennen zu geben.

Ein jeder besonderer Klang läßt uns die ursprüngliche Ordnung der Töne, und mit derselben den allervollkommensten Uebereinklang, der nur möglich ist, auf einmal fühlen und empfinden. Der uns angeschaffene Trieb zur Ordnung und zu guten Verhältnissen, wird also dadurch unmittelbar genähret und zu frieden gestellet. Nun bringt es die Natur und die Beschaffenheit unserer Seele mit sich, daß sie in beständiger Unruhe und Bewegung unterhalten seyn will. Nichts ist derselben mehr zuwider, als die Unthätigkeit und ein Stillstand in der Bewegung.

Die allerangenehmsten Dinge verlieren ihre Kraft uns zu gefallen, durch die ermüdende Fortdauerung ihrer Bewegung auf einerley Nerven. Der Ueberdruß, welcher aus der Eintönigkeit, oder dem Mangel abwechselnder Bewegungen entstehet, und der Abscheu, welchen wir vor dergleichen Mangel haben, ist ein so beschwerliches Uebel für uns, daß wir zum öftern die mühsamsten Verrichtungen unternehmen, um uns nur dafür zu verwahren.

Der Grund desjenigen Ergötzens, das uns die Musik gewähret, liegt also vornehmlich in der Sättigung und in der Befriedigung des uns angebohrnen Verlangens nach einer veränderten, oder nach einer mannigfaltigen Harmonie. Hierdurch wird die Seele beständig munter, und in ihrer natürlichen Bewegung unterhalten, und für dem aus der Monotonie entstehenden Ueberdruß verwahret.

Die erste, und die vornehmste Pflicht eines musikalischen Setzers, ist demnach diese, daß er die[s] natürliche Bedürfniß der Seele, nach welcher wir nach einer mannigfaltigen Harmonie begierig sind, zu sättigen und zufrieden zu stellen suche. So ist auch eine jede Composition oder Zusammensetzung, aus diesem Gesichts-Punct betrachtet, nichts anders als eine, auf gewiße besondere Umstände gerichtete mannigfaltige Harmonie, und die musikalische Setzkunst selbst, besteht nur in der Kunst, das uns angebohrne Verlangen nach einer mannigfaltigen Harmonie, auf eine, so wohl der Natur des ursprünglichen Uebereinklanges, als der Natur gewisser besonderer Umstände und Absichten gemäße Art, dergestalt zufrieden zu stellen, daß das Gemüth dadurch also gerühret und beweget werde, wie es auf die vorherbestimmte Weise gerühret und beweget werden soll.

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