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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 6

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem]

[6] Das VI. Capitel.

Von dem Subject oder der Materie, mit welcher die Musik umgehet. Materia in qua.

Es ist aber der Klang, oder die natürliche Zusammenstimmung, welche der Vorwurf der Musik überhaupt, so wie der Vorwurf der Composition ins besondere ist, ein theilbares und ein veränderliches Wesen. Die unterschiedlichen Theile, aus welchen diese Harmonie zusammen gesetzt ist, sind nicht nothwendig beysammen. Sie können nicht nur an sich vermehret und vermindert, und auf verschiedene Weise versetzet werden, sondern es können auch die unterschiedlichen Theile, aus welchen dieselbe besteht, einmal von einer andern Beschaffenheit seyn, als das andere mal. Es finden folglich Verknüpfungen der Töne Platz, die von geringerer Vollkommenheit, als diejenigen sind, welche zur Bildung der vollkommenen Harmonie, oder des ursprünglichen Drey-Klanges gehören.

Alle mögliche Zusammenstimmungen haben nicht nur eine jede für sich eine eigene bestimmte Kraft und Wirkung, und machen einen verschiedenen Eindruck auf uns, sondern ihre unterschiedliche Kraft und Wirkung kan auch, nach der verschiedenen Lage, Sitz, und Stellung, so sie zwischen andern Zusammenstimmungen einnehmen, auf verschiedene Weise, und in verschiedenen Graden, erhöhet und gemindert werden.

Nun würde die Harmonie, und alle nur mögliche Veränderungen derselben, oder die Materie der Musik, todt da liegen, und in Absicht auf unsere Empfindung von gar keiner Kraft und Wirkung seyn; wenn nicht der Urheber der Natur zugleich Sorge getragen hätte, der Bewegung der Harmonie gewisse bestimmte Gesetze vorzuschreiben, wornach sich die unterschiedliche Wirkungs- und Bewegungs-Kräfte derselben, wenn sie sich durch die wirkliche Bewegung äussern und zum Vorschein kommen, richten müssen, daferne sie uns gefallen, und einen gewissen Eindruck auf uns machen sollen.

Es fließen aber die der Bewegung der Harmonie vorgeschriebenen Gesetze, unmittelbar aus der ursprünglichen Harmonie und wie diese uns natürlich ist, und ihren Grund unmittelbar in der Seele selbst hat; also ist uns auch das Gefühl, und die Empfindung von denen der Bewegung derselben vorgeschriebenen Gesetzen, zugleich natürlich. Der natürliche Gesang der Menschenstimme, ist nur eine Folge desjenigen Gefühls, so wir von diesen, der Harmonie vorgeschriebenen, Gesetzen der Bewegung haben.

[7] Ein jeder einzelner Klang bietet uns demnach nicht nur die zu einer Mischung und Verbindung verschiedener Töne nöthigen Materialien dar, sondern er giebt uns auch die benöthigten Mittel an die Hand, um den Klang, oder vielmehr die Harmonie desselben, zu vermehren und zu vervielfältigen.

Alles, was nun vermöge dieser Gesetze, welche der Bewegung der Harmonie vorgeschrieben sind, dergestalt hervorgebracht wird, daß es der Natur dieser Gesetze, und der natürlichen Empfindung, so wir davon haben, nicht gänzlich zuwider ist, das ist in der Musik wahr und natürlich.

Eine Musik, oder eine durch Kunst veranstaltete Zusammenfügung verschiedener Töne, ahmet also schon der Natur nach, indem sie blos den der Harmonie vorgeschriebenen Gesetzen der Bewegung folget; gesetzt, daß sie auch neben dem, nicht noch ein anderes in der Natur befindliches Urbild schilderte und abbildete.

Nichts destoweniger aber, da die Musik geschickt ist die Leidenschaften zu schildern und abzubilden, und die geschickte Nachahmung eines uns bekannten Gegenstandes, ein empfindliches Ergötzen zu wege bringet, so würde sich auch ein Componist der in Händen habenden Vortheile von selbsten begeben, wenn er in Verfertigung der Zusammensetzungen bloß darauf bedacht seyn wollte, daß deren Mannigfaltigkeit an sich wahr, und der Natur der Harmonie gemäß wären; ohne zugleich Sorge zu tragen, daß diese letztere auch ausser dem noch einem an sich antheilhaften Gegenstande also bequemet würde, damit die Aehnlichkeit und Übereinstimmung, zwischen einer nachgeahmten Sache und deren Nachahmung, also hervor leuchtete, wie sie von gesunden Sinnen gefühlet, und empfunden werden kan.

Die wohl- und die übel-lautende Kraft der Töne, oder vielmehr die unterschiedlichen Verhältnisse, auf welchen dieselbe beruhet, stehen in einem so genauen Verständnisse mit den Empfindungen unsers Herzens, daß wir dieselbe nicht verkennen können. Wir werden dadurch unmittelbar gestimmt und bewegt. Die Seele selbst ist, mit dem Plato zu reden, ein vernünftiges Wesen, welches sich nach der harmonischen Zahl beweget. Es giebt Verhältnisse, welche die Aufthuung der Lebensgeister befördern, und mithin zur Freude bewegen; andere, so die Lebensgeister zusammenziehen und mithin die Traurigkeit erregen. Nihil est tam cognatum mentibus nostris, quam numeri, atque voces: quibus et excitamur, et incendimur, et lenimur, et languescimus, et ad hilaritatem, et ad tristitiam sæpe deducimur Cic. Diese unterschiedlichen Verhältnisse leiden nach ihren mannigfaltigen [8] Vermischungen und Verbindungen, sowohl als nach ihren mannigfaltigen Verhältnissen der unterschiedlichen Zeit und Dauer, so sie einnehmen, allerhand Veränderungen und Abfälle, welche das Gemüthe, auf ganz unterschiedliche Art, zu rühren, und zu ganz verschiedenen Graden dieser angeführten Leidenschaften zu bewegen, die Kraft haben; so, daß vielleicht eben so viel Mischungen der unterschiedlichen Verhältnisse möglich sind, als nur unterschiedliche Mischungen der Leidenschaften und Affecten entstehen können.

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