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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 9

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem]

[9] Das IX. Capitel.

Zeit und Dauer der Bewegung einer Musik, kann nur auf dreyerley Art beschaffen seyn. 

Es können die unterschiedlichen Harmonien, oder Zusammenklänge, aus welchen eine Zusammensetzung besteht, in Ansehung der Zeit, und Dauer, die sie einnehmen, nur auf dreyerley Art beschaffen seyn.

Entweder ist die Zeit und Dauer derselben gleich, und unabgemessen, und ohne ein gewisses ordentliches Zeitmaaß; oder, es ist zwar ein Tact, aber keine Ungleichheit, keine Verschiedenheit in der Bewegung dieser der Zeit und Dauer nach überhaupt abgemessenen verschiedenen Zusammenstimmungen; oder, es ist endlich nicht nur ein Zeitmaaß überhaupt, nicht nur eine Verschiedenheit in der Bewegung der einzelnen Zusammenstimmungen; sondern es sind auch Abschnitte, und in demselben annoch ein gewisses absonderliches Maaß, welches man das Zahl-Maaß (numerum musicum, oder sectionalem) nennet, darinnen.

Diejenigen mannigfaltigen Harmonien, welche die erste Art der Bewegung haben, werden die einförmige, oder die schlechte Musik-Art, (musica plana) genannt. Wo man die zweyte Art der Bewegung antrifft, das heißt die abgemessene Musik-Art (musica metrica). Die dritte Art, macht die rhythmische Musik-Art (Musica rhythmica) aus.

Von der erstern Art sind z. b. die Choräle oder Kirchenlieder. Der zwoten Art sind viele von den Moteten der Alten. Unter der dritten Art, werden alle Arten und Gattungen der charakterisirten Musik begriffen.

Durch die Kraft des Zeit-Maaßes, und das in der gleichen oder in der ungleichen Bewegung der Zusammenstimmungen, oder eines, oder mehrerer Theile derselben beobachtete Maaß, wird eine Musik nicht nur dem Ekel und Ueberdruß entzogen, den ein beständig gleichförmiger Gang und Bewegung verursachen würde; sondern sie erhält auch eben dadurch eine neue Wahrheit oder Wahrscheinlichkeit, indem sie die schon nach einer gewissen Absicht veranstaltete mannigfaltige Harmonie, zugleich auch durch eine derselben Bestimmung gemäße Bewegung beseelet und belebet, so, daß beydes, sowohl die Harmonie, als die Bewegung dieser Harmonie, in gemeinschaftlicher Kraft, [10] zu einem, und eben demselben Entzwecke, wirken, und auf das Gemüth des Zuhörers solche Eindrücke machen, welche sie, nach der vorher bedachten Weise, auf dasselbe machen sollen. Ob nun wohl ein Componist, zur Materie der Nachahmung, alles dasjenige nehmen kan, was dem Sinne des Gehöres, durch Klänge, und durch deren Gang und Bewegung nur immer kan vorstellig, und begreiflich gemachet werden; so ist er dennoch vorzüglich nur dahin beflißen, das, was die Gegenstände, in Beziehung auf unsere Empfindungen, angenehmes, oder unangenehmes haben, auf eine uns rührende, und den vorzustellenden Sachen ähnliche Weise, auszudrücken: oder, welches einerley, die eigentliche Materie der Nachahmung der Musik, in Ansehung der Auszudrückenden Sachen, sind die unterschiedlichen Leidenschaften und Affecten.

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