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Christoph Nichelmann, „Die Melodie“ (1755) – Vorbericht

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem]

Vorbericht.

Die gegenwärtige Abhandlung tritt nur auf gewisse Veranlassungen ans Licht. Ein musikverständiger Freund des Verfassers derselben, war mit einem andern musikalischen Schriftsteller, über einige die Musik betreffende Dinge, im Streit gerathen. Man disputirte lange und ziemlich hitzig miteinander; jedoch mit so zweifelhaftem und so ungewissem Erfolge, daß am Ende keine von beyden Parteyen sich rühmen konte, die andere überwunden, und auf ihre Seite gebracht zu haben. Obwohl der Urheber dieser Schrift an dem Streite selbst nicht den mindesten Antheil hatte, so dünckte es ihm den[//]noch, als ob der Gegner seines Freundes, sich in Ansehung der Art des Betragens, gegen denselben, zu vieler Freyheit bedienet hätte, als daß es ihm möglich gewesen wäre, dabey gantz gleichgültig zu bleiben. Um also diesen an dem Gegner einiger maßen zu rächen, so hielte er es sich zu gute, derjenigen Nachricht, welche einige der Anhänger des Gegners, von dessen bey den vernünftigen Kennern schon damals erworbenen Ruhm, zu verbreiten übernahmen, zu widersprechen. Man möge dieses Unternehmen der Tugend oder der Schwachheit zuschreiben, so ist dennoch gewiß, daß, wenn es auf der einen Seite den Abscheu des Urhebers dieser Schrift, gegen den von dem Widersacher an seinem Freunde verübten Muthwillen, deutlich genug an den Tag leget, es auf der andern die Meynung desselben, in Ansehung des eigentlichen Vorwurfs des Streites, nur sehr dunckel zu erkennen gebe. Wie er nun die Neugierde der Liehaber musikalischer Wahrheiten dadurch erreget hat, also hält er sich auch auf alle Weise verbunden, dieselbe zu stillen. Dieses ist es nun, was er hiermit zu thun sich vorgenommen hat, indem er nehmlich den Haupt-Punct der streitigen Frage in Ordnung zu bringen, und folgends darüber seine Ge[//]dancken, mit Hintansetzung aller übrigen Betrachtungen, zu eröfnen, ja in gewisser Maßen, sein musikalisches Glaubens-Bekentniß allhier abzulegen, bemüht gewesen ist. Dieses war kürtzlich der Anlaß und die Gelegenheit zu dieser Schrift. Was übrigens die Ordnung und die Eintheilung derselben anbelangt, so erkläret der Verfasser Anfangs einige, die Musik, im allgemeinen, betreffende Haupt-Begriffe. Hiernächst unterscheidet er, in den Compositionen oder Zusammensetzungen, besonders zwo Dinge, welche man insgemein zu vermengen pflegt, nehmlich das was einer jeglichen Zusammensetzung zum Grunde liegt, oder die Materie derselben an sich; und sodann die Ausbildung eben dieser Materie. Hierauf handelt er von einem jeden dieser Stücke besonders. Endlich sucht er den Satz durch Beyspiele zu erläutern, daß in den Zusammensetzungen uns nur vorzüglich diejenigen Stellen gefallen, wo nicht nur der Gesang für sich allein, sondern wo auch zugleich der Zusammenklang das, was nach Beschaffenheit der besondern Absicht des Setzers, bey einem jeglichen Vorhaben insbesondre, nothwendig ist, ausdrücket, und uns fühlen und empfinden läst. Ein jeder Kunstverständiger wird leicht urtheilen, in wie ferne er die[//]sem Plan gefolget, und seinem Versprechen eine Genüge gethan hat. So viel oder so wenig aber auch dieses nur immer geschehen ist, so glaubet er dennoch, sich durch die Bekantmachung dieser Blätter, nicht nur seiner, gegen das Publicum, ihm obliegenden Pflicht entlediget, sondern auch selbst den Kennern der Kunst, denen, so da mehr Einsicht und Kräfte als er besitzen, dadurch Gelegenheit gegeben zu haben, eine solche Wahrheit zu befestigen, welche, ob sie wohl wegen ihres großen Einflußes in die Composition, von genugsamer Erheblichkeit ist, um das Nachdencken und die Aufmercksamkeit der Kenner und Beförderer der Musik zu verdienen, dennoch bishieher noch von niemanden einer besondern Untersuchung werth geachtet worden ist.

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