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Christoph Nichelmann, „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 12

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem]

[11] Das XII. Capitel.

Von dem Vorwurfe der gegenwärtigen Abhandlung.

Ich habe es allhier mit keiner Art oder Gattung der Composition, in Ansehung einer vorgeschriebenen Form, oder in Ansehung eines dadurch zu erlangenden besondern Entzwecks, ins besondere zu thun. Mein Vorhaben ist, die unterschiedliche Art und Weise, oder die unterschiedlichen Mittel darzustellen, welche die Componisten überhaupt anwenden, um demjenigen, was bey einer jeglichen Composition, sie sey welcher Art oder Gattung sie wolle, ihre Pflicht ist, eine Gnüge thun.

Die Haupt- und allgemeine Absicht einer jeden Composition ist, angeregter maßen, das uns angebohrne Verlangen nach einer mannigfaltigen Harmonie zu stillen; damit die Seele vor Ueberdruß bewahret, und in ihrer natürlichen Munterkeit und Bewegung erhalten werde. Und eine Zusammensetzung hat um desto mehr Verdienst, jemehr sie dieser Haupterfoderniß also eine Gnüge thut, daß zugleich die besondere Absicht des Setzers, in Ansehung der absonderlichen Art der Nachahmung hervor leuchtet, und in die Sinne fällt.

Es ist aber eine jede Composition im Grunde nichts anders, als eine Zusammenfügung verschiedener Grund- oder Stamm-Töne, welche sowohl unter sich, als auch in beständiger Beziehung auf einen Hauptton, oder auf eine zum Grunde gelegte Zusammenstimmung, dergestalt mit einander verbunden sind, daß sie, gegen diesen Hauptton, als so viel abhängige Theile von einem Ganzen anzusehen sind.

Nun ist eine jede Zusammenstimmung, oder besonderer Accord, hinwiederum ein aus verschiedenen Theilen zusammen gesetztes Wesen, welches in Ansehung der Größe, der Figur, der Vermehrung, und der Verminderung der Theile, aus welchen dasselbe besteht, in Ansehung der Lage, und des Orts des Ganzen, oder des Grundtons, in einer jeden Zusammenstimmung zwischen andern Theilen, allerhand Veränderungen leidet.

[12] Da aber keine Veränderung ohne Bewegung geschehen kan, und eine jede Bewegung hinwiederum eine Ausdehnung in die Länge, in die Breite, und in die Tiefe, voraus setzet, so kan auch ein jeglicher Accord, oder Zusammenstimmung der Ausdehnung nach, auf zweyerley Art betrachtet werden.

Entweder kommen uns die unterschiedlichen Theile derselben blos einfach, und nach und nach zu Gehör, oder es äussern sich dieselben, oder einige derselben, zu gleicher Zeit, und auf einmahl. Jenes wird die einfach wirkende Kraft der Harmonie, dieses aber wird die zwey- die drey- die vier und mehrfach wirkende Kraft der Harmonie, oder überhaupt, die Zusammengesetzte Harmonie genannt.

Alle nur mögliche Eindrücke, so wir von der Harmonie empfangen können, rühren entweder aus der einfach- oder aus der zusammengesetzt-ausgedehnten Harmonie her, und also muß eine jede mannigfaltige Harmonie der Zeugung und dem Ursprung nach, mehr oder weniger eine Wirkung der blos einfach, oder eine Wirkung der vielfach ausgedehnten Harmonie seyn: nachdem sich der Setzer mehr oder weniger, die blos einfache Harmonie für sich allein, oder die einfache nur um der zusammengesetzten willen, in seinem Gemüthe vorgestellet hat, und entweder von jener allein, oder zugleich von dieser gerühret und getroffen worden ist.

Aus dieser gedoppelten Art der Ausdehnung der Harmonie, entstehen überhaupt zwo unterschiedliche Hauptarten der Fortschreitung der Harmonie, zwey genera modulandi respectu modorum progrediendi, und mithin eben so viel verschiedene Mittel und Wege, eine zum Grunde gelegte Zusammenstimmung, mannigfaltig oder verschieden zu machen. Ein Setzer läßt sich entweder den Eindruck der einfach ausgedehnten, oder der successiven Harmonie, dergestalt führen, daß er mittelst der Fortschreitung der einfachen Harmonie, blos die Folge der einzelnen Töne, hinter einander, ohne Absicht auf den Zusammenklang, oder die vielfache Harmonie, verbindet, und dieser vorausgesetz[t]en Folge einzelner Töne hernach so viel Vereinigung mehrerer Töne zugleich anbequemet, als er nach Beschaffenheit der Umstände für gut findet; oder er setzet dem Eindruck der vielfach empfundenen Harmonie zu folge, mittelst des Fortganges des Grundklanges, eine Folge verschiedener Accorde, nach dem Erfodern der Umstände, gleich Anfangs bey sich fest, und zieht hernach die einfache Harmonie, die nothwendig darinn liegen muß, auf eine seinen Absichten gemäße Art, daraus, und läßet dieselbe daher entspringen.

[13] Ein jeder Gesang, oder eine jede Folge einzeln auf einander folgender Töne, kan nemlich in zweyerley Absicht betrachtet werden. Einmal in so fern man blos auf ihre Verbindung hintereinander sieht, ohne die Verknüpfung der Töne zugleich, die sich etwa dabey entweder wirklich äussern, oder die nur dabey statt finden, in Betracht zu ziehen. Zweytens aber in so fern die Verbindung der einzelnen Töne hintereinander, als von der Harmonie oder dem Zusammenklang abhängig, angesehen wird, und in so fern sie nur, und in Kraft solcher Verknüpfungen der zugleich verbundenen Töne wegen, besteht, die irgend einer Absicht zu gefallen da sind. Denn obgleich, wie es sich weiter unten ergeben wird, alle und jede Folgen einzelner Töne, ihrem ersten Ursprunge nach, von den übereinandergesetzten Tönen abhängen und folglich jene, nur in Kraft dieser zu bestimmen sind; so leidet es nichts destoweniger die natürliche Sympathie und Uebereinkunft der unterschiedlichen Klänge der Octav, daß in den Zusammensetzungen, so wohl die Folge der einzelnen Töne vorausgesetzet, und der Vereinigung mehrerer Töne zugleich zum Grunde geleget werden kan; als daß umgekehrt, die Vereinigung mehrerer Töne, oder die zusammengesetzte Harmonie zuvorgeordnet, die Folge einzelner Töne hintereinander aber nur um derselben willen bestimmet werde. Mithin können, in einer jeglichen Zusammensetzung, die Folge der einzelnen Töne in der Oberstimme sowohl um der tiefen Töne willen veranstaltet, und folglich von denselben abhängig seyn, als umgekehrt, diese jenen unterwürfig, und nur um derselben willen da seyn können.

Ein Componist muß bey Verfertigung einer mannigfaltigen Harmonie, nothwendiger Weise, auf die eine oder die andere Art, obwohl bey beyden Arten, in verschiedenem Grade, und auf verschiedene Weise, zu Werke gehen: und eine jede Composition, oder Zusammensetzung, sie äussere sich in Ansehung des unterschiedenen Grades der wirkenden Kraft einfach oder zusammen gesetzt, ist mehr oder weniger aus dem vorhergegangen Eindrucke der einfach ausgedehnten, oder mehr oder weniger, aus dem vorher empfunde[n]en Eindrucke der vielfach ausgedehnten Harmonie, geflossen.

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