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Christoph Nichelmann, „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 13

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem]

[13] Das XIII. Capitel.

nähere Erläuterung dessen, wovon allhier eigentlich die Rede ist.

Ich bin hier Vorhabens, die musikalischen Zusammensetzungen aus diesem gedoppelten Gesichtspuncte zu betrachten, in so fern sie nemlich entweder als eine Wirkung des Eindrucks der blos einfach empfundenen Harmonie, nicht aber auch zugleich der vielfach empfundenen, von welcher sie [14] ein abhängiger Theil ist; oder in sofern als sie eine Frucht der vielfach empfundenen Harmonie, anzusehen sind. Ich will mich bemühen, sowohl durch Gründe, als durch Beyspiele den Satz in sein gehöriges Licht zu setzen: Daß ein Componist seiner Pflicht nur in so weit Gnüge thut, als er das, was sowohl den Haupt- als den absonderlichen Umständen nach, in den Zusammensetzungen nothwendig ist, dergestalt veranstaltet, daß alles nur eine Folge des vorhergegangenen Eindrucks solcher vielfach empfundenen Harmonien oder Zusammenstimmungen ist, die sich vor sein Vorhaben schicken, und aus denselben, wie aus ihrer Quelle, fließen.

Man pfleget diese unterschiedlichen Hauptarten des Verfahrens, bey Verfertigung einer mannigfaltigen Harmonie, durch die Benennung des monodischen und des polyodischen Verfahrens, von einander zu unterscheiden, und Prinz giebt uns in dem 11ten und in dem 18ten Hauptstücke, des dritten Theiles, seines Satyrischen Componisten, folgende Beschreibung von dem einen, und von dem andern: »Genus monodicum ist, wenn der Componist sein Absehen nur auf eine einzige Stimme richtet, und dieselbe nach einer gewissen Weise fortzufahren setzet, die andern aber dazu componiret, wie es ihm ohngefähr einkömmt, also, daß sie mit der besagten Principalstimme bisweilen gleichmäßig, bisweilen ein wenig anders fortgehen. Genus polyodicum ist, wenn der Componist sein Absehen auf alle Stimmen zugleich richtet.[«]

Nun läßt sich zwar schlechterdings nicht bestimmen, w[a]nn, und zu welcher Zeit, eine mannigfaltige Harmonie, in Ansehung des unterschiedlichen Grades der wirkenden Kraft der Harmonie, einfach, und, wann sie in einem unbestimmten Grade, vielfach einher gehen müsse. Dieses hängt nicht einmal allemal von dem Setzer, sondern von den besondern Umständen der Zeit, des Orts, und der Gelegenheit ab.

Allein, es ist auch weder das monodische, noch das polyodische Verfahren, weder an die einfache, noch auch an die in unbestimmten Grade vielfach einhergehende Harmonie gebunden. Eine Composition kan in einem starken Grade vielstimmig seyn, und dennoch nur immer noch eine Frucht des monodischen Verfahrens, oder des vorhero empfundenen Eindrucks der blos einfach ausgedehnten Harmonie seyn, so, wie gegentheils selbst ein einzelner, oder einstimmiger Gesang, eben sowohl ein Effeckt des monodischen als des polyodischen Verfahrens seyn kan; nachdem nemlich ein Setzer, bey der Grundlegung einer Zusammensetzung, mehr oder weniger den Eingebungen der blos einfachen Harmonie, oder nachdem derselbe mehr oder weniger dem Eindruck der zusammengesetzten Harmonie, gefolget ist.

[15] Demnach betrifft meine gegenwärtige Untersuchung die musikalischen Zusammensetzungen nicht, in sofern sie sich mittelst der Bewegung entweder einfach, oder vielfach, äussern; sondern, in sofern sie der Art ihrer Zeugung nach, entweder aus der einfach, oder aus der vielfach ausgedehnten Harmonie geflossen sind, und folglich von dem Componisten entweder polyodisch, oder monodisch, einfach oder vielfach veranstaltet worden sind.

Ich darf nu[n] die Materie meiner Abhandlung deutlicher aus einander setzen, um die Wahrheit meines Satzes einem jedem fühlbar und empfindbar zu machen.

Ich muß daher gleich Anfangs, so wohl die unterschiedliche Natur und Beschaffenheit eines jeglichen dieser Verfahren an sich, als die aus dem einem, und dem andern entstehenden unterschiedlichen Wirkungen erklären, und ins Licht setzen.

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