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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 14

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem]

[15] Das XIV. Capitel.

wie das monodische und das polyodische Verfahren von einander unterschieden sind.

Das monodische und das polyodische Verfahren begreifen ein jedes, wo nicht alle, doch zum wenigsten verschiedene Arten und Gattungen der Musik unter sich. Es unterscheidet sich aber eines von dem andern, in dem, was sowohl die Art des Gebrauches der Harmonie an sich, als die Art des Gebrauches der Bewegung dieser Harmonie, anbelanget.

In Ansehung des Gebrauches der Harmonie, unterscheidet sich das monodische Verfahren, oder vielmehr ein Setzer, so sich desselben bedienet, von der polyodischen Art zu componiren, überhaupt darinnen, daß er blos die hintereinander verbundenen einzelnen Töne, oder die einfache Harmonie allein, ohne Absicht auf die zusammengesetzte, nach seinem vorgesetzten Zwecke richtet; die zusammengesetzte Harmonie aber dieser vorausgesetzten Folge einzelner Töne, so gut als es sich thun läßt, bequemet. Da hingegen passet umgekehret, ein polyodischer Setzer gleich anfangs die zusammengesetzte Harmonie seinen Absichten unmittelbar an, und erzeuget hiernächst eine Folge einzelner, oder mehrfach verbundener Töne daraus, so, wie er es nach seinen Absichten für gut findet.

Was die unterschiedliche Art des Gebrauches der Bewegung der Harmonie betrifft, so geht die monodische Setzart überhaupt darinnen von der polyodischen ab, daß, da die Folge der einzelnen Töne, in einer einzelnen Stimme, mehr Lebhaftigkeit und mehr Geschwindigkeit in der Bewegung zulassen, als eine Folge verschiedener Accorde; das monodische Verfahren [16] der lebhaften Bewegung der einzelnen Töne zu gefallen, den Gang und die Bewegung der vielfachen Harmonie, dergestalt nachsetzet, daß sie diesen um jener willen aufschiebet, und verzögert; an statt daß hingegen das polyodische Verfahren, den Gang, und die Bewegung der Folge der einzelnen Töne, dem vorher geordneten Gange und der Bewegung der zusammengesetzten Harmonie, nachsetzet und unterwirft.

Man kan zwar eben sowohl in der schlechten, und unabgemessenen, als in der abgemessenen, und ins besondere, in der rhythmischen Musikart, sein Absehen sowohl auf eine einzige, als auf alle Stimmen zugleich richten, oder, welches einerley ist, man kan zwar in allen Arten der freyen oder der ungebundenen Musik, sowohl monodisch, als polyodisch verfahren.

Ich betrachte aber allhier sowohl das monodische, als das polyodische Verfahren in Absicht auf die rhythmische Musik, wo nicht nur ein Zeit- sondern auch ein Zahlmaaß; wo Verschiedenheit in der Bewegung, wo Ein- u[n]d Abschnitte, wo mit einem Worte, alle nur mögliche Figuren, und Vollkommenheiten statt finden, deren die Musik nur fähig ist.

Ob nun wohl in der rhythmischen Musik, sowohl die Harmonie, als die Zeit und Dauer derselben, in gemeinschaftlicher Kraft, zu einem und eben demselben Zweck wirken, so ist dennoch die Harmonie, oder die Bestimmung der Wahl der verschiedenen Accorde, das erste, worauf ein Componist seine größeste Sorgfalt zu richten hat. Die Harmonie ist gleichsam die Seele in den Zusammensetzungen. Dahingegen giebt das Zeitmaaß diesen Accorden, als der Materie der Zusammensetzungen, einen Leib, eine absonderliche Form und Gestalt.

Das monodische, und das polyodische Verfahren, findet beydes Platz, sowohl in Herbeyschaffung der Materie zu einer Zusammensetzung, als auch in Ausbildung derselben.

Ich will daher sowohl das eine, als das andere Verfahren, aus diesem gedoppelten Gesichtspuncte betrachten, und vors erste ein jedes derselben für sich, als eine verschiedene Art der Grundlage, zu einer mannigfaltigen Harmonie ansehen.

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