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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 15

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Notenbeispiele folgen.]

[16] Das XV. Capitel.

wie man in der Composition auf monodische Art zu Werke geht.

Laßt uns von der monodischen Art der Grundlegung den Anfang machen[.]

Ein jeder Hauptton, oder eine jede zum Grunde gelegte Zusammenstimmung, ist, in Absicht auf die nach und nach erfolgenden Verände[17]rungen derselben, ein Ganzes, welches in so viel Theile zerschnitten wird, als deren bequem sind, diejenige Empfindung zu erregen, die den besondern Umständen nach erreget werden soll.

Das polyodische Verfahren bedienet sich ganz unterschiedener Mittel diese Theilung zu bewerkstelligen, als man beym monodischen Verfahren dieserhalb anwendet.

Nach dem monodischen Verfahren bedienet man sich der Fortschreitung der einfachen oder der successiven Harmonie dergestalt, daß man sich begnüget, eine, gewissen Absichten nicht gantz unähnliche Folge einzelner Töne, blos in der Ober- oder Haupt-Stimme, hintereinander zu erzeugen, und daraus folgends einen Zusammenklang zu bilden, so, wie es die Beschaffenheit dieser vorausgesetzten Folge leidet. Ein Setzer geht folglich, nach dieser Setzart, von der einfachen Harmonie zu der vielfachen über.

Er richtet sowohl die, der Höhe und Tiefe, als die der Zeit und Dauer nach verschiedenen Töne der Ober- oder Hauptstimme, dergestalt ein, daß sie blos für sich allein, ohne Absicht auf den Zusammenklang, ohngefähr die gesuchte Wirkung thun sollen. Er ist nicht um den aus der Verbindung verschiedener Töne zugleich entspringenden Uebereinklang, sondern blos und lediglich um die Folge der einzelnen Töne hintereinander, in der Ober- oder Hauptstimme, besorget. Ob viel oder wenig mannigfaltiges, oder verschiedenes, in dem Fortgange der vielfachen Harmonie sey; ob die Beschaffenheit, und die Verbindung des mannigfaltigen Uebereinklanges, zu der Absicht etwas beytrage, oder nicht; darum läßt sich ein monodischer Setzer unbekümmert. Es ist ihm genug, daß der blosse Fortgang der einzelnen Töne, nach und nach, an und vor sich selbst also bestehen kan, und seinem Vorhaben nicht offenbar zuwider ist.

Hat er hierinnen seinen Zweck erreichet, so hält er nicht davor, daß bey seiner Zusammensetzung noch etwas zu verlangen stehe. Das, was also in denen nach dieser Art verfertigten Zusammensetzungen nothwendig ist, lieget lediglich in der Folge solcher einzelnen Töne hintereinander, die nicht um des Zusammenklanges willen verbunden sind, und denen die vielfache Harmonie nur so gut anbequemet worden, als es sich hat thun lassen wollen. Diese letzte ist nicht in der Absicht unmittelbar zu gefallen, sondern nur allein um des blos für sich bestimmten einzelnen Gesanges willen da, und muß sich nach demselben richten; der Gesang selbst aber wird destoweniger um der vielfachen Harmonie willen eingerichtet, und bestimmt seyn, je weiter sich ein Setzer von der blos einfach aus[18]gedehnten Harmonie, also hat führen lassen, daß die Verbindung der Töne hinter einander, ohne Absicht auf ihre Verknüpfung über einander, bewerkstelliget ist.

Obwohl ein Monodist, und ein Polyodist, sowohl in Ansehung der Prüfung, und Untersuchung des besondern Vorhabens, als auch in Ansehung der unterschiedlichen Mittel, so dasselbe zu befördern geschickt sind, bey einer jeglichen Zusammensetzung, auf verschiedene Art verfahren, und ungleichen Fleiß und Sorgfalt anwenden, so eines als das andere zu kennen; so will ich dennoch, um den Unterscheid ihres Verfahrens, in Ansehung der Grundlegung zu einer Zusammensetzung, ins Licht zu stellen, setzen, daß sie, in Ansehung des Ausdrucks, beyde ihr Absehen auf einen und eben denselben Gegenstand gerichtet hätten.

Gesetzt, ein monodisch verfahrender Componist, wollte nach Maaßgebung des Charakters einer Gavotte, den Affect einer hüpfenden Freude, in einer zweystimmigen Verbindung der Töne, ausdrücken, so würde er seinen Zweck, ohngefehr auf folgende Art, zu erreichen suchen können. Num. 1.

Der absonderliche Charakter dieser Gattung von musikalischen Zusammensetzungen ist, so lange man blos auf die vorausgesetzte Folge verschiedener einzelner Töne sieht, ganz wohl in acht genommen. Die Cäsur fällt jedesmal in den Niederschlag des zweyten Tacts, und die verschiedene Zeit und Dauer, so in der Bewegung der einzelnen Töne nach und nach ist, ist nicht ungeschickt, uns eine Abbildung des abgezielten Affects zu geben.

Nichts destoweniger aber, da der Setzer in dem, was die Grundlage zu dieser Zusammensetzung anbelanget, blos monodisch, das ist, also verfuhr, daß er die einfache Harmonie seiner Absicht dergestalt bequemete, daß die zusammengesetzte Harmoni[e], sich nach der vorausgesetzten einfachen, diese aber im geringsten nicht nach jener richten mußte; so sind auch die nach und nach erfolgten Accorde also beschaffen, daß sie die Absicht des Setzers nicht nur nicht unterstützen, und ihr mit aufhelfen, sondern derselben vielmehr hinderlich, und im Wege sind.

Denn, so ist die Harmonie des Haupt-Tones, mit Ende des ersten Tacts, schon dergestalt abgenutzet, daß wir sie bey dem Niederschlage des zweyten Tacts, nicht ohne den Ekel und Ueberdruß, den die Monotonie ganz natürlicher Weise erzeuget, noch einmal vernehmen können. Ferner unterscheidet sich die, in dem Aufschlage des dritten Tacts, erfolgte Zusammenstimmung, von der unmittelbar vorhergegangenen, viel zu wenig, um nicht aus eben dieser Ursache ebenfals widrig und unangenehm zu werden. Sie ist nur eine Versetzung der Theile der unmittelbar vorhergegangenen [19] Harmonie; Beyde haben einen, und eben denselben Grundton, den wir sowohl beym Niederschlage, als beym Aufschlage des Tacts gedenken. Wollte man der aus Monotonie entspringenden Ungelegenheit dadurch abhelfen, daß man allhier den Baß oder die tiefere Stimme änderte, so würde nicht nur der Baß widernatürlich und gezwungen[,] sondern auch der Gesang, und desselben Kraft, geschwächet werden.

Das, was den Grund in dieser Zusammensetzung ausmacht, besteht in blos einfacher Harmonie. Die blos verschiedenen einzelnen Töne der Oberstimme, nicht aber auch die verschiedenen Zusammenstimmungen, sind nach der Hauptabsicht bequemet, und ihr angepasset. Diese sind nur um jener willen da, und jene sollen schon alles dasjenige enthalten, was nach Beschaffenheit der Umstände nöthig zu seyn schien. Mithin ist das, was in dieser Gattung der Zusammensetzung nothwendig ist, nicht in dem Zusammenklange, sondern in der blos für sich bestimmten Folge einzelner Töne zu suchen. Man muß sich daher nicht wundern, wenn wegen des allzuweit aufgeschobenen Fortganges des Grundtons, und des daher rührenden Mangels genugsamer Verschiedenheit der Harmonie, unser natürlicher Hunger nach einer mannigfaltigen Harmonie nicht also gestillet wird, wie es die heftige Sehnsucht unsrer Seele nach derselben erfodert. Noch weniger aber muß es uns befremden, wenn diese Folge unterschiedlicher Zusammenstimmungen nicht geschickt ist, uns das besondere Vorhaben des Setzers, bey dieser Zusammensetzung, auf einige Weise zu erkennen zu geben. Denn so sind die verschiedenen Accorde, an und vor sich betrachtet, der besondern Absicht des Setzers gar nicht so gemäß, daß man sie nicht auch bey ganz anderer Gelegenheit, und in einem ganz andern Stücke, eben so auf einander folgen lassen könte; und man allenfalls, nicht glauben sollte, daß sie für selbiges ebenermaßen also verbunden worden wären. Man wird sich hiervon um desto eher überzeugen können, wenn man sich diese Verbindung der Accorde, mittelst der Original-Fortschreitung des Grundklanges, in eben derjenigen Gestalt vorstellet, wie sie aus derselben entstanden ist. Siehe Num. 2.

Es ist also allhier in dieser Zusammensetzung, weder der Hauptabsicht der Musik, noch auch der besonderen Absicht des Setzers, so derselbe bey dieser besondern Zusammensetzung hatte, eine Gnüge geschehen. Das macht, der Grund derselben ist in blos einfacher Harmonie geleget. Die vielfache Harmonie muß sich derselben bequemen, und hat folglich ihren Grund nicht unmittelbar in der Absicht des Setzers, sondern in der zufälligen Beschaffenheit der, sonder Absicht auf die verschiedenen Zusammenstimmungen bestimmten, Folge der einzelnen Töne in der Oberstimme.

[20] Ich füge diesem annoch ein Exempel der monodischen Art der Grundlegung bey. Num. 3.

Der Affect oder die Gemüths-Neigung, so eigentlich in dieser Zusammensetzung abgebildet werden soll, ist eine aus innigster Liebe und Ehrfurcht herrührende wehmüthige Verwunderung, über den flüchtenden Heyland.

Es ist aber in dieser Verbindung der Accorde, so wenig etwas enthalten, wodurch diese Gemüthsbewegung charakterisiret werden könnte; daß sie vielmehr nur eine Folge ganz gemeiner und gewöhnlicher Accorde, die fast zu gar keinem bestimmten Ausdrucke, irgend einer Leidenschaft, geschickt ist, darstellet. An statt einer Reihe solcher verschiedenen Zusammenklänge zu veranstalten, wodurch Liebe und Wehmuth, und die darauf sich gründende Verwunderung abgebildet werden könnte, hat der Setzer sich begnüget, blos auf einander folgende einzelne Töne, auf eine, seinem Vorhaben ihm nicht ganz unähnlich-geschienene Weise, zusammen zu fügen. Die Verschiedenheit der Zusammenstimmungen aber, ist ihm so wenig in den Sinn gekommen; daß er vielmehr den Fortgang derselben wider die Natur aufgeschoben, und von einander getrennet hat: weil es ihm nur um eine Folge verschiedener einzelner Töne, nicht aber um eine Folge verschiedener Zusammenstimmungen zu thun gewesen; und er geglaubet hat, daß diese schon für sich die gesuchte Wirkung thun könnten, ohne daß es der Kraft des Zusammenklanges dabey bedürfe. Es ist hierbey zu merken, daß man diesen monodisch verfertigten Zusammensetzungen, auch noch so viel Stimmen beyfügen mag, so wird doch das nicht damit bewerkstelliget, was der Erforderniß der Haupt- und der besonderen Umstände nach, in einer jeden derselben nothwendig ist. Denn dieses wird nur aus der, aller Musik zum Grunde liegenden Vollstimmigkeit, nicht aber aus dem blos für sich, und ohne Absicht auf die Vollstimmigkeit, bestimmten einzelnen Gesange hergeleitet und erzeuget.

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