Startseite » 18. Jh. » Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 16

Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 16

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Notenbeispiele folgen.]

[20] Das XVI. Capitel

Erklärung der polyodischen Art der Grundlegung eines Gesanges.

Wir wollen anjetzo auch sehen, wie das entgegen stehende polyodische Verfahren, in Ansehung der Grundlegung, oder der Bestimmung der Verschiedenheit der Accorde, in den Zusammensetzungen, zu Werke geht.

Ein polyodischer Setzer bedienet sich der Fortschreitung der vielfachen Harmonie, und sucht zuförderst eine solche Folge verschiedener Zusammenklänge zu veranstalten, die sowohl der allgemeinen, als auch seiner vorhaben[21]den besonderen Absicht gemäß ist; und wie er aus dieser die Verbindung einzelner Töne heraus ziehet: so thut diese letztere auch, in Kraft des Zusammenklanges, diejenige Wirkung, so sie der Absicht des Setzers nach thun soll, und thut sie allemal gewiß, sie mag einfach oder vielfach wirken. Der Gesang eines solchen Componisten ist der vielfachen Harmonie unterworfen, und hängt von derselben ab.

Er geht von der zusammengesetzten zu der einfachen oder successiven Harmonie über, nicht aber umgekehrt. Die verschiedenen Zusammenstimmungen werden sogleich unmittelbar, und schon bey der Erfindung, der Hauptabsicht angepasset; daher drücken sie auch schon, an und vor sich selbst, im Ganzen diejenige Empfindung aus, auf welche der Setzer sein besonderes Augenmerk gerichtet hat. Zu geschweigen, daß zugleich auch dadurch der Begierde unserer Seele, nach welcher sie nicht blos durch die einzelnen Theile einer und eben derselben Zusammenstimmung, sondern durch Töne mit ihren völligen Zusammenklängen betrachtet, will befriediget, gerühret, beweget und erschüttert werden, eine vollkommene Gnüge geschieht.

Ich setze den Fall, daß ein polyodischer Setzer sich vorgenommen hätte, den vorhin monodisch ausgedrückten Charakter einer Gavotte, polyodisch, oder dergestalt zu schildern, daß der Gesang nur in Kraft solcher Zusammenstimmungen wirken sollte, welche an und vor sich schon geschickt sind, den Entwurf derjenigen Leidenschaft, auf welche es hier vornehmlich ankömmt, an den Tag zu legen; so würde er sich nicht begnügen, blos eine solche Folge verschiedener einzelner Töne hinter einander zu verknüpfen, welche an und vor sich bestehen können, und die der Absicht auf keine Art zuwider sind: sondern er würde auch die mannigfaltigen Accorde, oder den beständigen Fortgang des Grundklanges so dieselben erzeuget, selbst dieser Hauptabsicht also anzupassen bemühet seyn, daß die Harmonie diejenigen Eindrücke auf das Gemüthe machen möge, welche sie ihrer Bestimmung nach auf dasselbe machen soll. Von diesen verschiedenen Zusammenklängen erfüllet und erhitzet, würde er eine, seinem Vorsatze gemäße Folge einzelner Töne, in einer einzelnen Stimme, erzeugen, welche ihrer Einfachheit, oder ihrer Vielfachheit ohngeachtet, dennoch, wegen der ihr zum Grunde liegenden Vollstimmigkeit, oder zusammengesetzten Kraft der Harmonie, den abgezielten Zweck um so vielmehr hervorbringen würde, weil sie nur aus dem Zusammenklange floß, und darauf beruhet. Num. 4.

Der Fortgang der Zusammenstimmungen ist, ohne Absicht auf die Ausbildung derselben, schon geschickt, sowohl den Affect einer springenden Freude, als die Form dieser Gattung musikalischer Stücke zu bezeichnen. [22] Die Abänderungen der Harmonie des Haupttons, besonders aber diejenige des zweyten Viertheils des zweyten Tacts, gehen zwar von dem Haupttone ziemlich weit ab, doch geschieht es hier nur gleichsam im Vorbeygehen, und ohne der Einheit des Hauptcharakters Tort zu thun.

Die hiernächst folgenden Zusammenstimmungen werden dadurch desto angenehmer gemacht. Die Cäsur ist schon durch den Fortgang der vielfachen Harmonie bezeichnet, veranlasset, und herbey geführet worden.

Das was in diesem musikalischen Stücke, sowohl in Ansehung der Ausdrückung überhaupt, als der absonderlichen Form derselben, nothwendig ist, befindet sich also schon in der Folge der verschiedenen Accorde; hingegen war oben die Folge der einzelnen Töne blos um ihrer selbst willen da.

Der polyodisch verfahrende Setzer ist denen von der zusammengesetzt ausgedehnten Harmonie erhaltenen verschiedenen Eindrücken gefolget; an statt daß gegentheils der Monodist, mittelst der Wiedererinnerungskraft, nur blos die einzelnen Töne wieder aufsuchte, welche die vormahls vernommenen Sangweisen in seinem Gemüthe hinterlassen hatten. Man betrachte die verschiedenen Accorde, auf das simple zurück gebracht. Num. 5.

Eben so ist die Grundlegung, oder die Bestimmung der unterschiedlichen Zusammenklänge, zu der folgenden Zusammensetzung, polyodisch vorgenommen worden. Num. 6.

Schon die Folge der unterschiedlichen Zusammenstimmungen ist also beschaffen, daß das Absehen des Setzers dadurch an den Tag geleget wird. Der Affect veranlaßte allhier, so wie in dem vorhin angeführten monodischen Beyspiele, die Tonart der kleinen oder sogenannten weichen Terz. Das besondere Absehen des Setzers aber, den Zustand einer bedrängten Seele, durch eine ungewöhnliche Harmonie, recht natürlich zu schildern, verursachte den Uebergang des Grundtons in dessen Quinte, mit der darunter verstandenen Septime. Durch diese Septime wird die Octav des noch im Sinne schwebenden Haupttones, zur Undecime gemacht, welche denn die alhier, nach dem Sinne der Worte, zu bewerkstelligende Anstrengung der Lebensgeister um desto mehr befördert, da diese, zum Accord der Septime beygefügte, neue Dissonanz, der Undecime gegen die Quinte des Haupttones, eine abermahlige Septime ausmachet, so daß nach dieser Verbindung der unterschiedlichen dissonirenden Klänge, der darauf folgende Accord des Haupttones, mit der größeren Terzie, welcher, ohne diesen vorhergegangenen Mißlaut, von einer anstrengenden Kraft seyn würde, alhier nothwendig, und angenehm gemacht wird. Der Verfasser bedienet sich hierauf des Fort[23]ganges in die Quarte des Haupttones, also daß er mittelst desselben in den Accord der Septime des Tones trifft, um den auf das Wort einzge fallenden Nachdruck, dadurch zu erheben. Dieser Accord der Septime, veranlaßet ferner die Fortschreitung in der Terzie des Haupttones; und der in dieser Zusammenstimmung zugleich mit begriffene Hauptton, dienet dem Setzer, mittelst der Secunde des Tones, wiederum in den Accord der Quinte des Haupttones, mit der größeren Terz, zurück zu treten, um durch den in der Singestimme angebrachten Sprung in die Oberquinte, die in den Worten ausgedrückte Verwunderung an den Tag zu legen.

Der bloße Fortgang der unterschiedlichen Zusammenstimmungen, hält alhier schon die Materie alles dessen, was der besondern Absicht des Setzers nach nothwendig war, in sich; die Accorde an sich, sind der Plan, der Grundriß, und der erste Entwurf, nach welchem die vorgesetzte Leidenschaft erregen zu können, sicher ist: wenn auch gleich wenig Figuren des Gesanges, und noch weniger Zierlichkeiten der Execution dazu kommen sollten. Sowohl die Ruhestellen, die Fälle, und die Erhebungen der Folge der einzelnen Töne des einzelnen Gesanges, als die zu beobachtende, und recht mit Fingern angezeigte Accentation der Wörter, gründen sich auf eine solche Verbindung verschiedener Accorde, welche sowohl der Haupt-Absicht der Musik, als der besondern Absicht des Setzers, vollkommen gemäß ist. Num. 7.

Dieser Gesang, oder diese Folge der hinter einander verbundenen einzelnen Töne, ist nicht um ihr selbst willen bestimmt und festgesetzet, sondern sie floß aus denen, der Absicht unmittelbar angepaßeten, verschiedenen Zusammenstimmungen, und ist denselben unterworfen. Der Componist folgte, bey der Verfertigung dieser Zusammensetzung, denen von der vielfach ausgedehnten Harmonie gehabten Eindrücken.

Wenn also ein Setzer monodisch verfährt, so befindet sich das, was in seiner Zusammensetzung den Haupt- und den absonderlichen Umständen nach, nothwendig ist, nur blos in der für sich bestimmeten Folge der einzelnen Töne; die zusammengesetzte Harmonie hingegen, ist in derselben willkührlich, und nur um jener willen da. Gegentheils wird, nach dem polyodischen Verfahren, der Grund zu dem, was in einem musikalischen Stücke nothwendig ist, allemal vielfach geleget; die Folge der einzelnen Töne nach einander aber, oder der Gesang, ist willkührlich, und von der vorausgesetzten vielfachen Harmonie abhängig. Jemehr ein Componist gleich bey seiner Erfindung bemühet gewesen ist, die Eindrücke solcher verschiedenen Zusammenstimmungen zu empfinden, welche sein besonderes Vorhaben auszudrücken fähig sind: destomehr wird auch seine mannigfaltige Harmonie, die ein Effect dieses Verfahrens ist, geschickt seyn, die gesuchte Wirkung zu [24] thun; denn sie hängt nicht von willkührlich verbundenen einzelnen Tönen, sondern von einer solchen Folge verschiedener Uebereinklänge ab, die der natürlichen Bewegung unserer Seele gemäß sind, und dieselbe zu unterhalten, die Kraft haben. Je weiter hingegen ein Componist den Eindrücken der blos einfach empfundenen Harmonie gefolget ist, und sich begnüget hat, nur die einzelnen Töne, nicht aber die Accorde selbst, seiner vorgesetzten Absicht anzumessen; um destomehr wird er auch nur blos durch die Folge der einzelnen Töne, das heißt sehr schwach, dasjenige, was den Haupt- und absonderlichen Umständen, und Absichten nach nothwendig war, ausdrücken; wenn auch im übrigen weiter keine andere Ungelegenheiten daraus entstehen sollten. Demnach vernehmen wir entweder einen bloßen Gesang, und um desselben willen einen Zusammenklang; oder umgekehret, einen fortwährenden Zusammenklang, und, um des Zusammenklanges willen, einen Gesang, nachdem ein Componist in Verfertigung einer mannigfaltigen Harmonie, mehr, oder weniger monodisch, oder mehr oder weniger polyodisch verfahren ist.

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Musikwissenschaft Leipzig

Eine (Quellen)Texte-Sammlung des Zentrums für Musikwissenschaft Leipzig

CULTURAL HACKING

Urban Interventions

Open-Access-Netzwerk

Netzwerk von Open-Access-Repositorien

vifamusik

ViFaMusik-Blog

Centre for Musical Research

Bath Spa University

The WordPress.com Blog

The latest news on WordPress.com and the WordPress community.

%d Bloggern gefällt das: