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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 17

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Notenbeispiele folgen.]

[24] Das XVII. Capitel.

Scheinbare Vorzüge der monodischen Art der Grundlegung eines Gesanges.

Es ist an dem, daß diese unterschiedlichen Setz-Arten nie gantz rein, und ohne Vermischung einer mit der andern, ausgeübet werden. Ein Setzer wird einmal mehr oder weniger, als das anderemal, von dem Eindrucke der zusammengesetzten, oder von dem Eindrucke der einfach ausgedehnten Harmonie, gerühret und getroffen, und daher verfährt er auch, in verschiedenem Grade, bald mehr monodisch, bald mehr polyodisch.

Es ist ferner wahr, daß in einem einzelnen Gesange, um so viel mehr Manieren, um desto mehr Figuren und Verkleinerungen der Noten von allerhand Art, Statt finden; daß eine desto geschwindere Bewegung des Zeitmaaßes, ein desto weiterer Umfang der Töne, in dem einzelnen Gesange Platz hat, je weiter man den Fortgang der vielfachen Harmonie dergestalt verschiebet und verzögert, daß die verschiedenen Accorde sich nicht sehr nahe berühren. Die unterschiedlichen Töne einer jeglichen Zusammenstimmung gewinnen dadurch mehr Zeit und Raum, sich nach und nach auszubreiten. Sie können also um desto mehr mit andern, der Zeit und Dauer nach geringern Tönen, verknüpfet und verbunden werden: jemehr der Grund zu ihrer Verbindung mit den folgenden Accorden, nur einfach, oder in einzelnen Tönen zugleich geleget ist.

[25] Hieraus entsteht die Bequemlichkeit, einen Gesang so oft zu verändern. Denn wenn die Veränderungen aus den Zufälligkeiten fließen, so muß auch ein Ding zu den Veränderungen desto geschickter seyn, jemehr es Zufälligkeiten hat. Aber solte es wohl erlaubt seyn, denen aus den zufälligen Beschaffenheiten eines Gesanges fließenden Annehmlichkeiten, die wesentlichsten Eigenschaften desselben aufzuopfern? Solte wohl durch die Verschiedenheit, und die Menge der Manieren, der Zierathen, und Figuren in einem Gesange, durch die Geschwindigkeit, und durch die Lebhaftigkeit, so in der Bewegung dieses blos einzelnen Gesanges ist, der Abgang und der Mangel der allernothwendigsten Erforderniß, nemlich der Mannigfaltigkeit in der Harmonie, (wodurch zugleich der Nachdruck, ja selbst die wahre Verständlichkeit bewirket wird) und deren Wahrheit und Aehnlichkeit mit den Gegenständen, denen sie bequemet wird, ersetzet werden können? Es wird sich der Mühe verlohnen, den Ungrund dieser Meynung in der Folge mit mehrern zu zeigen.

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