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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 18

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Notenbeispiele folgen.]

[25] Das XVIII. Capitel.

Widerlegung derselben.

Der Klang an sich, ist schon Harmonie. Wir sind des vollkommensten Uebereinklanges so gewohnt, daß wir denselben bey einem jeden besondern Klange, der unser Ohr vor andern angreifet, mit gedenken, und mit verlangen. Wie nun der Mensch von Natur noch ein größerer Freund der Mannigfaltigkeit, als der Uebereinstimmung ist; also verlanget die natürliche heftige Sehnsucht unserer Seele nach der Bewegung, allezeit einen solchen Fortgang der Klänge, welcher uns einen mannigfaltigen vielfachen Zusammenlaut fühlen und empfinden läßt.

Je größer nun eine natürliche Bedürfniß ist, destomehr Unlust und Mißvergnügen empfinden wir, wenn dieselbe nicht gestillet wird.

Es wird zwar diese Haupt-Erforderniß der Musik, die Sättigung des uns beywohnenden natürlichen Verlangens, nach einer mannigfaltigen Harmonie, bey dem monodischen Verfahren, nicht ganz und gar verabsäumet. Eine jede Folge einzelner Töne, wenn sie sonst nur nichts widernatürliches in sich hat, kann eben so wenig ohne einen gewissen Grad der Mannigfaltigkeit der Harmonie, oder der Zusammenstimmung seyn, als gewiß es ist, daß jede Folge der Zusammenklänge, auf eine der ursprünglichen Harmonie gemäße Weise veranstaltet, Materialien zu einem Gesange nothwendiger [26] Weise, darbieten muß. Allein, ein monodischer Componist, richtet sein Absehen nur lediglich auf die zierliche Folge der einzelnen Töne, in einer einzelnen Stimme, nicht aber auch zugleich auf die Mannigfaltigkeit in dem Accorde. Mithin so giebt er, durch die Verbindung der einzelnen Töne hinter einander, zwar zu mehr Veränderungen, und zu mehr Auszierungen Gelegenheit, als er nicht zu thun im Stande wäre, wenn er polyodisch verführe. Je weiter aber ein Accord blos einfach ausgedehnet wird; desto mehr wird die nothwendige Abänderung der vielfachen Harmonie, den zierlichen Verbindungen der einzelnen Töne, nachgesetzet.

Die Mannigfaltigkeit der Harmonie, findet sich also in den monodischen Zusammensetzungen, nicht nur in weit geringerem Grade, als in den polyodischen; sie erfolget weit seltener, und ist mithin weniger geschickt, unsere natürliche Begierde nach einer mannigfaltigen Harmonie zu frieden zu stellen: sondern sie ist auch selbst den Umständen nur mehr oder weniger gemäß, nachdem der Componist das, was in einer jeden Zusammensetzung nothwendig war, in Kraft des von der zusammengesetzten Harmonie empfundenen Eindrucks, nieder geschrieben, oder nach dem er sich begnüget hat, dem Eindruck der einfachen Harmonie zu folge, blos den Gesang, nicht aber den Zusammenklang, also einzurichten, daß seine Absicht dadurch erlanget werden könne.

Das monodische Verfahren bedienet sich demnach bey Verfertigung eines einzelnen, oder eines mehrfachen Gesanges, nur der einfachen Harmonie, und zwar nicht weiter, als wenn blos durch die Folge der einzelnen Töne hintereinander, ohne Absicht auf den Zusammenklang, eine gewisse Wirkung erlanget werden soll. Die zusammengesetzte Harmonie, wird dieser vorausgesetzten einfachen Harmonie, nachgesetzet. Dahingegen nutzet das polyodische Verfahren vorzüglich der vielfachen Kraft der Harmonie; die einfache aber ist nur um jener willen da. Wie nun eine jede Folge denen Umständen gemäß gewählter Zusammenstimmungen, auch die Materialien zu einem, denselbigen Umständen gemäßen, einzelnen Gesange, nothwendig in sich einschließet; selten aber ein Gesang, der auch an und vor sich nicht ganz unangenehm, und der vorhabenden Absicht nicht ganz ungemäß ist, solche Zusammenklänge darbietet, welche die Hauptabsicht erheben: also kan es auch nicht fehlen, daß nicht die polyodische Art der Grundlage, ein viel bequemeres Mittel, zu Verfertigung einer solchen Zusammensetzung seyn solte, wodurch sowohl die Haupt- als die besondere Absicht der Musik, besser, und gewisser erhalten werden kan, als durch die derselben entgegen gesetzte monodische Art der Grundlage.

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