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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 19

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Notenbeispiele folgen.]

[27] Das XIX. Capitel.

Die monodische Art der Grundlegung zu einem Gesange ist nicht so natürlich als die polyodische[.]

Es ist indessen die monodische Setzart, nicht nur der Erlangung gewisser bestimmter Absichten nicht so zuträglich, als die ihr entgegenstehende polyodische Setzart; sondern sie ist auch, in Ansehung der Zusammenfügung, der Anordnung, und der Einrichtung der unterschiedlichen Theile, aus welchen eine jegliche besondere Zusammenstimmung, so, wie eine jegliche Zusammensetzung verschiedener Zusammenstimmungen, besteht, nicht so natürlich, als diese. Dieses wird aus dem folgenden gantz deutlich erhellen.

Die einzelnen Töne der Ober- oder der Hauptstimme, werden nach dem monodischen Verfahren, ohne Absicht, auf die sie begleitenden tieferen Stimmen, festgesetzet: der Baß, und die tieferen Stimmen aber, werden dieser für sich bestimmten Hauptstimme bequemet, und sind derselben unterworfen. Der Grund einer jeden Zusammenstimmung ins besondere liegt folglich in der Höhe, die von diesem Grunde abhängigen Theile aber, befinden sich in der Tiefe. Nach dem polyodischen Verfahren aber, welches sein beständiges Absehen auf die vielfache Harmonie richtet, und die Verbindung der einzelnen Töne hinter einander daraus ziehet, liegt der Grund der Zusammenstimmung in der Tiefe, und die von diesem Grunde abhängigen Theile, oder oberen Töne, wachsen aus den Grundtönen, als so viel Zweige aus einem Stamme hervor. Sowohl die eine, als die andere Art der Grundlegung, geschieht, und kan ohne Verletzung des Gehörs, geschehen. Läßt indessen eines sich thun und vertragen, so ist jedoch das andere blos gut, recht gethan, und zu gewisser Erlangung eines vorgesetzten Zwecks geschickt. Es dienet zwar auch ein polyodisch bestimmter einzelner Gesang, wenn demselben eine Zusammenstimmung bequemet wird, den übrigen Theilen zum Grunde, indem dieselben ihre Bestimmung von ihm erhalten. Aber ein jeder einstimmiger Gesang, an und vor sich betrachtet, ist schon vorher mehr oder weniger aus der einfach, oder aus der vielfach ausgedehnten Harmonie geflossen, und ist folglich mehr oder weniger ein Effect des polyodischen, oder des monodischen Verfahrens. Daher hat ein Gesang, wenn er eine Frucht des polyodischen Verfahrens ist, den Grund seiner Verbindung um so weniger in den nach einander folgenden einzelnen Tönen, weil diese nicht um ihr selbst willen, sondern nur um der darunter verstandenen Grundklänge willen, von welchen sie ihre Bestimmung erhalten haben, vorhanden sind. Ist er aber eine Frucht des monodischen Verfahrens, [28] und ohne Absicht auf die vielfache Harmonie veranstaltet, so liegt der Grund derselben um destomehr in der Höhe, je weniger der Componist bey der Erfindung, und Bestimmung des Gesanges, an den Zusammenklang gedacht hat; und nur der Verbindung der blos einzelnen Töne, ohne den Zusammenklang zu Rathe zu ziehen, gefolget ist.

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