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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 20

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Notenbeispiele folgen.]

[28] Das XX. Capitel.

Grund der Umkehrung oder der Versetzung des Grundtones überhaupt.

Man möchte hierbey fragen: woher denn in der Musik die Bequemlichkeit komme, den Grund sowohl in der Höhe, als in der Tiefe zu legen, ohne daß das Gehör dadurch auf eine empfindliche Weise beleidiget werde? Ich will mich bemühen, den Ursprung, und die Ursachen dieser Umkehrung, oder Versetzung des Grundtones, alhier zu erörtern.

Es ist die Umkehrung, oder die Versetzung des Grundtones, an sich, so wenig etwas unzuläßiges, oder verwerfliches, daß vielmehr ein guter Theil der Mannigfaltigkeit, und der Verschiedenheit, deren die Musik fähig ist, darauf beruhet. Sie gründet sich auf die ähnliche Kraft und Wirkung der beyden unterschiedlichen Klänge eines Grundtones, und seiner Octav. Die Octav ist das vollkommenste Intervall, weil sie der Einheit, als dem Ganzen, oder dem Grundtone, am nächsten steht, und weil das Verhältniß des Ganzen zu seiner Hälfte, am leichtesten und am geschwindesten in die Sinnen fällt. Sie begreift alle die übrigen Intervalle schon in ihrem Umfange, und fasset dieselbe in Schranken. Alle die ausserhalb ihrer Gränzen befindlichen Intervalle, sind nichts anders, als so viel Wiederholungen derjenigen, die schon in ihrem Umfange begriffen sind. Die unterschiedlichen Klänge der Octav sind vielmehr schon ganz genau mit einander vereiniget, und verbunden; und wir vernehmen keinen einzelnen Ton, ohne daß sich das ihm ähnliche Bild seiner Octav uns zugleich mit eindrücke.

Die Octav ist demnach, in einer jeden Zusammenstimmung, kein neuer, von den übrigen Intervallen der Zusammenstimmungen wesentlich unterschiedener Klang, sondern sie ist nur eine Wiederholung eines oder des andern, in dem Accord, oder der Zusammenstimmung, begriffenen Klanges.

Es zittern bey zwo in der Octav gestimmten Saiten, wenn man eine derselben berühret, so wohl das untere Ende der Octav, wenn das obere [29] beweget wird, als auch dieses, wenn jenes klingend gemachet wird; dahingegen vibrirt bey allen übrigen mitstimmenden Intervallen, nur das obere Ende, wenn das untere Ende in Bewegung gesetzet wird, nicht aber umgekehrt; woraus denn der Vorzug der Octav, vor allen übrigen Intervallen, erhellet. Die der Musik unkündigen Personen singen auch, von der Aehnlichkeit der beyden unterschiedlichen Klänge der Octav verführet, öfters sowohl in einfachen, als in zusammengesetzten Octaven, ganze Lieder mit einander fort, und glauben dennoch immer, in dem Einklange gesungen zu haben.

Da nun die Octav, auf eine wesentliche Art, mit dem Grund-Tone verbunden, und vereiniget ist: da sie das vollkommenste, und zu erst gezeugte Intervall, und gleichsam nur das zweyte Ende desselben ist: so können auch die übrigen Intervalle, nachdem sie mit dem Grund-Tone verglichen worden sind, ebenfals gar leicht mit dessen Octav in Vergleichung gestellet werden, so daß, in dieser Absicht, aus der Octav eben so viel Intervalle, als aus dem Grund-Tone selbst, hervor gebracht werden.

Es giebt z. B. die erste Größe, oder der tiefere Ton der größeren Terzie, deren Verhältniß sich in den Zahlen 4. zu 5. darbietet, in ihre Octav auf folgende Art, 5. zu 8. versetzet, das Verhältniß der kleineren Sexte. Wird die erstere Größe, oder der tiefere Ton der kleineren Terz, deren Verhältniß sich in den Zahlen, 5. zu 6. äussert, um eine Octav erhöhet; so wird dadurch das Verhältniß der größeren Sexte, in den Zahlen, 6. zu 10. hervorgebracht. Es hat daher Zarlin schon die Octav, für die Zeugemutter, für die Quelle, und den Ursprung der Intervallen gehalten. Rameau pflichtet zwar dieser Meynung bey, jedoch mit dieser Einschränkung, daß nemlich der Grund-Ton, zur Erzeugung der Intervalle, sich der Octav nur als eines zweyten Endes bediene, mit welchem alle die aus seiner Theilung entsprungenen Intervalle, übereinstimmen müssen, damit desto deutlicher erhelle, daß nur er derselben Anfang und Ende sey.

Die unterschiedlichen Octaven in der Musik sind demnach nichts anders, als so viele Versetzungen, und Erhöhungen eines Grund-Tones.

Die unterschiedlichen Intervalle bewegen sich in den unterschiedlichen Octaven, nachdem diese, mittelst der Mäßigung, oder der Temperatur, zu einer Zusammenfügung sind geschickt gemacht worden, als in eben so viel Kreisen. Hiermit kan freylich eben so wohl eine Zusammenstimmung erzeuget werden, wenn man den Grund-Ton derselben in der Höhe leget, die von ihm abhängigen Theile aber in die Tiefe bringet, wie solches geschieht, wenn man den Grund dazu in der Tiefe fest ma[30]chet, und die von diesem Grunde abhängigen Theile in die Höhe bringt. Die Gegenwart des Grund-Tons wird nemlich schon in der demselben ähnlichen Octav vorausgesetzet. Die übrigen Theile der Zusammenstimmung machen sich diese Versetzung des Grund-Tons zu Nutzen, so, daß diesemnach die Intervalle ihre Bestimmung sowohl von der Octav, als von dem Grund-Tone, erhalten können. In Kraft dieser vorausgesetzten Gegenwart des Grund-Tones, kan ein jeder Accord eben so oft verändert werden, als er verschiedene Theile hat, ohne daß er seine angenehm oder widriglautende Kraft, dadurch gänzlich verliehret. So kan z. E. mittelst der Versetzung des Grund-Tones, aus einem Accord, nicht [nu]r ein Sexten-Accord, nicht nur ein #6/4 sondern, wenn noch eine kleine Septime dazu genommen wird, auch ein #6/5b ein #6/4/b3 wie auch ein #6/4/2te Accord werden.

Die Umkehrung an sich, hat demnach nicht nur nichts verwerfliches an sich. Die Natur selbst führet auf dieselbe, indem man in Begünstigung der, unter den beyden unterschiedlichen Klängen der Octav bestehenden Aehnlichkeit, von einem Theile der Zusammenstimmung, in einen, derselben zugehörigen Theil übergeht.

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