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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 21

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[30] Das XXI. Capitel.

Unterschied zwischen der polyodischen und der monodischen Umkehrung.

Es ist ein Unterschied zwischen der Umkehrung der Intervalle, und zwischen derjenigen, die aus Accorden entsteht, welche aus der Vereinigung derselben verfertiget worden. Hiernächst so geschieht selbst die Umkehrung der Accorde, in der polyodischen Setz-Art, nur zufälliger Weise, um nemlich die grundrichtigen Accorde dadurch destomehr zu heben, und folglich einen höhern Grad der Mannigfaltigkeit in die Zusammensetzungen zu bringen. Nach dem monodischen Verfahren aber liegt der Grund-Ton der verschiedenen Zusammenstimmungen, um destomehr auf eine beständige gleiche Weise, in der Höhe; die von diesem Grunde abhängigen Theile aber, sind um so vielmehr in der Tiefe: je weniger ein Componist darauf ausgegangen ist, verschiedene Accorde, nach einer gewissen Absicht, um ihrer selbst willen, zusammen zu fügen, und unter einander zu verbinden, und jemehr er sich Gegentheils begnüget hat, blos einzelne Töne, ohne Absicht auf die Zusammenstimmungen, auf eine seinem Vorhaben nicht ganz ungemäße, Weise, nacheinander zu verbinden.

[31] Die Umkehrung, oder die Versetzung des Grund-Tones in seine Octav, ist in den eigentlichen Monodien ein Haupt-Werck, und geschieht darinnen auf eine beständige Weise; die grundrichtigen Accorde sind nur ein Neben-Werck in denselben. Hingegen sind umgekehrt, in denen nach polyodischer Art verfertigten Zusammensetzungen, die grundrichtigen Accorde das eigentliche Hauptwerck, die umgekehrten aber werden nur zufälliger Weise, darinnen angetroffen.

Jemehr ein Componist, in Verfertigung einer mannigfaltigen Harmonie, polyodisch verfährt, destomehr bedienet er sich des Fortganges des Grund-Tones dazu, und destomehr beruhet folglich die Zusammenstimmung auf dem Grund-Tone.

Dahingegen, jemehr derselbe blos also monodisch zu Werke geht, daß er sich von dem, von der bloß einfach ausgedehnten Harmonie, nicht aber dem von der zusammengesetzten Harmonie erhaltenen Eindrucke, führen lässet; desto häufiger findet sich der Grund der verschiedenen Zusammenstimmungen, nicht in dem Grund-Tone, sondern in dessen Octav.

Man kan hieraus leicht den Schluß machen, von welcher Art der Umkehrung eigentlich die Rede sey, über welche sich Fux, in seiner Anführung zur regelmäßigen Composition, auf der 196. Seite, im Eifer also herausläßt: »Ich tadle die Bemühung nicht, immer was neues zu erfinden, sondern lobe sie vielmehr; Wenn jemand sich kleiden wollte, wie vor 50. oder 60. Jahren gewöhnlich gewesen, würde man sich ohnfehlbar lächerlich machen. So hat man sich auch mit der Musik nach der Zeit zu richten. Niemahls aber ist mir ein Mode-Schneider vor das Gesichte kommen, habe auch niemahls von einem solchen reden hören, der die Rock-Ermel an das dicke Bein, oder die Knie, gemacht hätte. Man hat auch noch niemahls einen so thörichten Baumeister gefunden, der den Grund des Gebäudes auf den Gipfel gesetzet hätte, welches aber in der Musik hin und wieder, nicht ohne Verdruß geschickter Meister, und zum Schandfleck der Musik, gesehen, und gehöret wird; als da die Regeln der Natur und der Kunst verkehret, der Grund aus seinem eigentlichen Orte herausgenommen, und in die Höhe gesetzet wird, die übrigen Theile aber erniedriget werden, ohne auf den Grund zu sehen.[«]

Wer sieht nicht hieraus, daß, wenn die polyodische Art der Grundlage, in Ansehung der Haupt-Erfoderniß der Musik, der Mannigfaltigkeit der Harmonie ungleich vortheilhafter, als die monodische, sie zugleich auch der Natur gemäßer ist, als diese; und daß, da das monodische Verfahren an sich, zur Fortpflantzung, und zur Unterhaltung und Vermehrung der [32] Harmonie, sich nicht des von der Natur vorgeschriebenen Mittels, nemlich des Grund-Tones, sondern nur der aus demselben entstandenen Octav, bedienet, das monodische Vorfahren auch mithin keine unmittelbare Nachahmung der Natur, sondern nur eine Nachahmung der Nachahmung, oder eine zweyte Copie sey.

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