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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 22

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[32] Das XXII. Capitel.

Das Zeitmaaß ist in der Musik von großer Kraft.

Ich habe mich, bey der polyodischen und der monodischen Art der Grundlage, vielleicht schon zu lange aufgehalten. Es ist Zeit, daß ich meiner Eintheilung zufolge, das eine, und das andere Verfahren, nach ihrer verschiedenen Art der Ausbildung, betrachte.

Die Zusammenstimmungen, oder die Accorde, machen in der Musik nicht alles allein aus. Sie sind nur erst die Materie der Zusammensetzungen. Es kommt auch hiernächst das Maaß ihrer Zeit und Dauer, die Lebhaftigkeit und die Langsamkeit, die Gleichheit und die Verschiedenheit, so in der Bewegung einer Folge verschiedener Zusammenstimmungen überhaupt, oder in einem, oder in mehrern Theilen derselben besonders ist, in Betracht.

Die geschickt beobachtete Gleichförmigkeit, so in den, der Zeit und Dauer nach, gleichen oder ungleichen Klängen, vorhanden ist, wird der Rhythmus genannt.

Es ist nicht zu glauben, von was für einer erstaunenden Kraft und Wirkung, das Zeitmaaß, und die verschiedene Bewegung desselben, auf das Gemüthe ist, und wie sehr der Mensch, der von Natur ein Freund der Ordnung, und der guten Proportionen ist, dadurch beweget wird. Ein jedes Getöse, darinnen ein Maaß ist, zieht unsre Aufmercksamkeit auf sich. Die abgemessenen Hammerschläge in einer Schmiede sind, ihres rauhen Klanges ohngeachtet, in Absicht auf unsere Empfindung, nicht ohne Ergetzen. Ein Kind wird auf den Armen seiner Amme, durch ein ihm vorgesungenes Lied, so unvollkommen es auch, in Absicht auf die Fortschreitung der Intervallen wäre, destomehr zur Freude, oder zur Traurigkeit beweget, nachdem in der Zeit und Dauer der unterschiedlichen Töne, mehr oder weniger Mattigkeit herrschet, und nachdem der Rhythmus, so sich in demselben befindet, mehr oder weniger Vollkommenheit hat. Es werden sich nach den verschiedenen Graden der Ordnung, und der Unordnung, so sich [33] in demselben hervorthun, auch die Merkmale der verschiedenen Grade, der einen oder der andern Leidenschaft, an demselben äussern.

In Kraft des Rhythmus, und der Lebhaftigkeit, so in der Bewegung desselben ist, geschieht es vermuthlich, daß diejenigen, so den tödlichen Biß der Tarantel empfunden haben, durch die oft wiederholt empfundenen Schläge, wiederum in Bewegung gesetzet werden, sich wieder erholen, und aufs neue belebet werden. Ja, die Erfahrung bestätiget so gar, daß sich die Kraft des Rhythmus, bis auf die vernunftlosen Geschöpfe erstrecke, indem viele derselben, durch Kunst und Anführung, dahin gebracht werden können, sich nach dem Tacte zu bewegen.

Man darf sich daher nicht wundern, wenn eine mannigfaltige Harmonie, so durch einen mannigfaltig abgemessenen Gang, und Bewegung, mittelst eines geschickten Rhythmus, beseelet wird, stärker in das Gemüth eindringet, als eine andere, so dieser Hülfe entbehret.

In Kraft der empfundenen Wirkung des Zeitmaaßes, und der, in den verschiedenen Klängen, beobachteten verschiedenen Bewegung, geschah es, wann Lycidas gegen den Möris sich also herauslies:

Quid, quæ te purâ solum sub nocte canentem,

Audieram, numeros memini, si verba tenerem. Virg.

Die kleinern Gattungen der musikalischen Stücke, als die charakterisirten, deren abgemessene Ordnung leicht in den Sinn fällt, finden eben daher einen geschwindern Eingang, als andere Zusammensetzungen, deren Größe unbestimmet ist, und deren Eintheilung, in Ansehung der abgemessenen Ruhestellen, der Absätze und Einschnitte, willkührlich ist, und wovon wir folglich die Ordnung nicht so leicht fassen und begreifen, als von jenen. Ja, es ist zugleich hieraus schon klar, warum einige, von Seiten der Harmonie betrachtet, sonst unvollkommene Zusammensetzungen, wegen des Zeit-Maaßes, so in denselben ist, dennoch oftmahls Eingang finden, und gefallen.

Die sinnlichen Werkzeuge des Gehörs, sind bey einigen Menschen von einer zartern Beschaffenheit, als bey andern; und machen einige mehr auf die Bewegung, so da in der Fortschreitung der verschiedenen Töne ist, als auf die Fortschreitung der Töne selbst, achtsam.

Das Ohr steht, so zu reden, bey einigen in einer weitern Entfernung von dem Herzen, als bey andern. Je mehr man nur blos für das körperliche Ergetzen der Ohren sorget, desto unempfindlicher wird endlich das Herz. Es setzet nach dem Ausdruck des Cicero einen callum, welcher [34] dasselbe zu den Empfindungen, je länger je unfähiger machet. Denn wie es in der Mahlerey Liebhaber giebt, welche mehr von dem Lichte, und von der unterschiedlichen Mischung, und der Lebhaftigkeit der Farben eines Gemähldes, als von dem darinn befindlichen Ausdrucke der Leidenschaften, gerühret sind: eben also giebt es auch Liebhaber in der Musik, welche mehr auf das Zeitmaaß, und auf die Verschiedenheit, und die Geschwindigkeit, so in der Bewegung eines Gesanges ist, mit einem Wort, welche nur auf die, aus der zufälligen Beschaffenheit eines Gesanges entspringenden Annehmlichkeiten, aufmercksam, und empfindlich sind; ohne sich zu bekümmern, ob derselbe der Natur, und der besondern Absicht, gemäß oder nicht gemäß ist.

Diesemnach sey es entweder aus Gefälligkeit gegen die Liebhaber dieser Art, oder vielmehr aus einem verzärtelten Geschmacke der Setzer selbst, oder endlich noch mehr daher geschehen, weil der Weg, den Gesang aus den vorher, nach allen Umständen, ins Geschick gebrachten Zusammenstimmungen herzuholen, vielen Componisten zu mühsam und zu beschwerlich fiel: gnug, man fing nach und nach an, den Gesang, oder die Folge der hinter einander verbundenen einzelnen singbaren Töne, dergestalt um ihr selbst willen, und ohne Absicht auf die vielfache Harmonie, zu verbinden, daß man an keinen Zusammenklang gedachte; vielweniger aber untersuchet hätte, ob, und wie viel derselbe, zu der gesuchten Wirkung, etwas beytragen könnte. Und dieses heißt das monodische Verfahren.

Daß aber dasselbe, als eine Grundlage zu einer mannigfaltigen Harmonie betrachtet, weder zu der Erreichung der Haupt-Absicht der Musik, noch auch im übrigen der Natur so gemäß sey, als das polyodische, dieses hat sich bereits ergeben. Es ist anjetzt die Rede davon, wie sich eines und das andere, als so viel verschiedene Arten der Ausbildung betrachtet, verhalten, um zu ihrem Zwecke zu gelangen.

Zwar ist es zu vermuthen, daß jemand, der die Geschicklichkeit hat, die Folge der einzelnen Töne hintereinander, oder den Gesang, nur aus der abgeänderten Zusammenstimmung zu ziehen, oder, welches eben das, denselben nur um der vorherbestimmten Harmonie willen einzurichten, daß, sage ich, eben derselbe den Gesang, nur um der Harmonie willen, formen und bilden werde. Es ist indessen gnug, daß diese beyden Sachen wirklich von einander unterschieden sind, und daß eines ohne das andere seyn könne; um dieselben von einander zu trennen, und dadurch meine allhier gemachte Eintheilung zu rechtfertigen.

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