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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 23

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[35] Das XXIII. Capitel.

Erklärung der monodischen Art der Ausbildung eines Gesanges.

Es unterscheidet sich das monodische Verfahren, in Ansehung der unterschiedlichen Art der Ausbildung, überhaupt darinnen, daß, wie nach dem polyodischen Verfahren die unterschiedlichen Theile einer jeden besondern Zusammenstimmung dergestalt genau mit einander verbunden werden, daß immer einer um des andern willen da ist, so daß sie einander nothwendig sind, und alle Theile in vereinigter Kraft, diejenige Wirkung thun, die sie, der Absicht des Setzers nach, thun sollen; die monodische Setz-Art die einzelnen Töne der Länge nach, blos dergestalt nach einander verbindet, daß die ganze Kraft der Zusammensetzung, nur auf der bestimmten Folge der einzelnen Töne hintereinander, beruhet, alle übrige Theile der Zusammenstimmung aber, derselben unterworfen, und nur um derselben willen da sind.

Ein Monodist ist zufrieden, wenn er nur die allein herschende Folge der einzelnen Töne, in einer einzelnen Stimme, durch Verkleinerungen, durch Manieren und Figuren, kurz, durch allerhand Arten des harmonischen Schmucks, so ansehnlich, und so gläntzend gemachet hat, daß sie dem Sinn gefallen, und belustigen; wenn sie auch schon im übrigen keine, vielweniger aber eine gewisse oder bestimmte, Leidenschaft oder Gemüths-Neigung ausdrücken. Um diesen herrschenden Gesang, durch Zieraten und Figuren, so schimmernd, als es nur möglich ist, zu machen, so vereinzelet er alle die zu der Zusammenfügu[n]g gehörigen Theile, u[n]d bringt dieselben in der Folge, mittelst verschiedener anderer, der Zierlichkeit halber dazwischen gesetzter Klänge, blos nach und nach hervor.

Die übrigen Theile der Zusammenstimmung, so diesen Gesang begleiten, thun weiter nichts, als daß sie die, in dem einzelnen Gesang befindlichen, und darinnen nach und nach zum Vorschein kommenden einzelnen Töne wiederholen, und denselben dadurch unterstützen; mithin sind die übrigen zu dieser herschenden Folge gesetzten Stimmen, nicht auf eine wesentliche Art mit derselben verbunden, so daß sie derselben schlechterdings nothwendig wären, und jene ohne diesen nicht bestehen könnte; sondern sie dienen derselben nur zu einiger Begleitung, u[n]d sind nur blos um ihrent willen, nicht aber unmitt[e]lbar um der Absicht willen da. Es ist nicht sowohl die übereinstimmende Kraft der Töne, welche uns in einem, nach dieser Art [36] verfertigten Gesange, rühren und bewegen soll: es ist vielmehr nur die Lebhaftigkeit, die Geschwindigkeit, und die Verschiedenheit, so in der Bewegung der abgemessenen Zeit und Dauer desselben ist, welche das Ohr an sich ziehet. Allein, je mehr ein Gesang alle die in einer Zusammenstimmung befindlichen Theile schon in sich faßet, und nach und nach hören läßt, desto matter und kraftloser muß nothwendig die aus der Vereinigung verschiedener Töne entspringende Zusammenstimmung selbst werden.

Die zierliche Folge der einzelnen Töne, oder der mit Verabsäumung des Zusammenklanges geschmückte einstimmige Gesang, besteht nur in Kraft ein und eben desselben Zusammenklanges; folglich wird die Zusammenstimmung, welche einen also vorausgesetzten einfachen Gesang umgiebt, um desto mehr entkräftet, je weiter der Accord, oder die Harmonie, blos einfach ausgedehnet wurde. Die Zierlichkeiten eines einzelnen Gesanges, erfodern eine Zeit, und einen Raum; und also wird der Fortgang der Harmonie, oder des Zusammenklanges um so vielmehr aufgeschoben, und unterbrochen, jemehr derselbe monodisch ausgebildet wird.

Um den Unterscheid der monodischen und der polyodischen Ausbildung, den Sinnen deutlich und begreiflich zu machen, so setze ich den Fall, daß sowohl ein polyodischer als ein monodischer Setzer, den Eindruck dieser verschiedenen Zusammenstimmungen, gefühlet und empfunden hätte, und daß sowohl der eine als der andere, eben diese Zusammenstimmungen, zu einerley Absicht, zu einem und eben denselben Zwecke, kurz, in eben denselben Umständen, auszubilden sich vorgesetzet hätten. Num. 8.

Ein monodischer Setzer, der weiter kein Absehen hat, als eine zierliche Folge hintereinander verbundener einzelner Töne zu verfertigen, ohne sich zu bekümmern, ob, und wieviel die Zusammenstimmungen selbst zu seiner Absicht mit beytragen, würde seinen Zweck ohngefehr auf folgende Art erreichet haben. Num. 9.

Man sieht hier leicht, daß die unterschiedlichen Accorde, wegen der weiten Entfernung, in welcher sie auf einander folgen, keine sonderliche Kraft aus der vorherbestimmten Harmonie erlangen; Die Abänderung der vielfachen Harmonie, ist vielmehr so entkräftet, daß sie fast gar keine Wirkung thut. Die Menge der überhäuften Figuren und Manieren, macht, daß wir sie fast gar aus dem Gesichte verliehren. Der erste Tact in dieser Zusammensetzung, läßt, um dem allein herschenden Gesange destomehr Frey[37]heit in dessen Auszierungen zu lassen, nur einen, und eben denselben Baß in ganz verschiedenen Tönen hören. Der ganze zweyte und dritte Tact ermüdet das Ohr mit einer und eben derselben Zusammenstimmung. Der vierte und fünfte Tact thut, nach Maaßgebung des zum Grunde gelegten Tact-Gewichts, wegen Mangels genugsam verschiedener Harmonie, oder Zusammenstimmung, eine nicht minder unangenehme Wirkung. Der siebente Tact hat gleichfals mit den zwey letztern Viertheilen des vorhergehenden Tacts, einerley Harmonie. Eben so haben die darauf folgenden 3 Tacte, nemlich der achte, neunte, und zehente Tact, gleichfals ein jeder nur eine einzelne Zusammenstimmung, bis endlich das letzte Viertheil des zehenten Tacts einen neuen Gang und Bewegung anhebt, welcher bis an das Ende, in vereinigter Kraft der Harmonie, fortgesetzet wird.

Es ist bey dieser Art der Ausbildung nicht darauf abgesehen, daß eine Stimme um der andern willen, alle vorhandenen Stimmen aber, in zusammengesetzter Kraft, die gesuchte Wirkung thun sollen; sondern es beruhet nur alles auf der Kraft des vorausgesetzten zierlichen Gesanges, und erhält seine Bestimmung von derselben.

Es erhellet hieraus zu gleicher Zeit, daß unsere natürliche Neigung nach einer mannigfaltigen Harmonie, durch diese Art der Ausbildung, nur wenig gesättiget wird, und daß folglich die Abänderungen der vielfachen Harmonie, um destomehr aus den Augen, und den Zierlichkeiten des blos einzelnen Gesanges, nachgesetzet werden, jemehr man nur darauf bedacht ist, einen Gesang monodisch auszubilden.

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