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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 24

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[37] Das XXIV. Capitel.

Erklärung der polyodischen Art der Ausbildung eines Gesanges.

Ein polyodischer Setzer bearbeite viel oder wenig Stimmen; so sucht er dennoch die unterschiedlichen Folgen der Töne, in einer jeglichen einzelnen Stimme, also zu formen und zu bilden, daß die unterschiedlichen Theile des Zusammenklanges, auf eine wesentliche Art, mit einander vereiniget und verbunden sind.

Wenn er den besondern Umständen zu folge, sich gleich nur der einfachen Kraft der Harmonie, oder blos der Folge der einzelnen Töne bedienet, oder, welches einerley, wenn er auch, in Ansehung der Ausbildung der schon in Vorrath habenden verschiedenen Harmonie, monodisch verfähret; [38] so ist er dennoch bemühet, die Verkleinerungen, oder die Figuren, dem fortwährenden Zusammenklange dergestalt zu unterwerfen, daß auch sein einzelner Gesang, nur in Kraft des Zusammenklanges, auf eine seiner Absicht gemäße Art, wirket. Mit einem Wort: In den polyodisch ausgebildeten Zusammensetzungen zielet alles auf den Uebereinklang ab; so wie hingegen in den monodischen, nur alles auf die Folge der einzelnen Töne, und auf die Annehmlichkeiten, so aus dem häufigen Gebrauche der Zieraten in denselben entspringen, und um deren willen der Fortgang der vielfachen Harmonie, immer zu weit aufgeschoben werden muß, abgesehen ist.

Die vorhin monodisch ausgebildeten verschiedenen Zusammenstimmungen, wirken in polyodischer Zusammensetzung, Num. 10. dergestalt in vereinigter Kraft nach dem Sinn des Setzers, daß sie einander nothwendig sind, und kein Theil ohne den andern bestehen kan. Zugeschweigen, daß selbst die Haupt- oder die Ober-Stimme, in einen weit bequemern Umfang der Töne eingeschränket ist, und in viel weniger Zeit diejenigen Eindrücke auf das Gemüth macht, die sie, der Natur ihrer unterschiedlichen Verbindung nach, auf dasselbe machen soll.

Ein jeder Theil der verschiedenen Zusammenstimmungen wirket und beweget so gar zu der Zeit, wenn sie zusammengesetzet zum Vorschein kommen, nur um der Kraft des Uebereinklanges willen. Und da bey einem sich in der Nähe berührenden geschwinden Fortgange der vielfachen Harmonie, aus der Menge vieler, und verschiedener Figuren, eine Verwirrung und eine Undeutlichkeit, entstehen würde, die noch viel ärger wäre, als alle Zieraten eines blos monodisch bestimmten einzelnen Gesanges; so geht auch ein polyodischer Setzer, mit dem Gebrauch alles dessen, was der Zierlichkeit halber in den Zusammensetzungen ist, viel sparsamer, viel mäßiger, und viel behutsamer um, als ein Monodist. Eine Nachahmung leidet zwar mehr Zierat und Verschönerung, als die andere, nach der Beschaffenheit des besondern Entzwecks, den man darunter suchet.

Diejenigen Zusammensetzungen, welche mehr das unschuldige Ergetzen, als die Erregung starcker Leidenschaften, zur Haupt-Absicht haben, vertragen mehr Zieraten, als diese; hingegen läßt die pathetische, oder die zu dem nachdrücklichen Ausdrucke gewisser starcker Gemüths-Bewegungen bestimmte Musik, keinen so häufigen Gebrauch der Zieraten zu, als jene. Aber alle Zusammensetzungen kommen doch darinnen überein, daß sie harmonischen Schmuck, nur um der, nach einem gewissen Zweck gerichteten Mannigfaltigkeit der Harmonie willen, nicht umgekehrt, mannigfaltige Harmonie, um des voraus gesetzten harmonischen Zierats willen, erfodern: und jenes ist ohne Zweifel vernünftiger, als dieses.

[39] Die Kraft der polyodisch veranstalteten Zusammensetzungen wächset, bey zunehmenden Stimmen, je länger je mehr. Dahingegen wird eine monodisch verfertigte Zusammensetzung, durch die Hinzufügung mehrerer Stimmen, in Ansehung der Kraft der Wirkung, nur wenig gebessert, Ja die Schwäche der Monodie erhellet vielmehr, bey dem Zuwachse der Stimmen, noch weit mehr. Wir fühlen wegen der vielen wiederholten Schläge, so die begleitenden Stimmen zu machen gezwungen sind, wenn sie [n]icht ohne Leben, und ohne Bewegung, wie ganz todt, da liegen wollen, den Mangel der Mannigfaltigkeit der Harmonie noch weit mehr, als bey wenig Stimmen.

Gesetzt, man bildete diese Folge verschiedener Accorde, Num. 11. dergestalt monodisch aus, daß man dabey sein Absehen nur auf die Zierlichkeit der Folge der einzelnen Töne, in einer einzelnen Stimme allein, richtete; und gäbe folgends diesem zierlichen Gesange eine dreyfache Begleitung, so würde es dennoch nicht fehlen, daß die den Gesang begleitenden Stimmen, nicht desto unkräftiger seyn solten, jemehr schon die herschende Folge die unterschiedlichen Theile der Zusammenstimmung in sich begreift, und dieselben auch nach und nach hören läßt. Es würde hiermit, der lebhaften Bewegung der einzelnen Töne ohngeachtet, noch immer Mangel an genugsam mannigfaltiger Harmonie in dieser Zusammensetzung seyn, um den uns natürlichen Trieb nach derselben zu frieden zu stellen. Mangel der Mannigfaltigkeit aber ist in den Werken des Geistes, und, ins besondere in den musikalischen Werken, ein grosser Mangel. Num. 12.

Die begleitenden Stimmen si[n]d alhier nichts anders, als blosse Wiederholungen der schon in der Haupt-Stimme begriffenen unterschiedlichen Theile des Accordes. Sie sind ganz müßig, und könten leicht entbehret werden, da die Ober-Stimme dieselben schon mehrmals nach und nach hören läßt.

Das monodische und das polyodische Verfahren begreifen zwar, wenn man ein jedes derselben, als eine Haupt-Art des Verfahrens betrachtet, in Ansehung der unterschiedlichen Grade der wirkenden Kraft der Harmonie, mit welcher sie umgehn, eben so viel unterschiedliche Gattungen unter sich, als nur unterschiedliche Grade der Vielstimmigkeit der Harmonie möglich sind. So kan man z. E. sowohl mit zwey, mit drey, vier und mehr Stimmen eben sowohl als bey einer einzigen Stimme, sowohl monodisch, als polyodisch verfahren. Ich betrachte aber alhier, weder eines noch das andere, in Absicht auf irgend eine aus der Uebereinandersetzung zwoer, oder mehrerer Stimmen entstehende Art oder Gattung, ins be[40]sondere, sondern nur, in sofern ein einzelner, oder ein vielfacher Gesang, entweder die Ursache oder die Wirkung eines fortgesetzten Zusammenklanges ist, und entweder unabhängig bestimmet ist, und über denselben herschet, oder umgekehrt, demselben unterwürfig, und nur in Kraft desselben bestimmt ist.

Wenn man also die vorhin angeführten verschiedenen Zusammenstimmungen in polyodischer Absicht ausbildete, und jeden Theil der Zusammenstimmung, um des andern willen, dergestalt bestimmete, daß sie einander nothwendig, und in vereinigter Kraft, in das Gehör eindrängen; solte nicht die Kraft und Wirkung der Verbindung dieser verschiedenen Zusammenstimmungen dadurch ungleich mehr erhöhet werden, ohne daß doch deswegen das concertirende Wesen der Ober-Stimme gäntzlich verloren ginge? Num. 13.

Ich füge die Fundamental-Klänge, alhier und auch sonsten, nicht deswegen bey, als ob sie mit zu dem Wesen der Zusammensetzung gehöreten; sondern nur, damit der Fortgang der Grund-Töne, welcher uns, bey Anhörung einer Musik, gleichsam zum Führer und zum Compaß dienet, wodurch wir die Verbindungen der Töne, auf eben diejenigen Quellen, woraus sie entsprungen sind, wieder zurückführen, desto deutlicher in die Augen fallen möge.

Ein Monodist sieht also sowohl bey der Grundlegung, als bey der Ausbildung eines einzelnen oder mehrfachen Gesanges, nur immer auf die successive Harmonie, und zwar nur in so weit, als sie unabhängig und ohne die zusammengesetzte Harmonie erzeuget und hervorgebracht ist. Jene ist sein Haupt-Augenmerck, die Zusammenstimmungen sind nur eine Nebensache. Dagegen ist umgekehrt die Mannigfaltigkeit der Zusammenstimmungen dasjenige, woraus ein polyodischer Setzer, sowohl bey der Grundlegung, als bey der Ausbildung derselben, seine Haupt-Absicht richtet.

Sowohl die Fortschreitung des Gesanges an sich, als die Bewegung desselben, muß sich nach dem vorher in Ordnung gebrachten Fortgange der vielfachen Harmonie richten, und demselben bequemen.

Die Mannigfaltigkeit der Accorde, ist hier die Haupt-Sache, wovon der Gesang, noch mehr aber dessen Zieraten, abhängen.

Nun würde es zwar zu weit gegangen sey[n], wenn man einen Componisten dergestalt einschränken wollte, daß man ihm alle Freyheit benähme, bey gewissen Gelegenheiten, nach Gutbefinden, einen einfachen oder einen vielstimmigen Gesang dergestalt zu verzieren, daß er vor den andern Thei[41]len der Zusammenstimmung hervorragen könne, wenn es sonsten mit der verschiedenen Harmonie, sowohl in Ansehung der Anzahl, als in Ansehung der Beschaffenheit derselben, gegen die Haupt- und absonderliche Absicht der Musik betrachtet, kurz, wenn es in Ansehung der Grundlage desselben seine Richtigkeit hat.

Der Entzweck, und die besondere Bestimmung eines jeden Stückes, wie auch die Einfachheit, oder der besondere Grad der Vielfältigkeit der Stimmen, können einem Setzer mehr oder weniger Freyheit hierinn[e]n erlauben. Doch, da die Schönheit einer jeden Sache, in der Uebereinstimmung, so die mannigfaltigen Theile mit einem Ganzen haben, besteht, und desto vollkommener ist, wenn ein jeder besonderer Theil, zu der Absicht des Ganzen so viel beträgt, als er dazu beytragen kan; nach dem monodischen Verfahren aber, nur ein Theil der Absicht bequemet wird, nach welchem sich die übrigen vorhandenen Theile richten müssen, und folglich nicht alle und jede Theile der Zusammenstimmung, zu der Erlangung der Haupt-Absicht, so viel beytragen können: wer sieht nicht, daß eine Zusammensetzung, bey übrig gleichen Umständen, auch um destomehr Vollkommenheit habe, wenn die vorhin schon polyodisch bestimmten Materialien, auch polyodisch geformt, und ausgebildet sind?

Wie nun das polyodische Verfahren, in Ansehung der Grundlage zu einer Zusammensetzung, schon nothwendig ist, indem es nur allein ein bequemes Mittel ist, unsern natürlichen Hunger, nach einer mannigfaltigen Harmonie, am besten zu stillen; wie eine Zusammensetzung, bey übrig gleichen Umständen, destomehr Vollkommenheit hat, je mehr sie in Ansehung der Ausbildung, polyodisch beschaffen ist: also würde es ein ganz unnützes, und vergebliches Bemühen seyn, die Schwäche und die Unzulänglichkeit des monodischen Verfahrens, in Ansehung der Grundlegung, so, wie die Nothwendigkeit des ihm entgegen gesetzten polyodischen Verfahrens, in eben dieser Absicht, zu der Erreichung des ganzen Entzwecks der Musik, weiter zu entdecken, und in ein helleres Licht zu stellen; wenn nicht das monodische Verfahren, ich weiß selbst nicht, ob durch die Schuld der Liebhaber, oder der Componisten, heutiges Tages so sehr überhand genommen hätte, daß es nicht nur die herschende Setz-Art geworden ist, sondern auch die polyodische, nach ihrer Vollkommenheit betrachtet, schier gar verdrungen hat.

Denn, so stehen nicht nur Anfänger, sondern auch wohl selbst Meister der Setz-Kunst, in den Gedanken, daß der Zweck der Musik, eben sowohl durch das eine, als durch das andere Verfahren, erhalten werden [42] könne; lehren und treiben zu dem Ende, nicht nur ohne Unterschied, ein jegliches dieser verschiedenen Verfahren, als so viel für sich bestehende Sachen; sondern man räumet wohl gar dem monodischen, ohne Bedingung, einen merklichen Vorzug vor dem polyodischen ein, und hält jenes für ein bequemeres Mittel, sowohl die Haupt-Absicht der Musik, als die absonderliche Absicht einer jeglichen besondern Zusammensetzung, zu erreichen, als dieses.

Man wird also die Vorzüge des polyodischen Verfahrens, in Ansehung der Ausbildung, so, wie die Nothwendigkeit desselben, in Ansehung der Grundlage, nicht leicht mit zu viel Gründen befestigen, und bewähren können; weil die Rechte der Wahrheit, der Natur, und der Vernunft dadurch beschützet, und ins Auge gesetzet werden. Lasset uns zu dem Ende die der Harmonie vorgeschriebenen Gesetze der Bewegung, in genauere Betrachtung ziehen, und sowohl das eine, als das andere Verfahren, mit denselben vergleichen.

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