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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 25

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[42] Das XXV. Capitel.

Was Melodie und was Harmonie in der Musik sey.

Ein Monodist geht überall nur mit einzelnen, sowohl der Höhe und Tiefe, als der Zeit und Dauer nach, verschiedenen Tönen, und um dieser willen, mit verschiedenen Zusammenstimmungen um. Dagegen hat ein Polyodist allemal Zusammenstimmungen, und um derselben willen, verschiedene einzelne Töne zum Object. Wie nun ein jeder einzelner Gesang, nachdem er mehr oder weniger polyodisch, oder mehr oder weniger monodisch erzeuget wird, in eben so verschiedenem Grade, entweder von dem Zusammenklange abhängig, oder umgekehrt, der Zusammenklang dem Gesange unterworfen ist: also entsteht ganz natürlich die Frage: Wie sich denn die einfache Harmonie, und die zusammengesetzte, oder welches einerley, wie sich die Fortschreitung der einzelnen Töne hintereinande[r], und die Fortschreitung der zusammengesetzten Harmonie, in Ansehung der Zeugung und des Ursprunges, gegen einander verhalten; ob nemlich die vielfache Harmonie aus der einfachen, oder successiven Harmonie, oder ob umgekehrt, diese aus jener entspringe?

Die Musik-Gelehrten selbst sind hierinnen, noch zur Zeit, so wenig einig, daß vielmehr eine jede dieser verschiedenen Meynungen ihre Anhänger hat.

[43] Ich kan zwar mein Vorhaben, in sofern es die Vortheile des polyodischen Verfahrens vor dem monodischen zur Absicht hat, zu Stande bringen, ohne daß ich diese Frage entscheide. Nichts destoweniger aber, da die Gewißheit der Nothwendigkeit des polyodischen Verfahrens, größtentheils auf derselben beruhet, und durch die Hebung des darinnen liegenden Zweifels ein grosses Gewicht bekommt; so wird es mir erlaubet seyn, zum wenigsten diejenigen Bewegungs-Gründe allhier anzuzeigen, warum ich dafür halte, daß die Natur die Folge der einzelnen Töne, oder welches einerley, die einfache Harmonie aus der zusammengesetzten, nicht aber diese aus jener hervor bringe.

Um aber alle Zweydeutigkeit zu vermeiden, so aus der Benennung der einfachen, und der vielfachen Harmonie, entstehen könte, so muß ich allhier noch einer absonderlichen Benennung, in welcher die Musik-Verständigen das Wort Harmonie, zu nehmen pflegen, Erwehnung thun.

Es wird in dem allerweitläuftigsten Verstande, unter dem Worte Harmonie, alles, was entweder zugleich, oder nach und nach klingt, oder was in gewissen Umständen, und unter gewissen Bedingungen, nur immer also klingen kan, daß selbiges von den Sinnen gefühlet, empfunden, und begriffen werden kan, verstanden. Hiernächst so wird, in besonderem Verstande, nur die ursprüngliche Zusammenstimmung dafür genommen. Endlich wird im absonderlichsten Sinne, in jeglicher Zusammenstimmung, nur derjenige Haupt- oder Grund-Klang, von welchem alle die übrigen Klänge ihre Bestimmung erhalten, und welcher in Absicht auf die übrigen von der Zusammenstimmung abhängigen Theile, als das Ganze anzusehen ist, mit diesem Namen beleget.

Die von diesem Haupt-Tone, und von dem Fortgange desselben, abhängigen Theile, werden sowohl in der Verbindung hinter einander, als in der Verbindung über einander, die Melodie genennet.

In dieser Absicht wird nur eine solche Musik, deren Gesang von dem fortgesetzten mannigfaltigen Zusammenklange abhängig, und demselben unterworfen ist, und wo beydes Gesang und Zusammenklang, in gemeinschaftlicher Kraft, zu einem und eben demselben Entzwecke wirken, melodiös genannt. Daher spricht Rameau in seiner Tabelle von den Kunst-Wörtern: On appelle melodieuse une musique, dont la beauté du chant repond à la beauté de l’harmonie; und die uns aus den entfernesten Zeiten überbliebenen Zusammensetzungen, beweisen gantz klärlich, daß die alten Componisten keinen andern, als nur diesen Begriff, mit den Worten Harmonie [44] und Melodie verbunden haben. Ich darf also nicht befürchten, in Ansehung des Gebrauches dieser verschiedenen Worte, einer Neuerung beschuldiget zu werden, so wenig man auch, heutiges Tages, sie in diesem Verstande zu nehmen, gewohnet seyn möchte.

Alles ist demnach in der Musik entweder Harmonie oder Melodie, und eine jede besondere Zusammenstimmung, hat ihre eigene Harmonie, und ihre eigene Melodie. Ein jeder einzelner Gesang ist also entweder mehr, oder weniger Harmonie, oder mehr oder weniger Melodie, das ist: er hat seinen Grund blos in sich selbst, und in der Verbindung der einzelnen Töne hinter einander, oder er besteht nur um solcher vorherbestimmter Harmonie, oder Grund-Töne willen, die irgend einer besondern Absicht wegen, aneinander gefüget worden sind. Denn da die Töne in ihren Octaven, als in so vielen Kreißen, herum wandeln; so kan man sowohl die obern Töne, oder die Octaven der unterschiedlichen Grundklänge, ohne Absicht auf die Grundklänge selbst, nach und nach eben so verbinden, und zusammenfügen, daß sie den Grund zu den verschiedenen Zusammenstimmungen abgeben, und folglich zur Harmonie machen; als man die Grundklänge selbst, und nur um derselben willen, die von ihren unterschiedlichen Accorden abhängigen unterschiedlichen Theile, also zusammen fügen kan, daß sie nur um der Grundklänge willen wirken, und folglich als Melodie anzusehen sind. Folglich kan eine jede Folge der einzelnen Töne hinter einander eben sowohl als Harmonie, nemlich als einfache, oder Monodie, wie als Melodie, oder welches einerley, sowohl als ein Effect des monodischen, als das polyodischen Verfahrens, angesehen werden. Und es ist nothwendig, daß sie entweder eines, oder das andere, obwohl eines oder das andere in verschiedenem Grade sey.

Je mehr man polyodisch verfährt, destomehr hängt der Gesang von der Zusammenstimmung ab, und destomehr ist er folglich Melodie. Hingegen je mehr man monodisch verfährt, um destomehr ist der einzelne Gesang über die Zusammenstimmung herschend, liegt derselben zum Grunde, und um destomehr ist er folglich Monodie.

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