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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 26

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[44] Das XXVI. Capitel.

Wie sich die Melodie und die Harmonie, in Ansehung der Zeugung und des Ursprunges, gegen einander verhalten.

Die Melodie, als ein abhängiger einzelner Gesang genommen, liebet, in der Art ihrer Fortschreitung, vorzüglich die nahe gelegenen Stuffen, als ganze und halbe Töne, oder einen diatonischen Fortgang, und bewe[45]get sich nur selten in weit entferneten Intervallen, oder in Sprüngen. Dagegen sind der Harmonie, die Sprünge, oder weiten Schritte, mit einem Worte, der consonanzenmäßige Fortgang, so natürlich und so eigen, daß wir denselben bey einer Verbindung verschiedener Accorde, von selbsten zugleich also mit gedencken.

Um nun zu wissen, wie sich die Folge der einzelnen Töne, nach und nach, gegen den Zusammenklang, oder welches eben das, wie sich die successive Harmonie gegen die zusammengesetzte, in Ansehung der Zeugung und des Ursprungs gegen einander verhalten: so darf man nur untersuchen, ob die Natur mittelst des uns angeschaffenen Werckzeuges der Stimme, den natürlichen Gesang entweder als Harmonie, oder als Melodie erzeuge und hervorbringe, das ist, ob derselbe blos für sich selbst, und Kraft der Verbindung der singbaren einzelnen Töne, nach und nach bestehe, und folglich seinen Grund in sich selbst habe; oder ob er von solchen Fortschreitungen des Tones abhänge, die da einen Zusammenklang über sich leiden. Mit einem Wort, ob entweder die Fortschreitung der Töne in Stufen, natürlich und festgesetzt, diejenige in Sprüngen aber veränderlich und willkürlich, oder ob umgekehrt, diese natürlich, jene aber willkürlich sey?

Wenn man auf die ursprüngliche Ordnung der auf einander folgenden Töne Acht hat, so ist es, wie ich schon oben gedacht, eben diejenige, welche in den 6 ersten Stuffen der arithmetischen Fortschreitung enthalten ist.

Es giebt z. E. die Trompete, wie nicht minder alle unabgetheilten klingenden Körper, die Folge der einzelnen Töne nach dieser Ordnung an: und die alten Musik-Verständigen hegten schon die Meynung, daß dieselbe ursprünglich und von der Natur selbst also hervor gebracht werde: istorum intervallorum consequentiam et ordinem ex ipsius naturæ sine depromi. Mers. quæst: et Comment: in Gen: c. 4.

Nun käme zwar diesemnach die Octav, als deren unterschiedliche Größen der Einheit oder dem Ganzen, welches durch dieselbe angedeutet wird, am nächsten stehen am ersten in Betracht. Allein, die unterschiedlichen Klänge derselben, machen einen zu ähnlichen Eindruck auf uns, und sind auch schon auf eine so genaue und unzertrennliche Weise mit einander verbunden, daß die Octav schon, in einem jedem Grund-Tone, so wie dieser in jener, voraus gesetzet wird. Mithin zeiget sich der natürlichen Ordnung der Zahlen gemäß, zuerst das Intervall der Quinte, als ein, zur Fortpflanzung und zur Vermehrung einer Harmonie, dienliches Intervall.

Die Fortschreitung eines Grund-Tones in seine Ober-Quinte, ist uns um desto natürlicher, als die Quinte nicht nur, nächst der Octav, das [46] vollkommenste Intervall, und der vornehmste Gegenstand der Accorde ist, ohne welche keine Zusammenstimmung statt findet; sondern weil sie uns auch mit einem jeden besondern Klange schon zugleich mit eingedrücket wird.

Nun ist die Quinte selbst nur aus der arithmetischen Theilung der Octav entstanden.

1   :   2

2 – 3 – 4

∪   ∪

Sie kehret also gleichsam wieder zu ihrem Ursprunge zurück, wenn sie in die Octav, oder in den Grund-Ton fortschreitet.

Die allernatürlichste Fortschreitung eines Tones, ist demnach diejenige, welche sie in seine Ober-Quinte, und von dieser hinwiederum in die Octave des Grund-Tones selbst thut.

Hieraus entspringet von selbsten die Fortsetzung eines Grund-Tones in seine Quarte, oder Unter-Quinte, und die Rückkehr derselben in die Octav oder in den Grund-Ton. Die Quarte ist nur eine umgekehrte Quinte, oder ein Bild und ein Schatten derselben.

Wie aus der arithmetischen Theilung der Octav das Verhältniß der Quinte entsteht, indem man eine dazwischen gesetzte mittlere Größe mit dem Grund-Tone vergleichet; also entspringet aus der Vergleichung eben dieser mittleren Zahl, mit der Octav des Grund-Tons, die Quarte auf folgende Weise.

2   :   1

4 – 3 – 2

∪   ∪

Die Fortschreitung in die Quarte, oder in die Unter-Quinte eines Tones, ist also nächst derjenigen in die Quinte, die natürlichste.

Es lehret hiernächst die Natur, den Fortgang eines Grund-Tones, oder der Harmonie, sowohl in die Ober- als in die Unter-Terzie, um so mehr, als die Terzien schon in einer jeden Zusammenstimmung mit begriffen, und bey der Zusammenfügung, oder dem Bau eines Accordes, die kleinsten Stuffen ausmachen. Aus der Fortschreitung eines Tones in die Terzie, erkennet man zugleich sowohl die Verwandschaft der Ton-Arten, als die daher entstehende Freyheit, von einer Ton-Art zu der andern überzugehen.

Die natürlichsten Fortschreitungen, diejenigen, so die Natur unmittelbar lehret, und an die Hand giebt, sind also Fortschreitungen in entfernten Schritten oder Sprüngen, als nemlich diejenigen in die Quinte, [47] in die Quarte, und in die Terzie eines Tones. Und diese Fortschreitungen werden durch eben diejenigen Zahlen angedeutet, welche die Verhältnisse des allervollkommensten Uebereinklanges bezeichnen, nemlich 1 oder 2. 3. 4. 5. 6. oder ihnen ähnliche Zahlen.

Ob nun wohl, diesen aus der ursprünglichen Harmonie fließenden Fortschreitungen, annoch der Gang in die Septime eines Tones beygefüget werden kan; so sind dennoch jene vorzüglich die eigentlichen Original-Fortschreitungen eines Grund-Tones. Der Baß, oder die tiefste Stimme einer mannigfaltigen Harmonie, möge in Intervallen fortschreiten, in welche sie wolle, so wird man allemal eine dieser besagten Original-Fortschreitungen darunter verstehen können. Ins besondere aber sind die Gänge in die Quinte und in die Quarte eines Tones, uns so natürlich, daß auch die der Musik ganz unkundigen Personen, dieselben bey förmlichen Schlüssen und Cadenzen, ohne Kenntniß der Kunst, von selbsten ausüben. So fallen z. E. die tieferen Stimmen, nach einem Schluße, in die Quinte unterwärts, an statt daß hingegen die höhern Stimmen, nach eben diesem Instinct, eine Quarte, in die Octav des Grund-Tones, hinaufsteigen.

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