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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 27

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[47] Das XXVII. Capitel.

Der Fortgang der zusammengesetzten Harmonie ist beständig, und von der Natur selbst festgesetzet.

Wie der Klang an sich schon eine vielfache Harmonie ist, also geschieht auch die natürlichste Fortschreitung oder Bewegung desselben in solchen Intervallen, welche hinwiederum einen eben so vollkommenen Accord über sich leiden, als derjenige war, welcher uns mit dem ersten Anfangs-Tone zugleich eingepräget wurde.

Die Fortschreitung der Harmonie oder des Grund-Tones ist auf diese Weise beständig, natürlich, und festgesetzt, und fließet unmittelbar aus der ursprünglichen Harmonie, und aus denen der Bewegung derselben vorgeschriebenen Gesetzen. Denn da die Fortschreitungen der Quinte und Quarte uns am natürlichsten sind, und uns, bey jedem besondern Klange, zugleich mit eingepräget werden; die beyden Accorde der Quinte und der Quarte eines Tones aber, die natürlichste Ton[-]Art anzeigen, und die ganze diatonische Klang-Leiter, und mithin alle in derselben befindliche singbare Stuffen, schon an die Hand geben: so dürfen wir uns nur, der uns ohnedem schon natürlichen Fortschreitungen, der Quinte und Quarte, wiederum erinnern, [48] um so gleich alle die zu der Erzeugung eines natürlichen Gesanges dienenden Materialien, oder singbaren Stufen, so gleich in Bereitschafft zu haben. Das Vermögen zu singen, oder gewisse bestimmte einzelne Töne nach und nach hören zu lassen, ist uns mithin nur deswegen natürlich, weil die Empfindung und das Gefühl, an den begreiflichsten Verhältnissen der Töne, oder, welches einerley, an den unmittelbar aus der Natur und dem Wesen des Klanges entspringenden Original-Fortschreitungen der Accorde, uns natürlich ist. Eine jede Reihe, geschickt auf einander folgender einzelner Töne, setzet demnach eine Reihe geschickt geordneter zusammengesetzten Harmonien oder Accorde voraus.

Es lösen sich auch fast alle nur mögliche Folgen einzelner Töne, in den natürlichen Accord, und in die aus demselben entsprungenen Original-Fortschreitungen wieder auf: zum Zeichen, daß sie ursprünglich aus denselben entstanden sind. Und wenn man einen großen, ja den größten Theil der musikalischen Zusammensetzungen auf das simple zurück bringt, und in die allerersten Fundamental-Fortschreitungen wieder auflöset; so sind sie fast nichts anders, als beständige Uebergänge des Haupt-Tones, in dessen Ober- oder Unter-Quinte, und hinwiederum eine Rückkehr, von diesen beyden Fortschreitungen, in den Haupt-Ton.

Ein jeder einzelner Ton drückt uns demnach schon, mit der ursprünglichen Harmonie, die natürlichsten Fortschreitungen derselben, und eben dadurch eine ganze Ton-Art, zugleich mit ein. Der Klang gleichet einem Licht-Strahl. Wie dieser, wenn er mittelst eines Prismatis auseinander geleget wird, alle die zur Verfertigung eines Gemähldes nöthigen Farben darstellet: also liefert auch ein jeder absonderlicher Klang, alle die zu der Erzeugung eines Gesanges sowohl, als die zu dessen Verstärckung, dienlichen Materialien.

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