Startseite » 18. Jh. » Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 28

Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 28

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[48] Das XXVIII. Capitel.

Warum wir den Fortgang der singbaren Stufen von Natur treffen.

Die Erfahrung lehret, daß die natürliche Stimme den Klang mit einer erstaunenden Leichtigkeit und Geschwindigkeit ausmesse, und die einzelnen Töne, als so viel abgemessene Größen, hervor bringe. Die Ursachen dieses natürlichen Vermögens werden einigermaßen begreiflich, wenn man das folgende in einige Erwegung ziehet.

[49] Die Ordnung ist das große Gesetz, welches sich der Schöpfer der Natur zu allen seinen Werken selbst vorgeschrieben hat. Alle dessen Werke sind durch dieselbe eingerichtet. Die Ordnung ist also allein, was dem höchsten Wesen gefällt. Wir sind von dem höchsten Wesen abstammende Geschöpfe, und werden folglich mit einem natürlichen Triebe zu der Ordnung gebohren. Der Anblick einer Ordnung, sie sey auch wo sie wolle, ziehet natürlicher Weise das Gemüthe auf sich, und lenket unsere Neigung dahin, ohne daß wir selber allemal wissen, wie und warum dieses geschehe: dieses ist nemlich die Natur unsrer Seelen. Die Seele ist nach des Plato Ausspruch, ein vernünftiges Wesen, welches sich nach der harmonischen Zahl beweget. Da nun alle klingenden oder harmonischen Zahlen uns schon, mit einem jeden besondern Klange, auf einmal eingedrücket werden; was Wunder, wenn die natürliche Stimme bey dem Fortgange der singbaren Stufen, dem von dem Klange gehabten Eindrucke gemäß, unter allen möglichen Stufen, vorzüglich nur diejenigen anzustimmen geneigt ist, die der mit jedem Klange unabtrennlich verbundenen, und allezeit mit zu vernehmenden Harmonie, am nächsten verwandt sind.

Die Natur, so überall ordentlich zu Werke geht, und keinen Sprung machet, bedienet sich der mehr begreiflichen Verhältnisse, zur Hervorbringung derjenigen, welche weniger begreiflich sind.

Die ganzen und halben Töne, als die Materialien eines Gesanges, sind nur eine Folge der mit dem Klange, auf eine unzertrennliche Weise, verbundenen Harmonie. Sie sind nur die Differentien der ursprünglichen Consonanzien. Wir müssen also diese vorher empfunden haben, ehe wir jene daraus erzeugen können. Es giebt z. E. das Verhältniß der Quinte und Quarte, mittelst der Abziehung der einen Ration, von der andern, das Verhältniß des größern ganzen Tones:

2 · 3.

X

3 · 4.

——

8 · 9.

Der so genannte kleinere Ton wird, mittelst der Subtraction, durch das Verhältniß der Quinte und größeren Sexte hervorgebracht.

2 · 3.

X

3 · 5.

——

9 · 10.

[50] Der große halbe Ton ist der gefundene Unterschied zwischen dem Verhältniß der Quarte und der größeren Terzie:

3 · 4.

X

3 · 5.

——

15 · 16.

Aus der Differenz der größern Terz, zu der kleinern, wird die Ration des kleinen halben Tones erzeuget:

4 · 5.

X

5 · 6.

——

24 · 25.

Demnach tragen wir den Saamen der Harmonie, und der Melodie, schon in uns, in der uns anerschaffenen Liebe zu der Ordnung und zu guten Proportionen, und dieser fängt an zu keimen und aufzugehen, so bald wir von einem Klange gerühret und getroffen werden.

Ist also der Klang ein Mittel, und eine äusserliche Gelegenheit, den uns natürlichen Trieb zu der Ordnung, in Bewegung zu setzen; so determiniret er auch die Seele zugleich zu dem Fortgange und dem Verfolge solcher Klänge, die der vorher bestimmten Harmonie am meisten gemäß sind.

Das Singen ist uns mithin eben so natürlich, als das zählen. Wie wir alle zählen oder ordnen, vergleichen oder entscheiden, wie wir alle sagen: eins und zwey macht drey, zwey und zwey macht vier; so fühlen und empfinden wir auch die unterschiedlichen Grade der Ordnung in den, der ursprünglichen Harmonie, mehr oder weniger verwandten einzelnen Tönen, ob wir sie wohl nicht allemal deutlich erkennen. Omnes tacito quodam sensu sine ulla arte aut ratione, quæ sint in artibus ac rationibus prava aut recta, dijudicant: idque cum faciunt in picturis, et in signis, et in aliis operibus ad quorum intelligentiam à natura minus habent instrumenti; tum multo ostendunt magis in verborum, numerorum, vocumque judicio; quod ea sunt in communibus infixa sensibus, neque earum rerum quemquam funditus natura voluit esse expertem. Cic: de Orat: lib. 3.

Beym Singen überlassen wir uns also blos dem Eindrucke, welchen der Klang, und die unmittelbar aus demselben fliessenden Fortschreitungen, auf uns gemacht haben: denn diese dienen der Bewegung der singbaren ein[51]zelnen Töne zum Führer und zum Compaß. Die der ursprünglichen Harmonie vorgeschriebenen Bewegungs-Gesetze, und das uns angeschaffene Gefühl an denselben, sind demnach die Ursache aller nur möglichen Abwandelungen dieser Harmonie.

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Musikwissenschaft Leipzig

Eine (Quellen)Texte-Sammlung des Zentrums für Musikwissenschaft Leipzig

CULTURAL HACKING

Urban Interventions

Open-Access-Netzwerk

Netzwerk von Open-Access-Repositorien

vifamusik

ViFaMusik-Blog

Centre for Musical Research

Bath Spa University

The WordPress.com Blog

The latest news on WordPress.com and the WordPress community.

%d Bloggern gefällt das: