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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 29

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[51] Das XXIX. Capitel.

Erfahrungen in dem, was die Erzeugung des Gesanges aus der vorherbestimmten Harmonie anbelangt.

Ein gewisser Kunst-Lehrer hat den natürlichen Gesang, aus dem vorherbestimmten Fortgange des Grund-Tones, oder der Harmonie, gar scharfsinnig hergeleitet: und diese Materie hat zu viel Verbindung mit meinem Vorhaben, als daß ich umhin könnte, dessen darüber gemachte Beobachtungen allhier anzuführen.

»Wir geben, spricht derselbe, so ooft uns die Lust zu singen ankommt, den Anfangs-Ton entweder als einen Grund-Ton, oder, als dessen Terzie, oder Quinte an. Hieraus erhellet, daß wir den vorhergegangenen Eindruck einer ursprünglichen Zusammenstimmung schon müssen empfunden haben. Diese, mit einem Anfangs-Tone empfundene Zusammenstimmung beweget uns, dafern wir ihrem Antrieb nicht mit Vorsatz widerstehen, von allen möglichen Stufen, nur diejenigen anzustimmen, welche mit derselben in der nächsten und in der genauesten Verwandschaft stehen. Sie wird der Schiedsrichter aller darauf folgenden Bewegungen und Veränderungen, und die ganze Reihe der Töne, die wir nachhero durchlaufen, richtet sich auf das genaueste nach der von dieser Zusammenstimmung vorgeschriebenen Ton-Ordnung.

Wenn eine der Musik ganz unkundige, und von den gewöhnlichen Folgen eines Gesanges uneingenommene Person, zu singen anfinge, so wird der erste Ton, den sie angiebt, entweder der Haupt-Ton, oder die Quinte eines angegebenen Haupt-Tones, seyn.

Hat sie nun denselben als Haupt-Ton hören lassen, so wird sie, wenn anders die Beschaffenheit des Umfanges ihrer Stimme es nicht verhindert, die Terzie und die Quinte im hinaufsteigen suchen. Ist sie aber von dessen Klange, als von der Quinte eines Haupt-Tones, gerühret worden, so wird sie den Haupt-Ton in herabsteigen zu finden bemühet seyn. Im ersteren Falle suchet der Haupt-Ton seine Quinte; im zweyten kehret diese wiederum [52] nach dem Haupt-Tone zurücke. Alles dieses geschieht blos natürliches Weise, und kan von einer singenden Person, ohne alle Erfahrung und Kenntniß der Kunst, bewerkstelliget werden.

Giebt aber diese Person, nach einem angegebenen Haupt-Tone, bald dessen Quinte, bald dessen Quarte, im Steigen oder im Fallen, an; so folget sie darum ebenfalls noch den Original-Fortschreitungen. Denn die oberwärts gelegene Quarte stellet die unterwärts gelegene Quinte vor: so wie hingegen die Unter-Quinte, durch die obengelegene Quarte, zufolge dieser Ordnung

c — g — c.

{                       }

2.  3.  4.

dargestellet wird, nach welcher g. allemal in das c. übergeht, es geschehe nun mittelst der Quarte im Steigen, oder mittelst der Quinte im Fallen.

Wenn ferner eben diese Person, nach einem angestimmten Haupt-Tone, die ihrer Stimme bequemen Stufen durchlaufen will, so wird sie im Steigen den ganzen Ton dem halben, im Fallen aber den halben Ton dem ganzen Tone vorziehen; aus keiner andern Ursache, als weil sie, obwohl von der Harmonie des Anfangs-Tons gerühret, da sie dem von der Natur festgesetzten Fortgange der Harmonie nicht unmittelbar folget, sich dennoch zum wenigsten nach dem Zusammenklange desjenigen Tones richten, den sie unmittelbar nach dem Anfangs-Tone anstimmen solte. Denn der ganze Ton über dem zu erst angestimmeten Haupt-Tone, und der halbe Ton unter demselben, machen just die Quinte und größere Terz von der Quinte des zuerst angegebenen Haupt-Tones aus; dahingegen der ganze Ton unter dem Haupt-Tone, nur die kleinere<re> Terzie von eben dieser Quinte ausmacht, als welche schon weniger natürlich ist, als die größere.

Ich setze hiernächst den Fall, daß wir einen Anfangs-Ton angeben, der in der Mitte des Umfanges unserer Stimme gelegen ist; alsdenn finden wir uns, nach dieser Anstimmung, mehr zum hinauf- als zum herabsteigen geneigt; weil wir, dem Eindrucke einer vorhergegangenen Zusammenstimmung zufolge, dieselbe da suchen, wo sie uns am nächsten ist. Zum wenigsten ziehen wir in solchem Falle, die obengelegene Quarte allemal der untergelegenen Quinte deswegen vor, weil sie von unserer Stimme bequemer erreichet wird, als diese, und dennoch aus beyden ein und eben derselbige Fortgang der Harmonie, oder des Grundklanges, entsteht.

[53] Wenn wir, nach einem angestimmeten Haupt-Tone, die unserer Stimme bequemen Stufen betreten, so ruhen wir natürlicher Weise, entweder auf dessen Terzie, oder auf dessen Quarte; vorzüglich aber auf dessen Quinte. Hingegen halten wir im herabsteigen nirgend anders, als bey dessen Quarte, an, welche desselben Ober-Quinte vorstellet. Sollten wir aber gegentheils im herabsteigen auf dessen Quinte, so wie im hinaufsteigen auf dessen Quarte ausruhen, so ist dieses ein Merkmahl, daß wir den Anfangs-Ton, nicht als Haupt- oder Grund-Ton, sondern als die Quinte desselben empfunden haben. Ferner ruhen wir niemahls so gern auf der Terzie eines angestimmeten Tones, als auf dessen übergelegener Quinte. Denn ist derselbe ein Haupt-Ton, so erreget dessen Terzie in uns ein Verlangen, nach dessen Quinte, woselbst wir lieber Athem holen; oder ist er nur die Quinte von einem Haupt-Tone, so ist dessen obergelegene Quarte, welche gegen diese anfangs angestimmete Quinte den Grund-Ton ausmachet, oder die Unterquinte von demselben, eben das, wornach wir uns sehnen.

Wo kömmt endlich die vermeynte Schwierigkeit, drey auf einander folgende ganze Töne, oder den Tritonum hören zu lassen, anders her, als weil wir, von den Gefühl der darunter verstandenen Original-Fortschreitungen des Haupt-Tones mit fortgerissen, uns gleichsam gezwungen sehn, dessen Ober-Quarte, welche dessen Unter-Quinte vorstellet, anzustimmen; so, daß nach zween ganzen Tönen, uns der halbe Ton sowohl im herab- als in hinaufsteigen, leichter und natürlicher wird, als der ganze? denn entweder lassen wir den halben Ton, unmittelbar nach einen vorhergegangenen Haupt-Tone, hören, oder wir stimmen denselben nur erst nach zween vorhergegangenen ganzen Tönen an.[«]

Der natürliche Gesang oder die Verbindung der singbaren einzelnen Töne hinter einander, hat demnach ihren Grund nicht in ihr selbst, sondern in der vorherbestimmeten Harmonie, und in den aus derselben herfließenden Fortschreitungen. Die ursprüngliche Harmonie aber, hat ihren Grund in der Natur unserer Seelen.

Alle und jede äusserliche Ordnung setzet eine innerliche Richtigkeit der vernünftigen Seele voraus, aus welcher sie ursprünglich herrühret.

Wir wollen den Fortgang der einzelnen singbaren Töne, oder der natürlichen Melodie, so lange für abhänglich, den Fortgang der zusammengesetzten Harmonie aber, für unveränderlich, für beständig und für natürlich halten, bis das Gegentheil dargethan, und erwiesen seyn wird.

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