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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 30

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[54] Das XXX. Capitel.

Einige aus der Abhänglichkeit des natürlichen Gesanges fließende Schlußfolgerungen.

Lasset uns unsere Gedanken auf einige, aus der Abhänglichkeit des natürlichen Gesanges, von der vorherbestimmten vielfachen Harmonie, fließende Schlußfolgerungen richten.

Wann aber diesemnach der natürliche Gesang nicht für sich selbst besteht, sondern nur eine Folge des Eindrucks der vorher empfundenen vielfachen Harmonie ist, und aus derselben, wie aus seiner Quelle, entspringet; was folget gewisser und nothwendiger hieraus, als daß die Kunst, so nur eine Nachahmung der Natur ist, den Gesang nie sicherer und gewisser nach gewissen Absichten lenken, und richten könne, als bis sie die Harmonie, oder die Grund- und Stamm-Töne, auf welchen der Gesang, als wie auf seinen Pfeilern ruhet, vorher bestimmet, und auf eine, den Haupt- und besondere Umständen, und Absichten gemäße, Weise ins Geschick gebracht hat, und folgends einen Gesang daraus zieht; und daß folglich der Componist in Pflicht stehe, polyodisch zu verfahren? Warum, wird man fragen, verfährt aber dem ohngeachtet der größeste Theil der Setzer, der Vorschrift der Natur zu wider, so wohl in dem, was die Grundlage, als die Ausbildung einer mannigfaltigen Harmonie anbelanget, noch immer mehr monodisch, und bequemet lieber dem vorher gefundenen, und mit allen nur möglichen Zierathen bestimmten einzelnen Gesange, eine vielfache Harmonie, als daß er diese selbst den Absichten unmittelbar anmessen, und hernach einen, den Umständen gemäßen Gesang, daraus erzeugen, und hervor bringen solte? Man darf nur das nachfolgende erwegen, so wird sich die Antwort von selbst finden.

Es ist, erstens, nicht nur gar wohl möglich, vermittelst des uns angeschaffenen Gefühls an Ordnung und an guten Proportionen, den Unterschied der hintereinander verbundenen einzelnen Töne, zu fühlen, und zu empfinden, ohne daß man die Quellen, woraus dieselben entspringen, ich meyne den Fortgang der Grund- oder der Fundamental-Klänge, auf welche sich derselbe gründet, kenne. Die Harmonie gleichet nicht übel der Quelle des milden Nil-Flusses, man kan sie nicht kennen, und dennoch ihrer Wohlthaten genießen.

Das Gefühl und die Empfindlichkeit an der ursprünglichen Harmonie, und an denen aus den natürlichsten Fortschreitungen derselben entspringenden [55] unterschiedlichen Tönen, ist nicht etwan ein besonderes Vorrecht der Künstler, sondern es ist ein allgemeines Eigenthum der ganzen menschlichen Natur.

Hiernächst so hat es auch zweytens, die rhythmische Musik-Art, von welcher allhier ins besondere die Rede ist, nicht blos allein mit der Harmonie, oder mit der Mischung und der Verbindung wohl und übel lautender Töne zu thun. Sie bedienet sich darneben auch des Zeit-Maaßes, und aller aus demselben fließenden Vortheile, um eben diejenigen Regungen, so sie durch die Harmonie ausdrückte, zugleich auch durch die abgemessene Zeit und Dauer derselben auszudrücken, und dadurch ihrer Nachahmung destomehr Eingang in das Gemüthe zu verschaffen. Nun lieben wir von Natur die Maaße in allen Dingen. Natura ducimur ad numeros. Nichts spielet sich leichter in die Gemüther ein, als die verschiedenen Sangweisen, die wir hören. Wir nehmen die Folgen der natürlich verbundenen einzelnen Töne mit so einer erstaunenden Leichtigkeit auf und an, daß ein zweymaliger Eindruck derselben öfters schon überflüßig ist, indem er dem Geiste nichts zu thun giebt, und die Seele ohne Bewegung läßt. Da es uns nun bequemer ist, den Gesang, oder die Folge einzelner singbarer Töne, aus den uns bekannten, und einem jeden sich leicht darbietenden Fortschreitungen herzuholen, als diese Fortschreitungen selbst, den Umständen nach, vorher in Ordnung zu bringen; da es leichter ist, die einzelnen Töne dergestalt hintereinander zu verbinden, daß sie ihrer Beziehung nach, blos für sich also bestehen können, und dem Ohr sanft und angenehm eingehen, als sie also zusammen zufügen, daß sie eine gewisse bestimmte Gemüths-Bewegung erregen: darf man sich nachdem wundern, wenn einige der ursprünglichen Harmonie, und der aus derselben fließenden Fortschreitungen unkundige Setzer, blos von dem Gefühl an den Zufälligkeiten eines Gesanges geleitet, derselben die allerwesentlichsten Eigenschaften desselben, den Ausdruck und die bestimmte Kraft und Wirkung, aufopfern, und nicht die nach gewissen Absichten vorher bestimmten Harmonien durch ein eben diesen Absichten gemäßes Zeit-Maaß beleben, sondern umgekehrt, zu gewissen in Vorrath habenden harmonischen Figuren, Harmonien oder Zusammen-Klänge suchen?

Nicht minder fließt aus der Abhänglichkeit des natürlichen Gesanges, von der vorherbestimmten Harmonie, ganz natürlich, daß der Unterschied zwischen dem monodischen, und dem polyodischen Verfahren, nicht der Wirklichkeit nach, oder für sich selbst, bestehe; sondern nur nach dem unterschiedlichen Grade der Empfindlichkeit, so das Ohr eines Setzers, der Har[56]monie, oder den möglichen Zusammenstimmungen abgewonnen hat, größer oder geringer sey; und daß ein jeder Setzer, nachdem der Eindruck, den er von der Harmonie empfangen hat, mehr oder weniger starck, und lebhaft ist, auch nach eben diesem Maaße den Gesang, ohne das er einmahl daran denkt, mehr oder weniger aus der Harmonie unmittelbar herholen, und von derselben abh[ä]ngend machen, oder umgekehrt, diese, um der Zufälligkeiten des einzelnen Gesanges willen, jenen mehr oder weniger bequemen werde.

Monodisch verfahren hieße demnach nicht just das Gegentheil thun von dem, was polyodisch verfahren bedeutet. Es hieße vielmehr nur, die mannigfaltige Harmonie willkürlich, und nach Gutdünken bestimmen, sich bey Erfindung eines Gesanges, den blossen Eingebungen eines blinden Triebes gutwillig überlassen, ohne Fleiß, und ohne Mühe anzuwenden, die unterschiedlichen Kräfte der Zu[sa]mmenstimmungen, nach ihren mannigfaltigen Verknüpfungen zu kennen, und dieselben, diesem Erkenntniß zufolge, nach gewissen vorgesetzten Zwecken zu richten. Und die monodische Art des Verfahrens ist nur ein geringerer Grad des polyodischen Verfahrens, oder eine unvollkommene polyodische Setz-Art.

Man dürfte also nur das polyodische Verfahren lehren, so würde man des monodischen gar entbehren können.

Aber auch das polyodische Verfahren, in so fern es sich nemlich der zusammengesetzten Kraft der Harmonie also bedienet, daß es die einfache derselben unterwirft, und diese nur in Kraft jener bestimmt, hat seine unterschiedlichen Grade; nachdem nemlich ein Componist, bey seinen Zusammensetzungen, es mehr oder weniger auf das blosse Gefühl ankommen läßt, oder nachdem er mehr oder weniger nach einer vernünftigen Wahl verfährt und zu Werke geht.

Man würde aller Erfahrung widersprechen, wenn man behaupten wolte, daß es nicht einigen Setzern, die sich, durch polyodische Vorübungen, mit den unterschiedlichen Kräften der Harmonie bekannt gemacht, und dieselbe in ihre Gewalt gebracht haben, daß, sage ich, es solchen nicht gelungen seyn solte, die denen Umständen gemäße Zusammenstimmungen, vermöge ihres glücklichen Genies, auch mittelst des Gefühles, nach gewissen vorgesetzten Zwecken zu richten. Die regelmäßigen Abänderungen in unsern Empfindungen, geschehen nach gewissen Grund-Gesetzen, und nach einer gewissen vorherbestimmeten Harmonie, auch zu der Zeit, wenn wir uns derselben nicht bewust sind. Es wohnet in den Künstlern, in solchen, die nemlich mit der dazu gehörigen natürlichen Geschicklichkeit gebohren [57] sind, eine gewisse plötzliche Empfindlichkeit, welche der Ueberlegung zuvor kömmt. Obwohl gegentheils nicht zu leugnen ist, daß dieses Gefühl, wenn es zugleich durch vernünftige Betrachtung und Ueberlegung unterstützet wird, mit desto mehrerer Sicherheit und Gewißheit, als ohne dieselbe, zum Zweck gelangen werde.

Allein ein Componist mag nun nach blos dunkeln Empfindungen, oder zugleich nach deutlichen Kenntnißen, polyodisch verfahren; so ist es dennoch allemal um desto gewisser, daß er sich, der bey den Zusammensetzungen ihm obliegenden allgemeinen und besondern Pflichten, nur allein dadurch am besten entlediget, wenn er das, was in seinen Zusammensetzungen, sowohl den Haupt- als den absonderlichen Umständen nach, nothwendig ist, in zusammengesetzter Harmonie, fühlet und empfindet, und dieser Empfindung zufolge zu werke geht; so daß sein Gesang, so wol in dem, was das Wesen, als auch in dem, was die Form desselben betrift, nur ein Effect des polyodischen Verfahrens ist, und aus dem vorher empfundenen Eindrucke, der einem jeden besonderen Anlaße zukommenden Zusammenstimmungen, wie aus seiner Quelle fließt: je nothwendiger es ist, daß eine auf die Erlangung gewisser Absichten geschickt gerichtete Folge verschiedener U[e]bereinklänge, auch eine zu eben der Absicht geschickte Folge einzelner Töne darbieten muß: und je mißlicher es zugleich ist, daß eine, gewissen Anläßen auch nicht ganz unähnliche Folge verschiedener einzelner Töne, auch zugleich eine solche Folge verschiedener Zusammenstimmungen an die Hand gebe, die diese Folge zu[ ]unterstützen, und derselben auf zu helfen geschickt sind.

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