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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 31

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[57] Das XXXI. Capitel.

Ein allgemeiner Haupt-Satz.

Es gefallen uns vorzüglich nur diejenigen Zusammensetzungen, wo nicht nur der, aus der Fortschreitung der einfachen Harmonie entstehende, blos einzelne Gesang allein, sondern, wo der entweder wirklich ausgedrückte, oder zum wenigsten unter dem Gesange zugleich mit zu verstehende Fortgang der Fundamental-Klänge, und der aus denselben entstehende Zusammenklang, uns zugleich auch eine solche mannigfaltige Harmonie empfinden läßt, die der Beschaffenheit der Haupt- und der absonderlichen Umstände gemäß ist; und wo folglich der Setzer nicht nur in soweit polyodisch verfahren ist, daß er nemlich den Gesang dem Zusammenklange unterworfen hat, sondern, wo er auch gut polyodisch verfahren ist, und den Gesang sowohl in Anse[58]hung seines Wesens, als in Ansehung seiner Zufälligkeiten, aus einer solchen Verbindung verschiedener U[e]bereinklänge gezogen hat, die sich für seine Haupt- und besondere Absicht schickten.

Dieß ist es, was ich anjetzo, um die Unzulänglichkeit des monodischen so, wie die Notwendigkeit des ihm entgegen gesetzten polyodischen, als des allein natürlichen Verfahrens, darzuthun, durch Beyspiele zu erläutern, und auf eine sinn- und fühlbare Art zu zeigen, Vorhabens bin; nachdem ich vorhero meinen Leser ersuchet haben werde, mir eine kleine Weitläufigkeit zu gute zu halten. Es sey entweder meine unterhabende Materie, oder die Art meines Ausdruckes daran Schuld; so hat mir die Länge unvermeidlich geschienen, um nicht ganz und gar dunkel, und undeutlich zu seyn.

Es kan nicht fehlen, daß ich bey diesem Vorhaben nicht Gelegenheit haben solte, das Lob derjenigen Setzer zu verbreiten, die in meinen anzuführenden Exempeln, so wohl in Ansehung der Grundlage, als der Ausbildung einer Zusammensetzung, polyodisch verfahren sind, und mithin das, was ich für nothwendig halte, schon geleistet haben. Kan ich aber eben so wenig umhin, die Schwäche einiger andern blos monodisch verfertigten Stellen zu berühren; so hoffe ich diesfalls um desto eher Vergebung zu erlangen, je weniger ich ohne dieses im Stande wäre, die Absicht so ich mir bey diesem Vorhaben vorgesetzet habe, zu erreichen; und jeweniger ich es allhier mit Personen, sondern nur mit Sachen, nicht mit ganzen Werken, sondern nur mit einzelnen Stücken, öfters auch nur mit einigen dazu gehörigen unvollkommenen Theilen zu thun habe.

Es wird gleich viel seyn, wo die allhier angeführte Beyspiele hergenommen sind, so lange nemlich mein Urtheil über dieselben, der Wahrheit gemäß ist. Vielleicht sind alle die monodischen Beyspiele meine eigenen Erfindungen, und nur zu Bestätigung meines Satzes von mir verfertiget. Zum wenigsten stelle ich jedwedem frey, nicht nur dieselben für meine Arbeit zu halten, sondern auch die angeführten polyodischen demjenigen beyzulegen, von dem man wünschet, daß sie verfertiget seyn möchten. Auf diese Art wird man in allen Fällen, ich mag loben ober tadeln, mit mir zu frieden seyn können. Ich schreite zur Sache.

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