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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 32

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[58] Das XXXII. Capitel. 

Erläuterung des Haupt-Satzes durch melodische Beyspiele.

Eine jede zum Grunde gelegte Zusammenstimmung, ist, in Absicht auf die nach und erfolgenden Zusammenstimmungen, ein Ganzes, von welchem diese als so viele Theile anzusehen sind. Man kan also von der Voll[59]kommenheit, oder von der Unvollkommenheit, nur erst alsdenn am besten urtheilen, wenn man das Ganze, mit allen seinen dazu gehörigen Theilen, übersieht, und folglich jede Zusammensetzung, als ein, um einer gewissen Haupt-Absicht willen, verfertigtes Ganzes betrachtet.

Allein, wenn es auch gleich möglich wäre, ohne große Weitläuftigkeit, lauter vollkommene, oder ganze Zusammensetzungen anzuführen, so würde es dennoch zu meiner Absicht nichts sonderliches helfen. Denn wenn es ausgemacht ist, daß das monodische Verfahren, in der Zusammenfügung der einzelnen Accorde, nicht also zu Werke geht, wir es solte; so ist zu gleicher Zeit schon gewiß, daß dieser Mangel sich in der ganzen Zusammensetzung noch mehr, und noch weit deutlicher zeigen muß.

Wenn die Zusammensetzung Num. 14. auf eine dem Sinne der Vorschrift des Setzers gemäße Art vollführet wird, so thut sie sowol eine der Haupt-Absicht der Musik, als eine der besondern Absicht des Setzers, vollkommen gemäße Wirkung, und beweget die Seele zu derjenigen Leidenschaft, wozu sie dieselbe zu bewegen bestimmt ist. Diese Wirkung erfolget nicht von ohngefähr also.

Denn es hat diese Zusammensetzung, in dem Raume und dem Umfange einer abgemessenen Zeit von acht Tacten, nicht nur der Anzahl nach genugsam verschiedene Accorde, um die natürliche Activität der Seele, durch genugsam-mannigfaltige Uebereinstimmungen, zu unterhalten, und mithin den Haupt- und allgemeinen Zweck der Musik dadurch zu befördern; sondern die verschiedenen Zusammenstimmungen sind auch dem besonderen Vorhaben gemäß, und schicken sich für dasselbe.

Die Fortschreitung des Haupt-Tones in seine übergelegene Terz mit dem Accorde der größeren Terz, worauf sich diese Verbindung verschiedener Accorde gründet, ist von solcher anstrengenden Kraft, daß derselben nur durch die darauf erfolgte Cadenz, in die Sexte des Haupt-Tones, ein solcher Nachlaß verschaffet werden kan, welcher verhindert, daß die Seele nicht gar zur Traurigkeit beweget wird. Der darauf folgende Fortgang des Grund-Tones aber der Harmonie, in die Quarte des Tones, gefällt nicht nur wegen des guten Verhältnisses, in welchem derselbe sowol mit der vorhergegangenen Zusammenstimmung, als auch mit der hier zum Grunde liegenden Harmonie des Haupt-Tones steht; sondern er dienet auch dem darauf folgenden Accorde der Quinte des Haupt-Tones zur Einleitung, indem der Grund-Ton desselben allhier zur Septime wird. Eben diese Harmonie der Quinte des Tones war das bequemste Mittel, um den Accord des Haupt-Tones her[60]bey zu führen, und durch den zugleich darunter verstandenen Accord der Quinte des Tones, in die Quinte von dieser Quinte, und also in die Harmonie der Secunde des Tones, mit dem Accord der größeren Terz zu treten, und dadurch die Cadenz in die Quinte des Tones zu versichern. Diese Verbindung verschiedener Zusammenklänge, ist vollkommen geschickt, unser[n] natürlichen Hunger nach einer mannigfaltigen Harmonie zu stillen. Sie ist aber auch der besondern Absicht des Setzers vollkommen gemäß.

Der Charakter einer Sarabande verpflichtete den Setzer, eine solche Verknüpfung verschiedener Zusammenklänge zu verfertigen, welche das Gemüth zu einer besonderen Größe erheben, es in Verwunderung setzen, und zur Ehrfurcht bewegen kan.

Nun sind die unterschiedlichen Zusammenstimmungen, so uns diese Zusammensetzung nach und nach empfinden läßt, vollkommen geschickt dazu. Sie sind, in Absicht auf ihre Verbindung betrachtet, ausserordentlich, und neu. Ihre Ausbildung, oder das Zeit-Maaß und die Bewegung derselben, die Ungleichheit der verschiedenen allhier gebrauchten Klang-Füße, und das darin beobachtete Verhältniß, mit einem Worte, der Rhythmus dieser verschiedenen Zusammenstimmungen, ist also beschaffen, daß dadurch nach und nach die Aufmercksamkeit, die Ernsthaftigkeit, die Verwunderung, kurzum, eine der abzubildenden Leidenschaft ähnliche Gemüths-Veränderung, entstehen kan.

Es mag also entweder das glückliche Genie des Setzers, und die Empfindlichkeit, so sein Ohr der Harmonie, und ihren möglichen Veränderungen, allbereit abgewonnen hatte, ihm diese Folge verschiedener Zusammenklänge, ohne sonderliche Mühe, und blos durch einen natürlichen Trieb, eingegeben haben; oder er mag dieselbe erst nach einer langen, und mühsam angestellten Wahl und Untersuchung, über die unterschiedliche Natur, Kraft, und Wirkung der Verbindung dieser unterschiedlichen Zusammenstimmungen, niedergeschrieben haben: so ist gewiß, daß der Grund dessen, was in dieser Zusammensetzung gefällt, vorzüglich auf den von dem Componisten vorher empfundenen, mit der Haupt- und der besonderen Absicht übereinstimmenden Zusammenklängen beruhet: daß folglich der Setzer, ehe er diesen Gesang verfertiget, von dem Eindrucke der verschiedenen Harmonien, die sich für die vorzustellende Sache schicken, und derselben gemäß sind, müsse seyn gerühret worden. Denn kein fortgesetzter Gesang läßt sich, ohne den vorhergegangenen Eindruck verschiedener fortgesetzter Zusammenstimmungen, gedenken. Nur hat man bey einem an mehrere derselben zu denken, als bey dem andern.

[61] Die verschiedenen Zusammenstimmungen aber, so wir bey Anhörung dieser Folge gedenken, und welche uns dieselbe, mittelst der uns natürlichen Fortschreitungen, wieder in den Sinn bringt, sind Num. 15. angeführet.

Was macht diesen Gesang zu der Erwegung der abgezielten Leidenschaft geschickt? Num. 16. Ist es nicht dieses, daß der Gesang einer der Haupt- und der besondern Absicht des Setzers gemäßen, und vorträglichen Folge verschiedener U[e]bereinklänge, unterworfen, diese Folge aber von einem, sowol der Accentuation, als dem Sinne der Worte der ganzen Rede so gemäßen Rhythmo belebet ist, daß sowol ein jedes für sich, nochmehr aber beyde zusammen genommen, geschickt sind, zu einem Mittel zu dienen, die von dem Componisten darunter gesuchte Haupt-Wirkung zu befördern.

Die verschiedenen Zusammenstimmungen selbst berühren sich einander in der Nähe, und beschäftigen, durch ihre Mannigfaltigkeit, das Gemüth. Sie ergetzen aber auch den auf die sinnlichen Vorstellungen achtsamen Verstand, weil er Aehnlichkeit und Uebereinstimmung mit der abzubildenden Leidenschaft darin findet.

Die allhier in dem dritten Tacte erfolgte Abweichung von der zum Grunde gelegten Ton-Art, in dessen Septime, als in ein von dem Grund-Tone entferntes Intervall, welches nur, wegen der unter der währenden Pause verstandenen Quinte, statt findet, läßt sogleich eine besondere Absicht des Componisten vermuthen. Und der Zusammenhang, und die Verbindung der unterschiedlichen Accorde, zeigen, daß er diese Modulation nur deswegen vor andern gewehlet habe, weil sie eben wegen des weggelassenen Accordes der Unter-Quinte des Tones, von dem Haupt-Tone so entfernet, und also geschickt ist, den Verstand auf die wiederholte Frage, aufmercksam zu machen; und weil zugleich der Grund dadurch zu einer solchen Verknüpfung verschiedener Zusammenstimmungen geleget wird, welche mittelst einer, dem Sinne der Worte gemäßen, dreyfachen Transposition oder Uebersetzung, in die Quinte führet, als auf welche Quinte der Setzer allhier sein besonderes Absehen gerichtet hat. Denn der allhier unmittelbar auf die Septime des Haupt-Tones folgende Fortgang der Harmonie, in die Terzie des Tones, passet nicht nur an sich gut auf die vorhergehenden Zusammenstimmungen, sondern er ist auch den in den Worten liegenden Gedanken, in so ferne dieselben eine geheiligte Freude, über die angenehme Vorstellung der Befreyung von allem Uebel, durch den Tod, enthalten, deswegen gemäß, weil er in dieser Verbindung, von so vieler ausdehnenden Kraft ist, als allhier nöthig ist, um den besonderen Charakter dieser Gemüths-Neigung zu bemerken.

[62] Mittelst dieser Harmonie der Terzie, wird der Accord der Q[u]inte vorbereitet, so wie diese hinwiederum den Fortgang, in die Ober-Quinte des Haupt-Tones, ganz natürlich herbey führet, als auf welche Quinte der Componist um destomehr abzielete, weil er, dem geendigten Sinne der Rede zufolge, einen förmlichen Schluß darinnen anbringen wolte, und weil er zugleich sich eben dadurch, den Weg zu einer solchen Modulation auf das neue bahnete, durch welche er mittelst der Fortschreitung der heruntersteigenden Terzie, wiederum in den Haupt-Ton gelangen konnte.

Der Gesang ist nicht, der Länge nach, mittelst der blos successiven Harmonie, für sich allein, also wie er ist bestimmet. Er hängt vielmehr von einer Reihe solcher verschiedenen Uebereinklänge ab, die die gesuchte Haupt-Wirkung unterstützen, und befördern helfen können. Seine Wirkung ist also um desto gewisser, jemehr schon die Zusammenstimmungen selbst, auf welchen derselbe beruhet, in der absonderlichen Absicht des Setzers gegründet, und derselben gemäß sind.

Je mehr ähnliches, sowol in der Folge der Zusammenstimmungen, als in dem Rhythmus derselben, mit der auszudrückenden Leidenschaft ist, desto grösser ist das Vergnügen, dessen uns eine solche Musik gewehret.

Die Zusammenfügung der unterschiedlichen Töne, oder vielmehr der unterschiedlichen Accorde, so uns durch dieselbe, in der Num. 17. angeführten Verbindung, zu Gehör kommen, rühret, und beweget nicht nur das Ohr, und durch dasselbe das Gemüth, durch die Mannigfaltigkeit antheilhafter Gegenstände, sondern die zärtlich-verliebte Traurigkeit, als das besondere Abzeichen dieser Gemüths-Bewegung, wird auch dadurch höchst natürlich geschildert. Diese Wirkung erfolget nicht von ohngefehr also. Die Harmonie des vollkommenen Accordes, und die darauf folgende Fortschreitung in die Quinte, ist besonders in der Verbindung der Septime und der None, von so vieler zusammenziehenden Kraft, als nöthig war, das besondere Absehen des Componisten bey dieser Gelegenheit zu charakterisiren. Die allhier bey der Rückkehr in den Anfangs-Accord ganz unerwartet angebrachte kleine Septime, vermehret, in dieser Verbindung der Töne, da sie aus dem Nachlaße der größeren Terz entsteht, die zu erregende Leidenschaft der Traurigkeit noch mehr. Die Figur aber, in welcher die vorhergehende Harmonie des Accords A moll erscheinet, ist geschickt das ihrige mit dazu beyzutragen, und den absonderlichen Charakter derselben zu bezeichnen, und sie vor andern kenntbar zu machen.

Nur das ist wahr, was sich auf die beständigen Eindrücke der Harmonie, und der Uebereinstimmung der mannigfaltigen Wirkungen derselben [63] [auf] das menschliche Gemüth gründet, und dieses thut, nach der unterschiedlichen Natur, und Verbindung der unterschiedlichen Accorde, seine Wirkung beständig, zu allen Zeiten, und an allen Orten.

Wie es gewisse allgemeine Begriffe im Verstande giebt, eben so giebt es gewisse allgemeine Empfindungen der Seele, worinn wir alle übereinkommen, und die wir, in einerley Umständen, alle auf einerley Art fühlen.

Ob nun wohl das Maaß, so in der Zeit und Dauer dieser unterschiedlichen Zusammenstimmungen ist, oder die Ausbildung, so der Componist denselben allhier gegeben hat, auch ihren Theil an der Hervorbringung der Haupt-Wirkung hat, und dieselbe zugleich mit befördern hilft; so ist deswegen dennoch nicht zu leugnen, daß nicht die Haupt- und die vornehmste Ursache der Wirkung, so sie thut, vorzüglich in der wohlgetroffenen Wahl solcher Zusammenklänge, die der vorzustellenden Leidenschaft gemäß, und zur Hervorbringung derselben geschickt sind, liegen sollte. Denn, so bringen die unterschiedlichen Zusammenklänge, an sich, schon eine der Absicht des Setzers gemäße Wirkung hervor, und beweisen also, daß das Zeit-Maaß, und was dem anhängig, nur um derselben willen, und um die Kraft derselben zu erheben, da sey.

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