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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 33

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[63] Das XXXIII. Capitel.

Fortsetzung der Erläuterung des Haupt-Satzes durch melodische Beyspiele.

Eine auszudrückende Empfindung sey welcher Art oder Gattung sie immer wolle, so kan man allemal versichert seyn, daß ein einzelner, oder mehrfacher Gesang, die gesuchte Wirkung um so viel mehr thun werde, je mehr er auf den Grund solcher Uebereinstimmungen gebauet ist, die sich mit der gesuchten Haupt-Wirkung vertragen, und derselben gemäß sind.

So beweget uns die Zusammensetzung in dem Exempel Num. 18. auf eine, der in den Worten ausgedrückten Empfindung des Schmerzens, gemäße Art. Sie läßt uns, mittelst des Gesanges, eine Reihe solcher verschiedenen Zusammenklänge empfinden, die bequem sind, unser harmoniebegieriges Verlangen, auf eine der natürlichen Bewegung der Seele gem[ä]ße Art, zu stillen, und zugleich diejenige Haupt-Empfin[d]ung des Schmerzens, so die Worte erheischen, an den Tag zu legen.

[64] Und diese Folge unterschiedlicher Uebereinklänge ist zugleich so ausgebildet, wie es sowol die Natur des Anlasses, oder der Worte, als die Natur der besondern Absicht des Setzers, bey diesem besondern Vorhaben, erfodert.

Die dieser Zusammensetzung zum Grunde liegenden Worte lauten in ihrem Zusammenhange also:

Se tutti i mali miei

Io ti potessi dir;

divider ti farei

per tenerezza il Cor.

In questo amaro passo

Si giusto è il mio martir,

Che, se tu fossi un sasso,

ne piangeresti ancor.

Da die Empfindung des Schmerzens, bey dem zweyten Theile dieser Arie, wächst, so wechselt der Componist die allhier zum Grunde liegende Ton-Art Dis dur, mit dem Moll-accorde As, als der Quarte des Tones, einige mal ab, bis er den Gesang in dem siebenten Tacte, in das Dis dur in soweit zur Ruhe führet, daß er sowohl dadurch dem Sänger die Bequemlichkeit verschaft, Athem zu holen, als auch das Ohr des Zuhörers ein wenig ausruhen läßt, damit es die künftige Modulation des As dur desto empfindlicher fühlen möge.

Dieser Fortgang in das As dur, welcher allhier um destomehr angreift, weil die kleinere Terz eben dieses Tones alhier noch in frischem Andenken schwebet, ist dem Setzer noch nicht gnug, um die in den Worten liegende Empfindung des Schmerzens anzudeuten. Er wiederholet eben diese Worte unter dem Fortgange des Grund-Tones in das B moll, und dieses wird hier um soviel beweglicher, als die grössere Terzie gleich darauf folget, und mittelst eines darunter verstandenen Fortganges, die Modulation in das As, und durch dieses hinwiederum in dessen Ober-Quinte, oder in das Dis dur, gebracht wird.

Auf diese Fortschreitung wird der Accord des Cis dur um desto nachdrücklicher, weil er nur mittelst einer weggelassenen Fortschreitung des Grund-Tones statt findet. Wenn übrigens der Componist in dem 19. Tact ins As dur zu gehen Mine macht, und dennoch das Ohr, statt des erwarteten Accords, dergestalt hintergeht, daß er die kleine Sexte desselben mit der kleinern Terzie in dieser Zusammenstimmung des As hören läßt, so ist diese [65] Ueberraschelung nicht nur dem auszudrückenden Affecte vorträglich, sondern sie befördert auch die Aufmerksamkeit des Zuhörers um destomehr, da er gleich darauf, auf das neue in die Septime desselben, als nemlich in das B dur, und von diesem hinwiederum in das Dis geht, um durch den abermals weggelassenen, und darunter verstandenen Fortgang in die Unter-Quinte, den Fortgang in das Cis, als in die Septime von diesem Dis, desto empfindlicher, und folglich desto nachdrücklicher zu machen.

Der Verfaßer dieses Exempels fühlete eine solche Folge verschiedener Zusammenklänge, die eine Aehnlichkeit mit der abzubildenden Leidenschaft haben. Sein Gesang wirket um und durch die Kraft dieser Zusammenstimmungen. Die Wirkung desselben ist also um desto gewisser, jemehr diese sowol mit der Natur der Haupt-Absicht der Musik, als mit der Natur der besondern Absicht des Setzers, bey dieser besondern Zusammensetzung, übereinstimmen.

Es sind in diesen verschiedenen Zusammensetzungen eben sowohl gnugsame Gegenstände, um die natürliche Wirksamkeit der Seele zu unterhalten, in so fern sich dieselbe, durch das uns angebohrne Verlangen, nach einer mannigfaltigen Harmonie äussert, als auch gnugsam ähnliche Gegenstände, um den Verstand durch die Vergleichung derselben, mit den uns bekannten Originalen, mit den Neigungen und Empfindungen, angenehm zu unterhalten und zu beschäftigen.

Das Ergetzen des Ohres entspringet bey dieser Gelegenheit aus den verschiedenen Empfindungen des Herzens, als aus der wahren Quelle aller Ergetzlichkeit.

Dies sind lauter Früchte des polyodischen Verfahrens, des vorher empfangenen Eindrucks von solchen verschiedenen Zusammenstimmungen, die den Haupt- und absonderlichen Umständen, worinnen sich die Setzer, nach der verschiedenen Beschaffenheit ihres besonderen Vorhabens befunden, gemäß waren.

Eine Musik möge entweder blos der Natur, in Ansehung der natürlichen Fortschreitungen der Harmonie, nachahmen, oder sie möge sich dieser Fortschreitung, als des allgemeinen Urbildes aller Musik, annoch überdem als eines Mittels bedienen, um dadurch ein besonderes natürliches Urbild zu schildern; so wird es dennoch sowol in der einen, als in der andern Art der Nachahmung, viele Regungen und Empfindungen auszudrücken möglich seyn, die sich nicht in Worten ausdrücken oder beschreiben lassen.

[66] Wie es so große Dinge giebt, welche kein Ausdruck der Worte zu erreichen die Kraft hat; also giebt es auch so zarte Empfindungen, die unmöglich mit Worten a[u]sgedrücket werden können. Man bedarf aber auch dabey keiner Worte. Das Herz hat sein geheimes Verständniß, welches nicht von Worten abhängt, und wenn es getroffen, und gerührt ist, so hat es alles verstanden.

Die Num. 19. angeführte Zusammensetzung läßt uns eine geschickt verbundene, und eine wohl abgetheilte Folge verschiedener Uebereinklänge vernehmen.

Die Zusammensetzung hat also schon ein Recht, uns zu gefallen, weil sie der allgemeinen Erforderniß, der Sättigung unserer natürlichen Sehnsucht, nach einer mannigfaltigen Harmonie, eine Gnüge thut, und weil sie uns auch dieselben in einer gewissen geschickt abgemessenen Zeit-Ordnung darstellet. Allein das größte Verdienst derselben besteht darinne, daß sie sich dieser Haupt-Pflicht also entlediget, wie es die derselben zum Grunde liegenden Worte, so dieselbe veranlasst haben, erfodern. Die Beziehung, so die unterschiedlichen Zusammenstimmungen unter einander, ins besondere aber gegen den Haupt-Ton haben, ist dem Sinne der Worte, und ins besondere dem Haupt-Sinne der ganzen Rede gemäß:

On a beau feindre

et se containdre,

quand l’amour a sçû nous tromper

rien ne sçauroit l’empecher de paroitre:

et ce qu’ on fait pour le cacher

Sert bien souvent à le faire connoitre.

In den beyden ersten Tacten wird die Harmonie des Haupt-Tones, mittelst derjenigen der Quarte, in die Zusammenstimmung der Quinte übertragen. Und da die folgenden Worte dem Sinne der vorher gegangenen ähnlich, und nur durch das Verbindungs-Wort: und, von einander unterschieden sind, so wird die Harmonie ebenfals wieder also geführet, daß sie in dem vierten Tacte in die Harmonie der Quinte des Haupt-Tones mit der größeren Terz geführet wird. Da die übrigen in dem ersten Theile befindlichen Worte, auf eine unzertrennliche Weise, mit dem vorhergehenden verbunden sind, und doch den Sinn noch nicht gänzlich schließen; so bedienet sich der Verfasser der unvollkommenen Cadenz, mit der kleinen oder unvollkommenen Quinte, um dadurch mehr nur einen Stillstand, als eine [67] gänzliche Ruhe anzudeuten. Ob übrigens schon der Inhalt der Worte des zweyten Theils, von dem Inhalte der vorhergehenden verschieden ist; so haben sie dennoch eine genaue Beziehung auf das vorhergehende, und erläutern dasselbe nur. Der Componist folget in der Modulation diesem Sinn also, daß er diesen zweyten Theil mit der Harmonie des Haupt-Tones anhebt, und mittelst einer kleinen Wendung und Führung, in verschiedene dem Haupt-Tone verwandte Neben-Töne, in der Terzie des Haupt-Tones festen Fuß fasset, und in demselben eine Cadenz anbringt.

Eine noch umständlichere Erläuterung des vorhergehenden Sinnes durch die folgenden Worte, giebt demselben Anlaß, die folgende Ausweichung in die Septime des Haupt-Tones, als die Quinte der letzt gehörten Cadenz zu nehmen: bis er zuletzt mittelst einer Kette von an einander hängenden Unter-Quinten, wiederum in den Haupt-Ton zurück kehret, und nach einer abermahligen kleinen Wendung, den nunmehro vollkommen geendigten Sinn der Worte darinnen schließt.

Ein jeder sieht leicht, daß das, was sowol der Haupt- als der absonderlichen Absicht des Setzers nach, nothwendig war, schon in dem Fortgange der vielfachen Harmonie liegt, und dadurch ausgedrückt wird, und daß folglich der Gesang, oder die Folge der einzelnen Töne, in einer einzelnen Stimme, nicht unabhängig, und blos für sich selbst bestimmet worden ist, sondern nur aus dem vorher empfangenen Eindrucke, gewisser, den Sachen gemäßer Uebereinklänge, wie aus seiner Quelle geflossen, und also der Setzer polyodisch verfahren ist.

Die natürliche Sympathie und Beystimmung der Töne, nach welcher uns ein jeder besonderer Klang eine Harmonie eindrücket, läßt uns mit dieser Zusammensetzung zugleich diesen Fortgang der Grund-Töne fühlen Num. 20. und erhält folglich die natürliche Bewegung unserer Seele, durch eine ihr dargestellte, und ihrer Natur gemäße mannigfaltige Harmonie.

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