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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 34

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[67] Das XXXIV. Capitel.

Die Melodie unterhält unsere Aufmercksamkeit durch die Neuheit der Accorde.

Die allervortreflichsten Dinge verliehren ihre Kraft, uns zu rühren, und zu gefallen, wenn sie uns täglich vor Augen stehen, und wir allzubekannt mit ihnen werden. Es ist hiermit nicht genung, daß das uns beywohnende Verlangen nach einer mannigfaltigen Harmonie gestillet, und [68] zufrieden gestellet werde. Es ist noch nicht genug, daß man uns einen treuen Abdruck eines an sich angenehmen Gegenstandes darstelle; sondern man hat darneben auch dahin zu sehen, daß die Verknüpfung der verschiedenen Harmonie, nicht allzugemein und bekannt, sondern neu und ungewohnt, und eben dadurch geschickt sey, uns in Verwunderung zu setzen, und dadurch unsere Aufmercksamkeit zu unterhalten. Nun sind die möglichen Verbindungen der einzelnen Töne hintereinander, oder die successive Harmonie, an und vor sich selbst, ohne Absicht auf die vielfache Harmonie genommen, der Mannigfaltigkeit der Figuren, in welcher sie verkleidet wird, ohngeachtet, durch vieljährigen Gebrauch so abgenutzet, daß es nicht möglich ist, blos in denselben gnugsamen Stoff zu dem neuen, und zu dem unerwarteten herzuholen. Es braucht <es> einer mittelmäßigen Erfahrung in der Musik, um zu fühlen, daß in der bloßen Folge der einzelnen Töne hintereinander nichts gesaget werde, was nicht schon längst vorher gesaget sey. Dahingegen werden die allergemeinsten Gänge, Fälle und Erhebungen, in der Verknüpfung der einzelnen Töne, in einem einzelnen Gesange, neu und fremde, wenn sie aus einem solchen Fortgange der Harmonie gezogen werden, der da neu und seltsam ist, und wenn sie nur um desselben willen, da sind.

Das polyodische Verfahren ist nur allein darauf bedacht, uns solche Gegenstände darzustellen, die durch ihre Neuheit das Ohr auf sich ziehen, und unsere Aufmercksamkeit auf eine bequeme Weise zu unterhalten, die Kraft haben.

Die Neuheit in den Fortschreitungen der Töne, läßt sich zwar hauptsächlich in der vielfachen Harmonie am besten anbringen, weil mehr Ueberraschelungen, und unvermuthete Gänge, und Führungen, in mehreren, als in einem einzelnen Theile der Harmonie, oder der Zusammenstimmung, Platz finden. Doch ist es ebenermaßen gewiß, daß selbst eine Folge einzelner Töne, in einem einzelnen Gesange nur dadurch am besten ungewöhnlich, neu, und dem bekannten entzogen werden könne, wenn man dieselbe aus einem solchen Fortgange verschiedener Harmonien ziehet, der an und vor sich schon neu und ungewöhnlich ist.

In dem uns angeschaffenen Gefühl an den der ursprünglichen Harmonie vorgeschriebenen Bewegungs-Gesetzen, sind uns zwar die verschiedenen Mittel, so ein Componist zur Fortpflantzung und zur Vermehrung einer einfachen, oder vielfachen Harmonie anwendet, überhaupt bekannt, und natürlich. Nichts destoweniger aber so folget dennoch hieraus noch nicht, als ob deswegen sogleich auch ein jeder, mittelst des allgemeinen Gefühls an der Harmonie, und an den derselben vorgeschriebenen Gesetzen [69] der Bewegung, bey einer jeden besonderen Fortschreitung, diejenigen Grund-Klänge, auf welchen ein einzelner Gesang, oder eine mannigfaltige Harmonie beruhet, und von welchen dessen verschiedene Töne, als soviel abhängige Theile anzusehen sind, mit gleicher Leichtigkeit fühle und empfinde. Es will vielmehr eine absonderliche Uebung und Bemühung, und eine gewisse Fertigkeit darzu gehören, die verschiedenen Accorde, oder Zusammenstimmungen, von welchen ein einzelner Gesang ein abhängiger Theil ist, mittelst der uns natürlichen Fortschreitungen, dergestalt auf das simple zurück zu führen, daß wir den nicht ausgedruckten Fortgang der Harmonie, oder des Grundklanges, mit Gewißheit bestimmen können.

Gesetzt aber auch, daß wir uns bey Anhörung eines blos einzelnen Gesanges, oder einer Folge einzelner singbarer Töne, in Ansehung der vermutheten Original-Fortschreitungen irren solten, so ist dennoch ein gewisses geheimes Vergnügen dabey vermacht, wenn wir in einer Zusammensetzung einen gewissen Fortgang erwarten, und dennoch durch die Geschicklichkeit des Componisten, der gesuchten Haupt-Wirkung zu gute, von einem andern überrascht werden. Hierdurch werden wir nicht nur beständig munter und aufmercksam erhalten, sondern unsere Begriffe von der Größe der menschlichen Kunst, werden auch zugleich vermehret, und wir genießen ein doppeltes Vergnügen, indem sowol unsrer natürlichen Bedürfniß gnug geschiehet, als neben dem auch die Verwunderung in uns erreget wird. Eine Zusammensetzung gefällt also uns destomehr, wann die Mannigfaltigkeit der Accorde, so sie uns empfinden läßt, zugleich also beschaffen ist, daß sie uns durch ihre Neuheit aufmercksam machen, und unsere natürliche Unbeständigkeit feßeln kan.

Wer vermuthet in dem Exempel Num. 21. nicht, daß der Componist das in dem zweyten Viertheil des zweyten Tacts befindliche G. entweder selbst zum Haupttone machen, oder es als einen von der Harmonie des Grund-Tones Dis abhängigen Klang behandeln werde. Gleichwohl aber ist weder eines noch das andere, sondern der Componist, der das Harmonie-begierige Ohr, durch fortgesetzte Zusammenstimmungen, und um derselben willen mit einem einzelnen oder vielfachen Gesange zu sättigen gewohnt ist, unterwirft dieses G. einem ganz andern Grund-Tone, und erhält den Gesang nicht nur um desto mehr in der Abhängigkeit; sondern er bringt auch destomehr Verschiedenheit in die Harmonie, und macht dieselbe neuer und unerwarteter dadurch, indem wir, der Haupt-Wirkung zu gute, durch die Geschicklichkeit des Setzers hintergangen werden, und statt eines gemeinen und bekannten Ganges, eine fremde und ungewöhnliche Modulation vernehmen.

[70] Denn so legte er dem Gesange diese Grund-Klänge, Num. 22 und erzeuget hernach, nach Maaßgebung, dieser Worte:

Drum schließ ich mich in deine Hände,

Und sage: Welt, zu guter Nacht!

auf folgende Art, einen vierfachen Gesang daraus. Num. 23.

Wir werden also hier nicht nur durch eine mannigfaltige Harmonie beschäftiget erhalten, sondern die Neuheit der Accorde ziehet auch unsere Aufmerksamkeit auf sich, und beweget uns destomehr zu der auszudrückenden Leidenschaft, jemehr sie ihrer Natur nach geschickt sind, die gesuchte Haupt-Wirkung, nemlich eine gelassene und freywillige Unterwerfung in den göttlichen Willen, zu befördern.

Die beyden äußersten Stimmen dieser Zusammensetzung sind ferner in der Folge diese: Num. 24.

So gewiß als man nun auch in dem zweyten Viertheil des ersten Tacts, die Harmonie von dem Grund-Ton Dis erwartet, so überraschelt dennoch der Componist das Ohr auf das neue, indem er diesem G. die Harmonie der #6/4/3, oder vielmehr die Harmonie der darunter verstandenen Quinte mit der Septime unterschiebet, und dieselbe, seiner Anlage zufolge, in dem Zusammenhange also ausbildet: Num. 25.

So viel Antheil aber auch die Kunst und die Geschicklichkeit des Setzers an der Zusammenfügung verschiedener Töne über einander, oder an der Vervielfältigung dieses Gesanges hat, wäre es wohl möglich gewesen, den Gesang selbst also zu bestimmen und einzurichten, daß eine solche Zusammenfügung und Verknüpfung mehrerer Stimmen hätte statt finden können, wenn der Componist, vor der Erfindung desselben, von den Eindrücken verschiedener zusammengesetzt empfundener Harmonien, nicht vorher so stark und so lebhaft gerühret worden wäre, daß der Gesang, wie aus seiner Quelle, vorher daraus entspringen können?

Alle diese unterschiedlichen Zusammensetzungen, sättigen das uns beywohnende natürliche Verlangen, auf eine, sowol der Natur des Klanges, oder der Harmonie, als auch auf eine der Natur des besondern Vorhabens der Setzer, gemäße Weise.

Ein jeder dieser unterschiedlichen Setzer hatte die zu seiner Absicht nöthigen Zusammenklänge vorher empfunden, und aus dem empfundenen Eindrucke, dieser nach einer gewissen Absicht verbundenen Zusammenklänge, floß ihr Gesang, wie aus seiner Quelle.

[71] Was kan man sicherers hieraus schliessen, als dieses: daß die erste und vornehmste Sorge eines Componisten auf nichts bessers gerichtet seyn könne, als wenn er bedacht ist, wie er von solchen, den auszudrückenden Sachen gemäßen Harmonien, empfindlich gerühret und getroffen werden möge, deren künstliche Vorstellung eben diejenigen Eindrücke bemercket, welche man von der abgebildeten Sache, wenn sie uns gegenwärtig wäre, selbst empfangen würde? Und wie genau stimmet dieses nicht mit der allgemeine[n] Regel aller und jeder Künste, so das lehrreiche Ergetzen zur Absicht haben, überein? Primum est, bene affici, & concipere rerum imgagines, & tanquam veris affici. Quintil:

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