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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 35

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[71] Das XXXV. Capitel.

Erläuterung des Haupt-Satzes durch monodische Beyspiele.

Da eines von zweyen Widerspielen, durch die Vergleichung mit dem andern, desto lebhafter und desto nachdrücklicher empfunden wird, so will ich jetzt von solchen Zusammensetzungen, die uns vornemlich aus der Ursache gefallen, weil sie aus dem vorher empfundenen Eindrucke solcher Harmonien, die sowohl der Haupt- als der besondern Absicht des Setzers gemäß waren, flossen, oder wo der Componist, in dem schon angeregten Verstande, polyodisch verfuhr, zu solchen Zusammensetzungen übergehen, deren Unvollkommenheit hauptsächlich nur daher rühret, weil der Componist blos, mittelst des für sich bestehenden Fortganges der einfachen, oder der successiven Harmonie, ohne sich um die vielfache Harmonie zu bekümmern, sich seiner Pflicht zu entledigen geglaubet hat; oder, weil er sowohl in dem, was die Grundlage zu den Zusammensetzungen, die mannigfaltigen Zusammenstimmungen, als was deren Ausbildung betrift, monodisch verfuhr.

Das Ohr eines Setzers kan in verschiedenem Grade von der Harmonie, und von den derselben möglichen Abänderungen und mannigfaltigen Verbindungen getroffen, und auf dieselben empfindlich gemacht worden seyn. Es kan ferner ein Setzer nicht nur mehr Fähigkeit und natürliche Gaben, nicht nur mehr Stärke oder Geschicklichkeit im Satze besitzen, als ein anderer, sondern ein und eben derselbe Setzer kan auch bald mehr, bald weniger Fleiß anwenden, die Harmonie mit gutem Erfolg den vorkommenden Anläßen zu bequemen; mithin kan es auch nicht fehlen, daß es nicht eben soviel verschiedene Staffeln der Vollkommenheit des polyodischen Verfahrens, oder der daher entstehenden wahren Melodie, oder des von [72] der Harmonie abhangenden Gesanges geben sollte, als es verschiedene Grade der Unvollkommenheit der Monodie, oder einer solchen mit allen Zufälligkeiten für sich bestimmeten Folge einzeler Töne, in einer einzelen Stimme, wobey an keinen Zusammenklang gedacht worden ist, geben sollte.

Ich werde bey dieser Gelegenheit nicht nöthig haben, zu bestimmen, in welchem Grade dieses oder jenes Stück, monodisch oder polyodisch verfertiget ist. Ich habe meinen Zweck schon erreicht, wenn man nur fühlt und empfindet, daß das, was ich hier für unvollkommen ausgebe, es in der That, und vornemlich um deswillen ist, weil der Componist blos einfach harmonisch oder monodisch verfuhr, das ist: weil er bey Verfertigung eines Gesanges, sich nicht der festgesetzten Fortschreitung der vielfachen Harmonie bediente, um eine solche Verbindung verschiedener Uebereinstimmungen zu bestimmen, woraus er einen seinen Absichten gemäßen Gesang ziehen konte; sondern weil er umgekehrt den Gesang, mittelst des willkührlichen Fortganges der Folge der einzelnen Töne, voraussetzte, und nachhero einen Zusammenklang darzu suchte: und daß hingegen durch die polyodischen Verbesserungen, sie mögen nun entweder die Materie, oder die Form der Zusammensetzungen, oder beydes zugleich betreffen, ein wirklich höherer Grad der Vollkommenheit in die Zusammensetzungen gebracht worden ist.

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