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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 36

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[72] Das XXXVI. Capitel.

Die Effecte des monodischen Verfahrens, in Absicht auf den Mangel genugsamer Mannigfaltigkeit der Harmonie betrachtet.

So wenig als man auch wider die Num. 26. befindliche Folge einzelner Töne, so lange sie nemlich nur blos in Absicht auf die Verbindung unterschiedlicher einzelner Töne an sich betrachtet wird, einzuwenden haben möchte; so ist dennoch auch nicht zu le[u]gnen, daß, wenn man dieselbe in Absicht auf die allererste Erforderniß, auf die Mannigfaltigkeit der Harmonie betrachtet, die fünfmalige Wiederholung ein, und eben desselben Tones, in acht Theilen, in Kraft einer und eben derselben Harmonie, während einer Zeit von drey Viertheilen, in schlechtem Tact, nicht eine empfindliche Monotonie erzeugen solte, wobey die unseren Seelen so natürliche Begierde nach einer mannigfaltigen Harmonie, ihre Rechnung ganz und gar nicht findet. Die Eintönigkeit dieser Folge, wird um desto empfindlicher, weil sie durch verschiedene Instrumente im Einklange abgespielet wird.

[73] Es ist aber der Fortgang des Anfangs[-]Tones, als der Quinte des Haupt-Tones, in dem Haupt-Tone, eine harmonische Fortschreitung, und geschieht allhier in acht Theilen. Mithin ist das Gesetz schon da, den Gesang der herschenden Ober-Stimme, ordentlicher Weise, in acht Theilen zu bewegen. Diese Bewegung ist auch wirklich in dem Laufe dieses ganzen Stückes in der herschenden Ober-Stimme beybehalten, und in acht genommen worden. Allein da sie uns in einer abgemessenen Zeit von drey Viertheilen, in schlechten oder vier vierthel Tact, nur eine und eben dieselbe, und folglich keine abgeänderte Harmonie, wobey wir uns des natürlichen Fortganges des Grund-Klanges erinnern, und denselben mit gedenken könten, vernehmen läßt; da sie uns die erfolgte Abänderung in dem vierten Viertheil, als in der so genannten schlimmen Zeit des Tacts, zu fühlen, und zu empfinden giebt, ohngeachtet doch sonsten in diesem Tacte der Nachdruck auf das erste und auf das dritte Viertel fällt: So empfinden wir auch bey dieser Zusammensetzung nicht die allgemeine Wirkung der Musik, nehmlich, das mit der Sättigung des uns natürlichen Verlangens nach einer mannigfaltigen Harmonie, verknüpfte Vergnügen, zu geschweigen, daß dieselbe uns auf eine der besondern Absicht des Setzers gemäße Weise, zu rühren die Kraft haben sollte.

Es würde aber der allgemeine Zweck der Musik, durch diese Zusammensetzung leicht erhalten worden seyn, wenn der Verfasser diese Folge der blos hintereinander verbundenen Töne, ohngefehr diesem Fortgange der Harmonie, Num. 27. unterworfen hätte.

Durch diese bey jedem besonderen Gliede des Tactes empfundene mannigfaltige Harmonie, würde die Seele beschäftiget, und in ihrer natürlichen Munterkeit unterhalten worden seyn, ohne daß deswegen dem Ganzen dieses Stückes, oder diesem einzelen Theile desselben, dadurch etwas entzogen worden wäre.

Wollte man mir aber einwenden, daß eben dieser Fortgang der Harmonie, bey der, von dem Componisten vorausgesetzten Folge einzelner Töne gedacht werden könne; folglich aus derselben geflossen, und nur um desselben willen eingerichtet worden sey; so halte ich es zwar in dem, was das erstere anbelanget, auch dafür: daß aber diese Folge einzelner Töne hintereinander, nicht um der verschiedenen Zusammenklänge willen, bestimmt worden sey, dieses schließe ich daher, weil sie dieselben nur dunkel und ganz undeutlich oder vielmehr gar nicht anzeigen.

Wir bekümmern uns, bey Anhörung einer Musik, nicht sowohl um diejenigen Harmonien, so bey einem Gesange statt finden, und die wir etwa [74] mit Mühe dabey gedenken können, sondern nur um diejenigen, die wir wirklich dabey fühlen und empfinden. Es ist hiermit nöthig, daß diejenigen Abänderungen der Harmonie, um welchen es einem Setzer hauptsächlich zu thun ist, auch also ausgebildet sind, daß sie deutlich in die Sinne fallen. Die Ausbildung aber eben dieser verschiedenen Uebereinklänge, würde meines Erachtens, zu eben der Absicht bequemer, also, wie es Num. 28. befindlich, einfach harmonisch geschehen seyn. Es ist wahr die Seele verlangt nicht immer eine gleich starke Bewegung: vielmehr geht die natürliche Neigung derselben nur auf das, was sie beweget, ohne sie zu ermüden. Allein die durch die veränderte Harmonie gesuchten Bewegungen der Seele, mögen nun, den Umständen nach, gelinde oder heftig seyn sollen, so ist doch allemahl eine Bewegung nöthig, weil der Stillstand oder der Mangel der Bewegung, der Natur unsers Geistes schlechterdings zuwider ist. Zu geschweigen, daß die Heftigkeit der Rührungen des Gemüths, nicht von dem geschwinden oder dem langsamen Fortgange der Harmonie allein abhängt, sondern auch durch die Einfachheit oder durch die Vielfachheit der mitstimmenden Klänge befördert, und durch dieselbe gemindert oder verstärket wird.

Weil nun die Vielstimmigkeit in der Zusammensetzung von den Umständen und von dem Belieben des Setzers abhängt, und aber um destomehr monodische oder einfache harmonische Auszierung statt findet, jeweniger eine Zusammensetzung unterschiedliche Theile oder Stimmen hat: so ist es zwar einem Setzer unverwehret, die Harmonie oder Zusammenstimmungen bey gewissen Gelegenheiten mehr als bey andern einfach auszudehnen, und monodisch zu bilden. Allein, der Stimmen mögen viel oder wenig seyn, so ist dennoch allemal, um die Haupt-Wirkung der Musik, die Befriedigung unsers Verlangens nach einer mannigfaltigen Harmonie, zu erhalten, ein solcher wohl unterhaltener Fortgang der Harmonie nöthig, wodurch die Seele in die ihr natürliche Bewegung gesetzet, und darinne unterhalten werde. Dieses kann nun nicht füglicher geschehen, als wenn der Componist dem Zuhörer eine Reihe solcher verschiedenen Uebereinklänge empfinden läßt, die durch ihre vereinigte Kraft das Gemüth desselben einnehmen, und zu der abgezielten Leidenschaft bewegen, und folgends aus diesen veranstalteten Zusammenklängen, eine seinem Vorhaben gemäße Folge einzelner Töne, in einer einzelnen Stimme, daraus ziehet.

Es wird zu dem Ende nöthig seyn, da immer ein Fortgang von dem andern abhänget, daß besonders in dem Anfange eines jeden Stückes, der Grund zu dem Fortgange der Harmonie sowohl, als zu deren Bewegung [75] also geleget werde, daß die darunter gesuchte Haupt-Wirkung erlanget werden könne.

Die Num. 29. angeführte Verbindung der verschiedenen Töne, mag, als eine Grundlage zu einer solchen Zusammensetzung, bey welcher ein Concertist die Fertigkeit seiner Finger zeigen solte, betrachtet, dem besondern Absehen des Setzers noch so gemäß seyn; so halte ich dennoch dafür, daß durch die allzuweit a[u]sgedehnte einfache Harmonie, oder durch den allzuweit aufgeschobenen beständigen Fortgang der vielfachen Harmonie, in Kraft dessen dieselbe bestehet, die natürliche Bewegung der Seele allhier zu wenig unterhalten worden ist, um daß sie sich, des aus dem Mangel der Mannigfaltigkeit der Harmonie entstehenden Ueberdrusses, bey dieser Gelegenheit erwehren könne.

Das Ohr ist nicht nur zu der Aufnahme einer mehr mannigfaltigen vielfachen Harmonie geschickt; es wird nicht nur dadurch erfreuet und ergetzet, sondern es ist auch nach derselben begierig, und verlanget darnach: weil der Zusammenklang und dessen Veränderung uns natürlich ist, und aus der wirksamen Natur unserer vernünftigen Seele unmittelbar fließet.

Wenn man aber auch die vielleicht schon in dem ersten Tacte verabsäumte Mannigfaltigkeit der Harmonie, der besondern Absicht des Setzers zu gute halten wollte; wer siehet nicht, daß der bey dem Niederschlage des zweyten Tacts, als in dem empfindlichsten Theile desselben, erfolgte Fortgang der für sich bestimmten Ober-Stimme, in dessen Quinte, uns die Harmonie dieser Quinte, der natürlichen Bewegung der Seele nach, viel zu deutlich einpräge und empfinden lasse, um nicht, wegen des empfundenen Mangels dieser Mannigfaltigkeit der Harmonie, unangenehm und ekelhaft zu werden.

Es würde aber die aus der viermaligen Wiederholung eines und eben desselben Tones entspringende Eintönigkeit, hierdurch gar bequem gehoben worden seyn, wenn man wechselsweise das A. einmahl um das andere, bald zu einem Grund-Tone, bald aber zu einem, von der Harmonie der Quinte des Grund-Tones abhängigen Klange, auf folgende Art Num. 30. gemacht hätte.

Es versteht sich hierbey von selbsten, daß der in dieser Zusammensetzung folgende vierte Tact, welcher gleichsam die Antwort auf den in den ersteren Tacte gemachten Vortrag enthält, verändert, und diesen Anfangs-Tacten hätte bequemet werden müssen.

Eine Composition mag aus viel oder aus wenig Stimmen bestehen, so bleibt dennoch die Richtung der Fortschreitung des Grundklanges, und [76] die daher entspringende Mannigfaltigkeit der Harmonie, von Seiten des Setzers eine Haupt-Pflicht, weil die Haupt- und die nothwendigste Erforderniß einer jeden Musik, nicht ohne dieselbe erlanget werden kan.

Aber diese Verbindlichkeit ist noch größer, wenn die Folge der einzelnen Töne etwan blos im Einklange einherzugehen bestimmet ist. Es ist alsdenn noch eine besondere Behutsamkeit, sowohl in dem, was den Gebrauch der Figuren, als auch in dem, was den Gang und die Bewegung der eigentlich also genanten Harmonie anbelanget, nöthig.

Die bloße Verschiedenheit der einzelnen Töne hinter einander, findet Platz, auch ohne sonderliche Verschiedenheit der Accorde, und dieses um destomehr, jemehr man sich dabey verschiedener Figuren, in Kraft einer und eben derselbigen Harmonie, bedienet.

Weil nun die Folge blos einzelner auf einander folgender Töne, ohne gänzliche Verschiedenheit der Figuren, mager und trocken, folglich unangenehm zu hören seyn würde, viel Figuren aber in dem Gesange Weitläufigkeit verursachen, so hat man schon vorlängst das Gesetz gegeben, daß ein Unisonus, oder eine Folge einzelner Töne, so im Einklange einhergeht, kurz gefaßt seyn solle. Da ferner ein Unisonus sich durch seine Ernsthaftigkeit, durch seine Kraft und Nachdruck, von einer andern Folge singbarer Töne unterscheiden soll, dieser Nachdruck aber nur durch die ernsthafte Art der Fortschreitung der Harmonie, allein am besten, nicht aber auch durch den stufen-mäßigen Fortgang der Melodie zugleich erhalten werden kann, so haben auch die alten Setzer schon die Vorsicht gebraucht, den Unisonum, so viel als möglich, nur Baß-mäßig einher gehen zu lassen, weil die Ernsthaftigkeit keinen geschwinden Gang und Bewegung, sondern die weiten Schritte liebet.

In der That so ist sowohl die Länge, als die Menge der Zierathen, der Kraft und dem Nachdrucke des Unisonus gleich hinderlich. Und wo die nothwendige Harmonie nicht allemal dadurch ausgehalten wird, so verursachen sie dennoch zum wenigsten, daß wir den unter einer Folge zu verstehenden Fortgang der Harmonie, nur zweifelhaft und ungewiß empfinden.

Ich gebe es der Empfindung der vernünftigen Kenner anheim, ob der Fortgang der Harmonie alhier Num. 31. in der Zeit und auf die Art erfolge, wie wir ihn erwarten, oder ob er der Natur zuwider aufgehalten worden sey? Zum wenigsten ist es gewiß, daß, wenn dieses letztere geschehen ist, es nur daher komme, weil die Folge nicht um des mannigfaltigen Zusammenklanges willen, sondern unabhängig, und um ihrer eigenen Kraft und Wirkung willen, bestimmet wurde.

[77] Wie eine jede regelmäßige Zusammensetzung einen gewißen Haupt-Ton hat, der, für die nach und nach erfolgten Abänderungen der Harmonie, ein Ganzes ist: also befindet sich auch in einer jeden Zusammensetzung eine gewiße Haupt-Bewegung dieses Haupt-Tones, oder der jeder Zusammensetzung zum Grunde gelegten Zusammenstimmung, nach welcher sich alle Veränderungen dieser Haupt-Bewegung richten müssen.

Wenn man nun hier auf die in dieser Zusammensetzung herschende Haupt-Bewegung acht giebt, so scheint sie sich nur allererst in den vier letzten Tacten zu entdecken.

Denn so hat das erste Viertheil dieses fünften Tactes, die Harmonie des Haupt-Tones, die folgenden zwey Vierttheile haben den Accord der Unter-Quinte des Tones. Der sechste Tact hat eben diese Grundklänge, obwol in andern Tönen, so dieselben vorstellen. Der siebente beschleuniget diese Bewegung in Viertheilen, und führet diese Folge in die Quinte des Tones zur Ruhe. Wenn man nun diesem zu folge die herschende Bewegung des Grund-Klanges auf diese Weise fest setzte, Num. 32. und dieselbe in Absicht auf den Einklang also ausbildete, sollte sie nicht mittelst der ebenfalls darunter verstandenen vielfachen Harmonie, in der Hälfte der Zeit, eben diejenige Wirkung hervorbringen, so die erstere erzeuget? Num. 33.

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