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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 37

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[77] Das XXXVII. Capitel.

Die Harmonie hat ihren Grund in der Seele.

Es ist bey allen Musik-Verständigen eine ausgemachte Sache, daß wir bey gewissen Fortschreitungen der Harmonie oder des Grund-Tones, gewisse abwesende zu der Zusammenstimmung gehörige Klänge, wegen der natürlichen Sympathie der Klänge, und des uns angeschaffenen Gefühles an der ursprünglichen Harmonie, mit dem Gehöre ersetzen: und daß folglich der Componist, in dem Ohre des Zuhörers, gewisse, mit dem Fortgange seiner Grundklänge, und der daraus entstehenden Mannigfaltigkeit der Harmonie, nothwendiger Weise verbundene Töne, als gegenwärtig voraussetzen kan, ob er sie schon in seiner Zusammensetzung nicht wirklich ausgedrücket hat.

Die größten Meister bedienen sich dieser Freyheit, bey den Compositionen von wenig Stimmen, ohne Bedenken. Z. E:

[78] In dem ersten Satze der Symphonie der auf dem Königlichen Theater zu Berlin aufgeführten Opera Britannicus, ist unter andern folgener Satz: Num. 34.

Nichts, als die in der Octav vorausgesetzte, und unter derselben verstandene Gegenwart des Grund-Tones, berechtiget allhier den Componisten, die dem eigentlichen Fundamental-Tone zukommende Harmonie, so lange der Q[u]inte desselben, die dessen Stelle vertritt, bey zu legen, bis der wahre Grund-Ton in seiner eigentlichen Gestalt erscheint.

Die Modulation, oder der Fortgang des Grund-Tones, ist allhier in der Quinte des Haupt-Tones, nemlich im E dur. Wie nun von diesem dermahligen Haupt-Tone E dur, in dessen Quinte, und von dieser hinwiederum in den Haupt-Ton also fortgeschritten wird, daß in einem jeden Tact-Theil, entweder die eine, oder die andere Harmonie vernommen wird; also findet auch bey diesem Fortgange in dem Accord der Quinte zugleich die Septime um destomehr statt, weil die darauf folgende Zusammenstimmung des dermahligen Haupt-Tones dadurch desto angenehmer gemacht wird, und wir dieselbe darin leicht mit gedenken.

Nun schwebet bey diesem Fortgange des Grund-Tones, welcher gleichwol nur durch seine Quinte vorgestellet wird, der dermahlige Haupt-Ton E dar noch in so frischem Andencken, daß der Componist bey der erfolgten Abänderung der Harmonie, nicht nur die Gegenwart desselben, nicht nur die in Kraft dieser vorausgesetzten Gegenwart des dermaligen Grund-Tones entstandene Dißonanz, sondern auch die nothwendiger Weise darauf folgende Auflösung, voraussetzet, und folglich das Harmonie begierige Ohr, während der Pause mit der Auflösung dieser gedoppelten Dißonanz, nemlich mit der in der Harmonie des Grund-Tones begriffenen Septime, und der sich auf diese Septime gründenden Quinte, oder Undezime des eigentlichen Grund-Tones, auf diese Art Num. 35. beschäftiget.

Entweder ist dieses die Harmonie, so der Componist bey diesem Fortgange gedacht, und darunter verstanden haben will, oder es ist, zumal bey der in dem letzten Viertheil des Tactes erfolgten Pause, schlechterdings eine Lücke in der Verschiedenheit der Harmonie, und das Harmonie-begierige Verlangen, wird folglich dadurch nicht gesättiget, sondern nur aufgezogen, welches aber von einem also geübten Setzer, als es der Verfaßer dieser Zusammensetzung ist, um destoweniger zu vermuthen steht, je empfindlicher das Ohr desselben auf die Harmonie, und auf deren Verschiedenheit, geworden ist.

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