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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 39

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[85] Das XXXIX. Capitel.

Einem Einwurfe wider das polyodische Verfahren wird begegnet.

Man wird mir einwenden, daß das polyodische Verfahren, in sofern es nemlich dem Componisten das Gesetz aufleget, bey einer jeden besondern Zusammensetzung den Gesang aus der vorher empfundenen und der [86] Sachen gemäßen Harmonie oder Zusammenklängen zu ziehen, den Setzer gar zu sehr einschränke, ihm das Feuer benehme, und den Gesang trocken, mager und einfältig, und der Zierathen unfähig mache. Allein gesetzt, daß dem also wäre, würde wohl die Nothwendigkeit, polyodisch zu verfahren, dadurch aufgehoben? Und würde es nicht allemal besser seyn, etwas von der Annehmlichkeit, die blos aus der lebhaften und der geschwinden Bewegung der einzelnen Töne entspringet, und zwar dem Ohre schmeichelt, ohne aber die Kraft zu haben, gewisse und bestimmte Neigungen und Empfindungen in dem Herzen, als in der Quelle der Empfindungen, zu erzeugen, zu entbehren; als dem Willen und der Absicht der Natur zuwider, derselben Gewalt anzuthun, und den Haupt- und vornehmsten Endzweck der Musik, das Gemüthe auf eine bestimmete Weise zu rühren und zu bewegen, in ein bloßes Sinnen-Werk zu verwandeln, und folglich die Natur zu unrechten Absichten zwingen zu wollen?

Man kann zwar allerley neues erfinden, wenn man den einmal gebahneten Weg verläßt, und sich von der Natur entfernet. Allein die Künste sind doch nur nach dem Maaße, als sie sich der Natur genähert haben, zur Vollkommenheit hinauf gestiegen, und sie fallen nach eben dem Maaße, als sie sich von derselben entfernen, hinwiederum von derselben herunter.

Daß mancher Componist in Erfindungen so fruchtbar ist, und bey allen Gelegenheiten sonderbar scheinende und neue Einfälle hervor bringen kann, rühret oftmals nur daher, weil er sich nicht die Mühe giebt, oder nicht im Stande ist, das was bey der absonderlichen Absicht eines jeden Vorhabens nothwendig ist, und derselben eigentlich zukommt, deutlich, stark und lebhaft zu empfinden; sondern, weil er blos seiner sich leicht erhitzenden Einbildungs-Kraft den Lauf läßt, und sich nicht darum bekümmert, ob dieselbe auch von den rechten Objecten und im gehörigen Grade, eingenommen ist. Da ist öfters weder die Harmonie, noch auch der abgemessene Gang und Bewegung so in derselben ist, den Vorwürfen selbst angemessen, und denselben gemäß. Sowohl eines als das andere thut bald zu viel, bald zu wenig. Nun aber liebet die Natur keinen Zwang, sondern einen richtigen und der Sache gemäßen Ausdruck.

La nature assurément

n’est point une precieuse

elle parle vivement,

mais sans effort, nettement,

et n’est pas grande parleuse.

[87] Quand elle n’a rien à dire,

La nature ne dit rien:

Quand son mouvement l’inspire,

elle parle juste et bien.

Wenn es nun aber nicht einmahl wahr ist, daß das polyodische Verfahren einen Setzer mehr einschrenken solte, als das monodische, so muß hieraus der Vortheil und die Nothwendigkeit des ersteren, vor dem letzteren, um desto mehr erhellen.

In der That, worinnen besteht denn das neue und das unerwartete, welches eine blos für sich, oder eine monodisch bestimmte Folge der einzelnen Töne, in einer einzelnen Stimme, vor einer andern polyodisch bestimmeten Folge, voraus haben solte?

Die monodische und polyodische Setz-Art sind nur dem verschiedenen Gebrauch nach, den eine jede derselben, mit der Harmonie, und mit alle dem, was nur der Zierlichkeit halber in einer Musik ist, machet, von einander unterschieden.

Einem melodischen Setzer stehen eben diese Figuren, welcher Art, oder Gattung sie immer seyn mögen, zu Dienste, deren sich ein monodischer Setzer bedienet, und er bedienet sich derselben vollends nur alsdenn erst recht, wenn sie in Kraft eines denen Umständen und Absichten angemessenen Fortganges der Harmonie, und um desselben willen, wirken. Die Figuren und alle nur mögliche Arten des Harmonischen Zieraths, werden durch das polyodische Verfahren nicht aufgehoben, sondern nur eingeschränket.

Ein Setzer der sich der Figuren nur um der Zusammenstimmungen willen bedienet, hat ein desto geraumeres Feld vor sich, jemehr und je lebhafter er von der Harmonie im Ganzen gerühret und getroffen ist, und jemehr er die Mannigfaltigkeit der Zusammenfügung und der Verbindung der Harmonie so wie die Mannigfaltigkeit des Ganges, und der Bewegung, deren die Harmonie fähig ist, in der Gewalt hat. Hingegen ist ein monodischer Setzer desto eingeschränckter, jemehr er sich nur in dem Zirkel der gemeinen, und der gewöhnlichen Fortschreitungen der Harmonie beweget, und jemehr er sich von den leicht in die Sinne fallenden Figuren dieser Harmonie führen läßt, nicht aber sie nach seinem Willen lenket.

Es ist zwar allerdings leichter, sich des Zeit-Maaßes und der verschiedenen Figuren, in welchen die unterschiedlichen Harmonien eingekleidet werden können, um ihr selbst willen, und ohne um der Zusammenstimmungen [88] willen, zu bedienen, als diese selbst nur um irgend einer Haupt-Absicht willen zu nutzen; weil dieses eine genauere Kenntniß der Kräfte und der mannigfaltigen Wirkungen der Harmonie, voraussetzet; da man hingegen nach jenem Verfahren, sich so wohl der Harmonie als der Bewegung derselben, nur nach Gutdüncken bedienet. Allein in dieser Absicht würde dennoch die Schuld nicht dem Verfahren, als einem Mittel, sondern nur der Person, die sich desselben bedienet, beyzumessen seyn.

Das polyodische Verfahren kan niemanden an der Neuheit der Erfindung hinderlich seyn, als nur solchen, die die Harmonie noch nicht kennen, und derselben unterschiedliche Kräfte, noch nicht gnug empfunden, und sich derselben bemächtiget haben.

Ebenermaßen so leidet ein melodischer Gesang deswegen, weil er Melodie ist, keinen Abgang an Zierathen. Denn welches sind die wesentlichsten Auszierungen, womit man einen Gesang schmücken kan? Sind es nicht eine reine Intonation, ein wohl unterhaltenes Tragen des Tones, die Triller, Vorschläge, die Richtigkeit im Zeit-Maaße, die Deutlichkeit im Vortrage, das Ziehen und Schleifen, so, wie das zu rechter Zeit angebrachte Stoßen, und ein gewisses rundes Wesen bey Herausbringung der Läufer und Passagen? Finden alle diese vornehmste Zierathen, womit man jeden Gesang hinlänglich ausschmücken kan, nicht in der Melodie, und zwar in der allerbesten, eben sowohl Platz, als in einer geringern, und können sie irgendwo mit mehrerem Nutzen, und mit glücklicherem Erfolg, angebracht werden, als wenn sie um einer solchen Verbindung verschiedener Accorde wirken, welche an und für sich schon die Kraft haben, das Gemüthe einzunehmen, und selbiges auf eine bestimmete Weise zu rühren und zu bewegen.

Es verlieren also die wahren Schönheiten weder der Composition, noch auch diejenigen der Ausübung, daß geringste bey der melodischen Setz-Art, und die wahren Verdienste geschickter Ausführer, können sich bey wahren Melodien mit noch viel größerer Wirkung, als bey den Monodien äußern. So gefällt uns diese Folge verschiedener Töne nicht sowohl wegen der Lebhaftigkeit, und der Geschwindigkeit der Bewegung, nicht sowohl wegen der Verschiedenheit der Figuren, die sie aufweiset, sondern vornemlich darum, weil sie in der Vereinigung der tieferen Stimmen betrachtet, einen solchen Fortgang der Harmonie, und zugleich eine solche Bewegung desselben fühlen und empfinden läßt, die da an und für sich schon ausdrückend, und die natürliche Bewegung der Seele, aus eine dem besondern Vorhaben des Setzers gemäße Weise, zu unterhalten geschickt ist. Num. 49.

[89] Der Fortgang der Grund- oder Fundamental-Töne und derjenigen Harmonien, oder Zusammenstimmungen, so er bey sich führet, war seiner eigenen Wirkung halber schon vorher bestimmet. Die Verkleinerungen der Töne in der herschenden Ober-Stimme, sind nur um dieser vorherbestimmten Harmonie willen da. Der Verfasser verfuhr nur in Absicht auf die Ausbildung monodisch.

Jemehr man aber einen einzelnen Gesang nur blos durch die Menge der Figuren und der Manieren zierlich zu machen bedacht ist, um destomehr muß öfters die Mannigfaltigkeit der Harmonie darüber nachstehen, und um desto mehr leidet folglich eine Zusammensetzung, selbst an der allerwesentlichsten Eigenschafft, Mangel.

Man betrachte den Num. 50. befindlichen Gesang in dieser Absicht.

Es ist an dem, das unvollkommene entstehet allhier nicht allein von der Menge der Zierathen, sondern auch von dem übelgeführten Gange der Harmonie. Es ist nemlich keine Aehnlichkeit zwischen der Beziehung der verschiedenen Zusammenstimmungen, mit derjenigen Beziehung vorhanden, so die Worte auf einander haben.

Allein, wo rühret eben der Mangel der Beziehung in den unterschiedlichen Accorden, anders her, als aus der Richtung der blos einzelnen Töne, ohne Absicht, auf solche Zusammenstimmungen, die der absonderlichen Absicht des Setzers gemäß waren, oder aus dem monodischen Verfahren?

Die Worte sind dem Sinne nach, so genau mit einander verbunden, daß der Componist, ohne ihren Verbindungen Tort zu thun, die Grenzen der zum Grunde gelegten Ton-Art nicht eher hätte verlassen sollen, bis er dieselben zuvor in dem Haupt-Tone hören lassen. Der Componist befindet sich aber beym Eintritt des sechsten Tactes schon in der Quinte von der Quinte des Haupt-Tones, ehe er noch die Worte in ihrem Zusammenhang hat hören laßen; und da er diese Modulation noch einmal wiederholet, so faßet er, bey Endigung der Worte, in dieser Quinte des Tones festen Fuß. Gleichwol ist der Wort-Vortrag nur ein einfacher Satz, dessen Theile so nothwendig mit einander verbunden sind, daß mit nichten der Fortgang der Harmonie eine so große Abweichung von dem Grund-Tone leidet, ehe und bevor der Sinn der Worte geendiget ist.

Die Musik ist in der Verbindung mit Worten, um der Worte willen; und ihre Schönheit ist desto grösser, jemehr sie sich nur für diejenigen Worte schickt, für welche sie gemacht ist, und je natürlicher und lebhafter sie nicht nur den Sinn der einzelnen Wörter, sondern den Sinn der Re[90]dens-Arten, und nicht nur den Sinn einzelner Redens-Arten, sondern auch den Sinn einer ganzen Rede im Ganzen einer jeglichen Zusammensetzung überhaupt ausdrücket, und schildert.

Die Verschiedenheit der Accorde in der vorhin angeführten Zusammensetzung, ist nicht unmittelbar um der Haupt-Absicht willen veranstaltet worden, sondern sie haben sich dem mit allen nur möglichen Zierlichkeiten vorausgesetzten Gesange bequemen müssen. Die Kunst hat also keine mannigfaltige Harmonie, mit harmonischen Zierathen versehen, sondern umgekehrt ist nur wegen eines um der vorausgesetzten harmonischen Zierathen bestimmten, und um derselben willen erfundenen Gesanges, einige verschiedene Harmonie da.

So weit führet uns das monodische Verfahren von der einfältigen Natur ab. Die Künste sind zwar nicht blosse Nachahmungen der Natur, sondern sie sind Nachahmungen der schönen Natur, und folglich gehalten, die Natur mit allem ihren Reitz und ihrer Annehmlichkeit zu schildern.

Allein die Zierathen gehören doch nicht zum Wesen einer Sache, sondern sie sind nur als etwas zufälliges anzusehen. Mithin sind es nicht die Manieren, und die Auszierungen in dem Gesange, welche uns zu verschiedenen Zusammenstimmungen führen sollen; sondern es ist die Mannigfaltigkeit der Harmonie, welche durch Figuren ausgeschmücket werden soll.

Die Melodie thut also der aus dem mäßigen Gebrauch der Zierathen entspringenden Anmuth, so wenig Eintrag, daß sie vielmehr dieselbe befördert; dahingegen wird ein monodischer, das ist: ein mit allen zufälligen Beschaffenheiten bestimmeter, und blos um der Folge der einzelnen Töne willen eingerichteter Gesang, zu einem bestimmeten Ausdruck, und zur Bewegung des Gemüths, um desto ungeschickter, jemehr dabey den Zierathen Platz eingeräumet, der Fortgang der vielfachen Harmonie ihnen aber nachgesetzet und bequemet wird. Die von ungefehr und nach einem blinden Zufall hinter einander verknüpften zierlichen Töne, sind von desto geringerem Werth, jeweniger die unterschiedlichen Zusammenklänge, auf welchen dieselbe beruhen, so beschaffen sind, daß sie die unsrer Seele natürliche Unruhe und Bewegung unterhalten, und das Gemüth beschäftiget halten könten; ohngeacht der angenehmen Rührungen, so sie in dem Ohre machen, empfindet doch unser Herz nichts dabey. Es sind aber sowohl in der Sing- als Spiel-Musik viel Dinge, die zwar den Sinn belustigen, dennoch von sehr geringen Werthe. Multa in canendo & psallendo, quamvis delectent, vilissima sunt. Aug. de Mus. I. 2.

[91] Ich will ohne mich von der Setz-Art des Setzers zu weit zu entfernen, in Num. 51. versuchen, eben diesen Gesang mehr melodisch zu machen, indem ich ihn einem mehr beschleunigten Fortgange der Harmonie unterwerfen will, und dem Gutachten der Kenner überlassen, ob er dadurch verbessert oder verschlimmert worden ist.

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