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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 40

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[91] Das XL. Capitel.

Monodie in Absehen auf die fehlerhafte Mannigfaltigkeit der Harmonie betrachtet.

Ich kehre itzt zu den, aus dem monodischen Verfahren, durch die Schuld der Setzer, entspringenden Ungelegenheiten wieder zurücke.

Wie ein monodischer Componist nicht gerades Weges auf die Befriedigung des uns natürlichen Verlangens nach einer mannigfaltigen Harmonie losgehet, sondern wie er die einzelnen und zwar willkührlich hinter einander verbundenen Töne voraussetzet, und dem Zusammenklang zum Grunde leget, also verabsäumet er auch eben dadurch nicht nur zum öftern die erste und vornehmste Pflicht der Composition, sondern es fliesset auch nicht selten zufälliger Weise annoch daher, daß, da er den Gesang nicht unmittelbar aus der vorher bestimmeten Harmonie, oder, welches einerley, aus dem vorher bedachten, und in Ordnung gebrachten Fortgang der Grund- und Stamm-Töne, als aus seiner Quelle herleitet, er denselben annoch bey der Vervielfältigung auch mit ganz anderen Grund-Klängen oder Harmonien, als nicht diejenigen waren, woraus er floß, vereiniget, und folglich seine vielfache Harmonie dadurch zu der Erlangung des durch die Musik gesuchten Haupt-Zwecks, nicht nur unzulänglich, sondern auch schlechterdinges falsch und widernatürlich machet:

Was mag diesen Num. 52. angeführten vielfachen Gesang wenn man denselben auch nur in Ansehung der blossen Mannigfaltigkeit der Harmonie betrachtet, verdrüßlich und widernatürlich machen?

Der Gesang, und der Zusammenklang sind nicht einer um des andern willen gemacht, sondern der Zusammenklang ist vielmehr derjenigen Harmonie zu wider, deren Bild und Vorstellung durch den einzelnen Gesang in uns erreget wird.

Um die Verschiedenheit der Harmonie selbst, nach dem Sinne des Setzers, auf eine der Natur seines Gesanges gemäße Art, in Ordnung zu bringen, so merke ich an, daß das in dem Aufschlage des zweyten Tactes [92] gehörte G. der Natur der Verbindung der einzelnen Töne zufolge, alhier kein abhängiger, oder melodischer Klang ist, sondern, daß die Einbildungs-Kraft des Componisten, ihm denselben vielmehr selbst als Harmonie eingegeben habe.

Die Seele beweget sich, ihrer Natur nach, nach der harmonischen Zahl, oder welches einerley, nach den aus der vorherbestimmeten Harmonie unmittelbar fliessenden Fortschreitungen.

Der Verfasser, welcher sich alhier den natürlichen Bewegungen der Seele gutwillig überlies, und den von der Harmonie gehabten Eindruck blos einfach verfolgete, würde dieses natürlichen Triebes der Seelen ohne Zweifel selbst gar leicht gewahr geworden seyn, wenn er überzeugt gewesen wäre, daß nur der Fortgang der vielfachen Harmonie, beständig vorzüglich in Betracht zu ziehen, und der vorhabenden Absicht selbst anzumessen, der Fortgang der Melodie aber, willkürlich, und jener zu unterwerfen sey. Er würde sich alsdenn gewiß nicht blos von dem willkürlichen Fortgange der singbaren einzelnen Töne, dergestalt haben führen lassen, daß er dieselben der Verschiedenheit der Zusammenklänge, zum Grunde geleget hätte: Vielmehr würde er in dem vorher bedachten, und der Absicht unmittelbar bequemten Fortgange der Harmonie gnugsamen Stoff zu einem seinem Vorhaben dienlichen Gesange, gefunden haben.

Aus dem Mangel der Kenntnis der eigentlichen und wahren Harmonie, und des so übel beobachteten Fortganges derselben, ist es geflossen, daß der Componist das alhier befindliche G. welches der Grund einer neuen Zusammenstimmung, oder in dem eigentlichsten Verstande, Harmonie, ist, zur Melodie gemacht hat.

Es hänget aber dieses G von einer ganz anderen Harmonie ab, oder es ist vielmehr schon selbst Harmonie, und die übrigen Theile der Zusammenstimmung erhalten ihre Bestimmung von derselben, folglich sind die übrigen Töne dieser Zusammenstimmung, nach einem vorausgesetzten ganz falschen Grund-Tone veranstaltet.

Da der Componist sich an die der Harmonie vorgeschriebenen Gesetze der Bewegung so wenig kehrete, daß er sich der vielfachen Kraft der Harmonie vielmehr gar zu entschlagen suchte, so floß ferner daraus, daß er die im dritten Tact und zwar im letzten Viertheil desselben anhebende neue Zusammenstimmung, und die aus der Folge, und der Verbindung derselben mit andern fließenden Vortheile, abermals verkennet hat.

[93] Das Absehen gieng bey dem Anfange dieses Stückes dahin, den Gesang im dritten Tact in die Quinte zur Ruhe zu führen, und dem Sänger dadurch Gelegenheit zum Athemholen zu verschaffen. Deswegen hob er in der Quinte des Haupt-Tones an, und gieng daraus in den Haupt-Ton selbst, so wie von diesem hinwiederum abermals in die Quinte, bis er den mittelst des abermals dazwischen gesetzten Haupt-Tones, in eben dieser Quinte ausruhen konte.

Da er nun hiernächst das besondere Absehen hatte, in dem darauf folgenden fünften Tact, den Sänger abermals ausruhen zu lassen, was wäre natürlicher und dazu bequemer gewesen, als daß er allhier, wie vorhin bey dem Anfange, aus der Quinte in den Haupt-Ton gegangen war, anjetzt mittelst des Haupt-Tones, zu der Quinte übergegangen wäre? Allein der Componist führete nicht die Harmonie und derselben beständigen Fortgang. Vielmehr überließ er sich dem Eindruck der willkürlichen Fortschreitung der einfachen Harmonie, und lenkete blos verschiedene einzelne Töne, ohne Absicht auf die verschiedene Zusammenklänge, nach seinem Zwecke.

Der Gesang, der also ohne einige Kenntniß, und ohne vorhergegangene Wahl und Untersuchung der verschiedenen Zusammenstimmungen, folglich ohne Gefühl der ursprünglichen Quellen, aus welchen derselbe fließet, bestimmet worden, kan freylich bey der Zusammensetzung mehrerer Stimmen, die nur eine Vereinigung verschiedener einzelner Töne[,] als so vieler Theile verschiedener Zusammenstimmungen ist, ganz allein und vor sich die Uebereinklänge, von welchen er abhänget, nicht starck genug empfinden lassen; und daher hat er denselben mit ganz andern, als denjenigen Grund-Tönen vereiniget, welche d[i]e Uebereinklänge ihm eingegeben haben würden, wenn er die einzelnen Töne nicht blos für sich, sondern nur um jener willen eingerichtet und bestimmet hätte.

Sonst wäre auch durch den richtig beobachteten Fortgang der Harmonie überhaupt mehr Verschiedenheit, und mehr Gleichheit und Symmetrie, in den abgemessenen Gang, und in die Bewegung der Harmonie gebracht worden, und der Setzer hätte sich auch dadurch eine neue Gelegenheit verschaffet, in Begünstigung der mit dem vierten Tacte eintretenden Septime, bey dem annoch im Sinne-schwebenden Haupt-Ton, ein neues Intervall in die Zusammenstimmung zu bringen, wodurch das Harmonie-Begierige Ohr, weit mehr Nahrung und Unterhalt gefunden hätte, als es hier nicht bekommen kan.

Ich halte dafür, daß dieser Gesang seiner Natur nach, die verschiedenen Fortschreitungen an die Hand gebe, und dieselben gedencken lasse, wie [94] sie im Beyspiel Num 53. befindlich sind, und daß er folglich mit diesen Zusammenstimmungen, ohne künstlichen Zwang, vereiniget und verbunden werden könne.

Je weiter sich ein Componist von dem Eindrucke der blos einfach ausgedehnten Harmonie also führen läßt, daß er an keinen Zusammenklang bey Erfindung und Einrichtung der Ober- und Haupt-Stimme gedenket, und jemehr er glaubt, schon alles nöthige gethan zu haben, wenn er blos den Fortgang der letzteren so angeordnet, wie es seine Haupt- und absonderliche Absicht zu erfodern scheinet; destomehr läuft er alle Augenblicke Gefahr, nicht nur zu wenig Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit der Harmonie in seiner ganzen Composition hören zu lassen, sondern auch endlich den beständigen, oder den nothwendigen Fortgang der zusammengesetzten Harmonie, dergestalt aus dem Gesichte zu verliehren, daß die unterschiedlichen Accorde gar keine, vielweniger diejenige Beziehung aus einander haben, die sie den Umständen und Absichten des Setzers nach, auf einander haben sollen.

Der Verfasser richtete alhier Num. 54. sein Absehen dergestalt nur auf eine blos für sich bestehende Folge einzelner Töne, in der herschenden Ober-Stimme, daß er darüber den unveränderlichen Fortgang der Harmonie ganz aus der Acht gelassen, diesen jenem völlig aufgeopfert, und hierdurch den Gesang, so unnatürlich und unangenehm gemacht hat, als falsch und unwahr er ist.

Ohne diesem Gesange die oft wiederholeten weiten Sprünge, noch auch den zur Unzeit angebrachten Trompettenmäßigen Fortgang, vorzurücken; ohne auf das in demselben so übel beobachtete Metrum zu sehen, oder die in demselben befindliche Monotonie zu bemercken, so mercke ich nur an, daß der Componist der natürlichen Bewegung der Seele nach der harmonischen Zahl, zuwider, den Fortgang der eigentlich also genannten Harmonie, aus keiner andern Ursache so lange gehemmet und aufgeschoben hat, als weil sein Absehen blos auf die Folge der einzelnen Töne allein, und nicht zugleich auf die verschiedenen Zusammenstimmungen als auf die Quellen der einzelnen Töne richtete.

Die Harmonie oder der Grund-Ton, schreitet in dem herschenden Gesange, gleich in dem ersten Tact, von dem Haupt-Tone, in dessen Quinte fort. Der Componist aber, um zu vermeiden, daß sich das Gehör nicht an eine so geschwinde Abwechselung der zum Grunde gelegten Zusammenstimmung gewöhne, und um in der Folge nicht genöthiget zu seyn, denselben nach Maaßgebung des festgesetzten Ganges, als der Anlage fortzusetzen, [95] unterwirft diese, mittelst des uns angeschaffenen Gefühles an dem beständigen Fortgange der Harmonie, herbey geführte Quinte des Tones, dem natürlichen Triebe zu wider, dem Haupt-Tone, und läßt sie von demselben abhängen. Eben dieses geschieht mit dem Niederschlage des vierten Tactes noch einmal, so daß innerhalb dem Umfang einer Zeit von fünf Tacten, nur eine und eben dieselbige Zusammenstimmung des Grund-Tones vernommen wird, ob wohl dem, der natürlichen Bewegung der Seelen bestimmten Gesange gemäß, in einem jedem besondern Tacte, ja in einem jeglichen besondern Theile desselben, eine abgeänderte Harmonie hätte seyn sollen.

Der sechste Tact hebt mit eben diesem, schon fünf Tacte lang abgenutzten Accord, auf das neue an, und wechselt, während der vier folgenden Tacte, die Harmonie der Quinte mit demselben ab. Der darauf folgende zehnte, eilfte, zwölfte und dreyzehende Tact, fähret noch immer fort, unser Ohr mit eben dieser Zusammenstimmung, nur mit diesem Unterscheid, zu ermüden, daß wie in den vier vorhergehenden Tacten die Harmonie des Haupt-Tones von dem Accord der Quinte abgelöset, alhier umgekehrt, die Quinte mit dem Haupt-Tone abgewechselt wird. Das natürliche Verlangen nach einer mannigfaltigen Harmonie ist also so wenig befriediget, das natürlicher Weise Ekel und Unlust daraus entstehen muß.

Eine Zusammensetzung, die der Natur so offenbare Gewalt anthut, kan den abgezielten Zweck der Musik nicht erreichen, weil diese mit unserer Vollkommenheit, und mit unserem Vortheile in einem genauen Verbündniß stehet. Nur das ist natürlich, was sich mit der Natur der Sache am besten verträget, und aus derselben fließet. Id est maxime naturale, quod fieri natura optime patitur. Quint:

Ich will mich in keinem Stücke von der besondern Absicht des Setzers zu weit entfernen. Es dünket mir aber, daß dem Gesange, das, aus der Unrichtigkeit desselben entstehende unangenehme, am besten benommen, und er mit der ursprünglichen Quelle, aus welcher er gefloßen, hinwiederum vereiniget werden könne, wenn man denselben von den Grundklängen auf eine so natürliche Weise abhängen ließe, und folglich denselben dadurch melodisch machte, wie Num. 55. angezeiget ist.

Wenn eines Componisten Ohr der Harmonie, und den in derselben verborgen liegenden Rührungs-Kräften, so viel Empfindlichkeit abgewonnen hat, daß es in dem Gleichgewichte derselben, wie ein Schiff im Wasser gewieget wird, so bin ich nicht in Abrede, daß er sich seiner Pflicht, in Ansehung der Sättigung des uns natürlichen Verlangens nach einer man[96]nigfaltigen Harmonie, nicht auch mittelst des monodischen Verfahrens, entledigen könne. Er wird es aber doch nicht anders mit glücklichen Erfolg thun können, als bis er sich mittelst des polyodischen Verfahrens, durch eine lange Uebung mehr oder weniger geschickt gemacht hat, die den Umständen nach nöthigen Zusammenklänge, auch mittelst des blossen Gefühls zu treffen. Sein Gesang fließet in diesen Fall allemal aus dem vorher empfundenen Eindruck der vielfachen Harmonie, ob er schon bey gewissen besondern Gelegenheiten (actu) nur monodisch zu Werke zu gehen scheinet.

Die natürliche Geschicklichkeit, oder das glückliche Genie der Setzer, macht, daß sie natürlicher Weise, und gleichsam, maschinenmäßig, doch immer mit einer innerlichen Empfindung und Zuneigung in dasjenige hinein gehen, was den Umständen und Absichten nach, erfodert wird. Es besteht in einer gewissen natürlichen Fertigkeit der Seele, diejenige Leidenschaft, so man ausdrücken will, wie auch diejenigen Mischungen der Accorde so dieselben auszudrücken geschickt sind, leicht und geschwinde zu empfinden.

Das monodische Verfahren ist also minder-geübten Setzern gefährlich, und verderblich, mehr geübten aber ganz unnütze.

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