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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 41

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[96] Das XLI. Capitel.

Fortsetzung der Betrachtungen der fehlerhaften Mannigfaltigkeit der Harmonie der Monodie.

Ohne vor diesmal mein Absehen auf die übrige Unvollkommenheiten dieses Nu[m]. 56. ohne Absicht auf die Mannigfaltigkeit der Harmonie bestimmten Gesanges zurichten, so mercke ich nur an, daß wenn das in dem fünften Tact erfolgte B. sich in dem Niederschlage des Tactes, der Einbildungs-Kraft des Componisten, als Harmonie dargestellet hat, er in dieser Verbindung der Accorde von derselben, in dem Aufschlage eben dieses Tactes, nur als von einem von der darunter verstandenen Harmonie der Quinte abhängigen Tone gerühret worden seyn kan. Wie die Harmonie der Quinte eines Haupt-Tones am ersten aus demselben entspringet, also führet sie auch am natürlichsten wiederum in den Haupt-Ton zurück. Dahingegen die Zusammenstimmung der Quarte eines Haupt-Tones, vor derjenigen des Accordes des Haupt-Tones, weit unvollkommener schließet. Nun wolte gleichwol der Componist, wie die Beschaffenheit seines Gesanges zeiget, den Accord des Haupt-Tones nach einer vollkommenen Cadenz hören lassen. Die Zusammenstimmung der Quinte des Haupt-Tones, wäre also ein viel bequemeres [97] Mittel, als die Harmonie der Quarte, gewesen, um zu diesem Zweck zu gelangen. Zugeschweigen daß durch die Hinzufügung der Harmonie der Quinte zu derjenigen der Quarte, in dieser Verbindung der Accorde, mehr Abwechselung und mehr Verschiedenheit in die Harmonie gebracht wird. Das B ist also nicht, oder solte zum wenigsten nicht während den ganzen Tact hindurch, als Grund-Ton oder Harmonie, sondern als ein von derselben abhängiger Klang, geachtet werden, weil es nur in Kraft der darunter verstandenen Zusammenstimmung der Quinte, und als ein Theil derselben, der natürlichen Bewegung der Seele gemäß, also alhier erfolget. Folglich solte die Zusammenstimmung verschiedener Töne, allhier in dieser Gestalt erscheinen Num. 57.

Wer vermuthet in dieser Verbindung der Töne Num. 58. wenn sie einzeln oder blos nach und nach zu Gehör kommen, nicht die Harmonie von der Quinte des Haupt-Tones in dem zweyten Tacte, da zumal der dritte Tact wiederum die Zusammenstimmung des Haupt-Tones hören läßt?

Der Verfasser wiederholet indessen die Harmonie des Haupt-Tones noch einmal. Es wird also, dem natürlichen Triebe nach einer abgeänderten Harmonie zuwider, in drey Tacten kein anderer als der Accord des Haupt-Tones vernommen. Indessen läßet die natürliche Unruhe der Seele, und die Bewegung derselben, nach der klingenden Zahl, uns leicht schließen, daß die Phantasey des Setzers demselben das in dem Niederschlage des zweyten Tactes befindliche H, nur als Grund-Ton, oder als Harmonie, eingegeben habe. Num. 59.

Solte in dieser Verknüpfung der Töne Num. 60. das D. in dem Niederschlage des zweyten Tacts, dem Componisten wohl als ein von der Harmonie des Haupt-Tones abhängiger Klang bey gefallen seyn?

Ich kann mir dieses um destoweniger überreden, da die Harmonie des Haupt-Tones uns schon mit dem Anfangs-Tone G eingepräget wird, und folglich bey dem Niederschlage des folgenden Tacts, eine nothwendige Abänderung verlanget. So ist auch der Fortgang eines Ha[u]pt-Tones, in die übergelegene Quinte, ein harmonischer Schritt, welcher die Grund-Töne zweyer verschiedenen Harmonien alhier in diesen verschiedenen Theilen und Gliedern des Tactes gar zu deutlich anzeiget, als daß sie uns, auch einzeln gehöret, nicht das Bild derselben zugleich mit eindrücken solten.

Weil aber nach der Anlage des Gesanges die Harmonie des Haupt-Tones mit dem Niederschlage des dritten Tactes nöthig ist, solte nicht die Fortschreitung der Quinte in den Haupt-Ton, bey dem Anfange des Gesanges, denselben auf folgende Weise bequemer dahin führen? Num. 61.

[98] Der unter der in dem zweyten Tacte befindlichen Harmonie der Sexte, verstandene Grund-Ton A. erfodert, wie es die Beschaffenheit des Num. 62. befindlichen Gesanges anzeiget, einen ganz andern Fortgang des Grund-Tones.

Denn obwol dieser Accord des Haupt-Tones, eben sowol eine Quinte, als eine Quarte fortschreiten kan, so zeiget dennoch der Fortgang der einzelnen Töne, in dem Gesange, die Harmonie der Secunde des Haupt-Tons, oder welches einerley, die Fortschreitung in die Quarte des Tones, mit der darin gegriffenen Sexte, ganz deutlich also an, wie sie Num. 63. erfolget. Zudem so verlanget die gleich in dem ersten Tacte festgesetzte Bewegung der Harmonie, eine Gleichförmigkeit in dem darauf folgenden dritten Tacte, zu nothwendiger Weise, um daß nicht die Zusammenstimmung der Quarte in dem ersten Viertheile derjenigen der Quinte, so da gleich darauf folget, vorher gehen solte.

Wollte man hierwider einwenden, daß die Terzie unter dem Gesange die Ober- und Unter-Stimme mehr und genauer mit einander vereinigte, so kan dieses dennoch der eigentlichen Grund- und Fundamental-Harmonie dieses Gesanges nicht Tort thun, so lange es wahr ist, daß ein Gesang bey der Vereinigung mehrerer Töne, nur am besten in Kraft derjenigen Uebereinklänge, mit andern wieder vereiniget werde, aus welchen er gefloßen ist.

Gesetzt, daß man auch die, durch den zuweit aufgeschobenen Fortgang des Grundklanges, verabsäumte Mannigfaltigkeit der Harmonie Num. 64. nicht rügen wolte, kan man wohl bey Anhörung des in dem zweyten Tacte befindlichen D. umhin, den Accord der Quinte und des Haupt-Tones zu wünschen und zu verlangen? Indessen ist dieses D. noch immer der vorhergegangenen Harmonie des Haupt-Tones unterworfen, und folglich die Harmonie, zu der Sättigung unsers natürlichen Hungers, nicht nur nicht geschickt, sondern auch dem Gesange ganz ungemäß gemacht worden.

Werden nun selbst Meister und geübte Setzer zu der Zeit, wenn sie sich den Führungen des blos einzelnen Gesanges also überlassen, daß sie nicht an die Harmonien, als an die Quellen, aus welchen derselbe fließet zugleich mit gedenken, mehr oder weniger, nachdem sie sich dieser letztern mehr, oder weniger entschlagen, also hintergangen, daß sie den Gesang öfters mit ganz unrechter Harmonie verderben; was wird nicht bey Anfängern und ungeübten Setzern geschehen, welche in der Verbindung und Verknüpfung der unterschiedlichen Harmonien weniger Uebung haben, um die falschen Beziehungen unter denselben zu vermeiden, und dadurch das har[99]monie-begierige Ohr zu teuschen und durch unrichtig, und unregelmäßig verknüpfte Töne zu belästigen?

Der Monodist opfert also den Zierlichkeiten des einzelnen Gesanges, nicht nur die allerwesentlichste Eigenschaft, die Mannigfaltigkeit der Harmonie auf, sondern er teuschet auch das harmonie-begierige Ohr, durch unrichtige Zusammenfügung mehrerer Töne zugleich, indem er aus übermäßiger Liebe zu den harmonischen Zierathen, den nothwendigen Fortgang der eigentlichen Harmonie entweder gar hemmet, und aufschiebet, oder dennoch denselben, seiner Natur zu wider, verändert, und mithin eben dadurch nicht nur zu der gesuchten Absicht unzulängliche, sondern auch gar falsche Zusammenklänge hören läßt.

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