Startseite » 18. Jh. » Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 42

Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 42

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[99] Das XLII. Capitel.

Die Musik begnüget sich nicht blos das allgemeine Urbild der Musik, die natürlichen Fortschreitungen der Harmonie, nachzuahmen.

Wir haben indessen die aus dem monodischen Verfahren entspringenden unangenehmen Wirkungen nur allein abseiten der allernothwendigsten Erforderniß der Musik, der Befriedigung des uns natürlichen Verlangens nach einer mannigfaltigen Harmonie, betrachtet. Aber so ein nothwendiges, und so ein wesentliches Stück auch die Mannigfaltigkeit der Harmonie, oder der Reichthum der Accorde in einer Zusammensetzung ist, so wenig macht dennoch dieselbe an und vor sich allein genommen, ein schönes musikalisches Stück aus. Vielmehr sind die unterschiedlichen Accorde nur erst der Stoff und die Materie, die ein Componist bearbeitet, um eine Nachahmung eines in der Natur der wirklichen oder der möglichen Dinge befindlichen Urbildes, daraus zu verfertigen.

Diejenigen Zusammensetzungen, welche die Nachahmung der Natur, in Ansehung der blos möglichen Vermischungen und Verbindungen der Töne, zur Haupt-Absicht haben, erschöpfen daher das Wesen der ganzen musikalischen Kunst bey weiten noch nicht. Die Fugen, Canonen und Contrapuncte nach ihren mannigfaltigen Arten und Gattungen, sind so wenig das letzte Ziel der Musik, daß sie vielmehr nur die Mechanik der Setzkunst betreffen, und anhebenden Setzern zu einen Mittel dienen, sich mit den unterschiedlichen Wirkungs- und Bewegungs-Kräften der Harmonie und des Rhythmus bekannt zu machen, sie in ihre Gewalt zu bringen, um sie nachhero [100] mit desto glücklicherem Erfolge nach einen gewissen vorgesetzten Zwecke zu richten.

Die Musik ist zu etwas mehrerem geschickt, als blos durch die Kunst der Verfertigung zu gefallen, und blos dem Sinne durch die regelmäßige Verknüpfung der Töne zu schmeicheln. Die Seele selbst kan durch den Klang, und durch dessen mögliche Veränderungen, auf verschiedene Art, und in verschiedenen Grade gestimmet, und zu gewissen Leidenschaften gerühret und beweget werden.

Auch hat fast eine jede Leidenschaft ihren eigenen Ton, und drücket sich blos in Absicht auf den Klang ganz verschiedentlich aus. Omnis enim motus animi suum quendam â natura habet vultum, et sonum, et gestum, totumque corpus hominis, et ejus omnis vultus, omnesque voces, ut nervi in fidibus, ita sonant, ut a motu animi quoque sunt pulsæ f. Cic. de Orat. lib 3. Daher unterscheiden wir nicht nur überhaupt so leicht den Ton eines verliebten, von demjenigen eines klagenden, eines furchtsamen, eines zornigen &c. sondern wir bemerken auch nicht selten die unterschiedlichen Grade dieser Leidenschaften, blos aus dem Ton, der Sprache. Denn diese verschiedenen Biegungen und Brechungen der Stimme, in verschiedenen Gemüths-Zuständen, haben nicht nur die bloße Gewohnheit, oder eine willkürliche Einsetzung zum Grunde; Sie sind vielmehr von der Natur selbst eingesetzet; dahingegen die articulirten Töne der Worte nur die willkürlichen Zeichen dieser Leidenschaften sind. Jene sind sowol den Wilden, als den gesitteten Völkern gemein. Diese sind hingegen nur irgend einem besonderen Volke eigen. Der Ton der Stimme ist das unmittelbare, und das eigentlichste Werkzeug der Empfindungen des Herzens selbst; weil das Winseln, das Weinen und das Lachen uns bey gewissen Gelegenheiten mehr, als alle Worte von der Beschaffenheit des innerlichen Zustandes des Gemüths überzeugen. Nun bringet es die Natur der Leidenschaften also mit sich, daß sie alles hervor suchen, um sich andern mitzutheilen. Wir pflegen uns um desto stärker und um desto lebhafter auszudrücken, nachdem wir von den Empfindungen in geringerem oder in stärkerem Grade gerühret sind. Es hat also wahrscheinlicher Weise, die gewahrgewordene Aehnlichkeit zwischen den verschiedenen Tönen, und dem natürlichen Ausdruck der Empfindungen und Affecten, die Menschen zuerst bewogen, sich musikalisch auszudrücken. Die Musik sey also ihrem Ursprunge nach, aus dem Gefühl einer dringenden Noth, oder einer empfindlichen Lust geflossen, so hat sie dennoch allemal die Empfindung der Seele zum Grunde, und muß ihrem Ursprung und ihrer Einsetzung zu folge, wiederum auf die Erregung der Neigungen, und Empfindungen abzielen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Musikwissenschaft Leipzig

Eine (Quellen)Texte-Sammlung des Zentrums für Musikwissenschaft Leipzig

CULTURAL HACKING

Urban Interventions

Open-Access-Netzwerk

Netzwerk von Open-Access-Repositorien

vifamusik

ViFaMusik-Blog

Centre for Musical Research

Bath Spa University

The WordPress.com Blog

The latest news on WordPress.com and the WordPress community.

%d Bloggern gefällt das: