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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 43

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[101] Das XLIII. Capitel.

Die Musik bedienet sich der Verschiedenheit der Harmonie also, daß dadurch gewisse Neigungen und Empfindungen abgebildet und erreget werden.

Wenn nun die blossen Abänderungen der natürlichen Sprache, oder die articulirten Töne der Worte schon geschickt sind, gewisse Veränderungen des Gemüths anzuzeigen, wie vielmehr werden nicht diese unterschiedlichen Töne durch einen vielfachen Wohl- oder Uebellaut verstärcket und vervielfältiget, in das Gemüthe eindringen und auf dasselbe gewiße bestimmete Eindrücke zu machen geschickt seyn? Schon die allerältesten Völcker sind von der großen Kraft und Wirkung der Musik, auf das empfindliche Gemüthe, überzeuget gewesen; daher haben sie derselben ihre angelegentlichsten Wünsche und alles das, was ihnen am meisten am Herzen lag, anvertrauet. So machte die Musik nicht nur bey den Hebräern ein wesentliches Stück ihres Gottesdienstes aus, sondern auch die Egyptier bedienten sich derselben bey eben diesem Vorhaben. Die Griechen wendeten dieselbe sowohl zum Dienst der Tugend, zum Lobe der Helden, als zur Bildung der Sitten, und zur Erziehung der Jugend an. Plato hielt dafür, daß nichts in der Welt so leichte in die Gemüther der Jugend sich einpräge, als die unterschiedlichen Sangweisen, die sie hören. Die Chineser haben vielleicht aus eben dieser Ueberzeugung in Gewohnheit gehabt, verschiedene Gesetze, die sowohl die bürgerliche Ordnung, als den Wachsthum der Tugend betroffen, musikalisch abzusingen. Und nach des heiligen Augustinus Meynung, ist die Wissenschaft der Musik nichts anders, als die Wissenschaft das Herz auf eine bestimmete Weise zu rühren und zu bewegen.

Die Musik, die also eine künstliche Abbildung der menschlichen Leidenschaften, und Affecten ist, begnüget sich nicht, die Töne sowol mit als neben einander, blos auf eine der Natur gemäße Weise zu verbinden, sondern sie bequemet a[u]ch, noch neben dem, diese an und vor sich schon natürlichen Verbindungen der Töne, einem natürlichen Vorwurfe mit solcher Deutlichkeit, daß man die Aehnlichkeit und die Uebereinstimmung, die zwischen derselben, und der vorgestellten Sache ist, fühlen und empfinden kan.

Daß große Verdienst einer Musik bestehet demnach nicht darin, daß sie dem Sinne durch die der Natur des Klanges ähnliche Verbindungen, blos angenehme Kützelungen, und Rührungen verschaft; sondern hierinn äussert sich dasselbe vornehmlich, wenn eben diese an und vor sich selbst schon natürlichen Verbindungen, irgend einer Leidenschaft, oder ei[102]nem natürlichen Gegenstande so genau angemessen, und bequemet sind, daß das Gemüth, nach der Größe des vorgestelleten Gegenstandes, dadurch eingenommen, und daß Herz zu solchen Entschließungen beweget werde, wozu es der besondern Beschaffenheit der Umstände und Absichten nach, bewogen werden soll. Jemehr wir fühlen und empfinden, daß die verschiedenen Uebereinstimmungen einer Musik, uns eben denjenigen Grad der angenehmen oder der unangenehmen Empfindung gewähren, den die vorgestellete Sache ihrer Natur, und ihrer innerlichen moralischen Beschaffenheit nach, verlanget und erfodert, desto schöner ist die Musik, und desto größer ist die Geschicklichkeit des Künstlers. Das Maaß der Aehnlichkeit, und der Uebereinstimmung zwischen schon vorhandenen Urbildern, und denen durch die Kunst erregten Empfindungen des Wohl- oder Mißfallens, macht also das Maaß der Schönheit der Musik. Wie es also zur Erlangung des ganzen Endzwecks der Musik nicht hinlänglich ist, bloß angenehme und gefällige Rührungen dadurch zu wege zu bringen, sondern, wie auch heftige, und unangenehme und auf alle Weise vermischte Gemüths-Bewegungen, dadurch erreget werden sollen; also ist es auch nöthig, daß eine Musik den absonderlichen Grad des zu erregenden Vergnügens, oder Mißfallens, dergestalt characterisiret, daß derselbe von allen aufmerksamen, und gesunden Ohren, gefühlet, und empfunden werden könne.

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