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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 44

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[102] Das XLIV. Capitel.

Die unterschiedlichen Effecte des monodischen und des polyodischen Verfahrens, in Absehen auf die Nachahmung einer Leidenschaft, oder eines natürlichen Gegenstandes, betrachtet.

Das monodische Verfahren, oder vielmehr ein Setzer, so sich desselben bedienet, ahmet weder zu der Zeit, wenn er die blos natürliche Verbindung der Töne zur Absicht hat, noch weniger aber zu der Zeit, wenn er die unterschiedlichen Mischungen derselben irgend einem Gegenstande anzubequemen suchet, der Natur so gut nach, als das ihm entgegenstehende polyodische Verfahren.

Wir haben bishero die, durch die Schuld, des Setzers aus dem monodischen Verfahren fließenden Unvollkommenheiten, blos in Absicht auf die natürliche Verbindung der Töne an sich betrachtet, ohne dabey zugleich auf die Nachahmung, noch irgend eines andern Gegenstandes zu sehen. Lasset uns anjetzt die Unzulänglichkeit desselben, in so ferne man sich desselben zu[103]gleich als eines Mittels bedienet, um dadurch annoch irgend eine Leidenschaft, oder ein anderes natürliches Urbild, zu schildern, und nachzuahmen, etwas näher betrachten.

Es kan weder als ein müßiges noch auch als ein unanständiges, vielweniger aber als ein gefährliches Unternehmen angesehen werden, das Mangelhafte in den Werken der musikalischen Kunst, in der Absicht, als meine gegenwärtige ist, anzumerken, weil dadurch der Geschmack auf das Gute desto empfindlicher gemacht. Warum wolte man sich der Unvollkommenheit, welche das allgemeine Looß der Menschen ist, in der Musik, und ins besondere in den Compositionen, schämen? warum wolte man verabsäumen, selbige zu verbessern, und einen höhern Grad der Vollkommenheit in dieselben zu bringen?

Wir kommen auf die Exempel als welche in dieser Art Abhandlungen vielleicht mehr, als alle Vernunft-Schlüsse überzeugen.

Man betrachte die Num. 65. bezeichnete Zusammensetzung, als eine Nachahmung der Worte, oder vielmehr des in den Worten liegenden Sinnes, Gedanken, und Affectes, so wird die Unvollkommenheit derselben, ganz deutlich in die Augen fallen.

Wenn man auch den Affect, der alhier eine ängstliche Besorgung, über die Gegenliebe des geliebten Gutes, ist, der theatralischen Schreibart gemäß, nur durch eine Folge ganz gemeiner Accorde abbildet, so müssen dennoch die unterschiedlichen Zusammenstimmungen eben diejenige Beziehung unter einander haben, als man in den Worten wahrnimmt.

Dieses ist aber alhier ganz und gar nicht in acht genommen worden. Das macht, der Componist suchte blos seinen Absichten gemäße einzelne Töne, nicht aber solche Zusammenstimmungen, die sich vor sein Vorhaben schickten.

Der Vortrag der Worte bestehet alhier aus zween verschiedenen Sätzen, die durch das zuwider laufende Verbindungs-Wort, aber, von einander getrennet sind. Nun hätte derselbe einen eben solchen Fortgang der Accorde, und eine solche Verbindung derselben erfodert, welche wie die Worte, von einander unterschieden gewesen wären. Allein der Componist, welcher nicht verschiedene Zusammenstimmungen, und um derselben willen, verschiedene einzelne Töne, nach einen gewissen Zwecke richtet, sondern, der umgekehrt, aus der uns natürlichen, und einem jeden sich leicht darbietenden Abänderung der ursprünglichen Harmonie, blos einzelne Töne auf eine wilkürliche Weise, ohne Absicht auf die Grund-Töne selbst verband, und nur folgends die Zusam[104]menklänge daraus erzeugete, bekümmert sich nicht um den Effect der Zusammenstimmungen an sich, und um die aus der unterschiedlichen Mischung derselben entstehende Wirkung. Die verschiedenen Accorde sind nicht unmittelbar um der Absicht, sondern nur um der vorausgesetzten, und ohne Absicht auf die Zusammenstimmungen bestimmten Gesanges willen da. Dieser aber fliesset um desto weniger aus der Quelle, je weniger der Componist die Folge der Accorde vorher in Ordnung zu bringen, und die verschiedenen Eindrücke derselben, in zusammengesetzter Kraft, zu empfinden bemühet gewesen ist. Daher kommt sowol der Mangel der so nöthigen Abwechselung, und Mannigfaltigkeit der Harmonie, sowol das monotonische in dem einzelnen Gesange; als auch die Unähnlichkeit der Mannigfaltigkeit der Harmonie mit dem auszudrückenden Urbilde[.]

Ich setze den Fall, daß man itzt, der Veranlassung eben dieser Worte zufolge, in eben diesen Umständen, einen Gesang zu verfertigen, den Fortgang, oder die Folge, der empfundenen Zusammenstimmungen, ungefehr auf eine eben so ungezwungene oder natürliche Art disponirte, wie im Exempel Num. 66. geschehen ist; in Kraft und Folge aber des von dieser vorherbestimmeten Harmonie gehabten Eindruckes, den Gesang ohngefehr also bestimmete: solte der Gesang ausser dem, da er in keiner Betrachtung geringer ist, als der vorhin angeführete, nicht auch zugleich der Natur der auszudrückenden Sache dadurch ähnlicher, folglich mehr wahr, und bestimter gemacht worden seyn?

Der Gesang fließet alhier aus dem vorher empfundenen Eindrucke einer solchen Folge verschie[de]ner Uebereinklänge, die dem Affecte sowohl, als dem Verstande der Worte, mehr gemäß sind. Dahingegen wurden in dem ersten Exempel die einzelnen Töne, in dem einzelnen Gesange der herschenden Ober-Stimme, blos wilkürlich zusammengefüget, und folgends ein Zusammenklang zu denselben gesuchet.

Die starken und die hohen Bilder, so die der Num. 52. befindlichen Zusammensetzung zum Grunde liegende Worte:

Per quel paterno amplesso,

Per quest ’estremo addio &c.

dem Verstande darstellen, vertragen nicht nur nicht so viel Zierlichkeiten, als dieser Gesang aufweiset, sondern der Nachdruck derselben erfodert auch mehr Bewegung, und mehr Fortschreitung der ganzen, oder der zusammengesetzten Harmonie. Zugeschweigen, daß eben dieser Gesang, wegen seines weiten Umfanges, da er nehmlich eine Duodezime einnimmt, von den aller[105]wenigsten Menschen in der Welt, nachgesungen werden kan, und folglich der natürlichen schönen Sing-Art wenig gemäß ist.

Die zierliche Singe-Art, welche wir in der Oper erwarten, leidet zwar nicht, daß sich die verschiedenen Zusammenstimmungen so geschwinde ablösen, und so gedrange, als in andern Arten der Zusammensetzungen, aufeinander folgen. Nichts destoweniger aber, da die Sättigung unserer natürlichen Begierde nach einer mannigfaltigen Harmonie, so, wie die Aehnlichkeit dieser mannigfaltigen Accorde, mit einem auszudrückenden Urbilde, eine Pflicht ist, die man durchaus nicht aus den Augen setzen muß; so hat eine Composition, welche denen besondern Absichten eines jeglichen besondern Vorhabens eine Gnüge thut, ohne, daß doch die Haupt-Absicht etwas darunter leide, nothwendig mehr Vollkommenheit, als eine andere, wo zwar den absonderlichen Betrachtungen eine Gnüge geschiehet, die Haupt-Absicht aber hindan gesetzet wird.

Meines Bedünkens würde den vorerwehnten Unvollkommenheiten, ohne den wesentlichen Eigenschaften der Musik überhaupt, noch auch dem besondern Vorhaben des Setzers insbesondere, Tort zu thun, auf die in Num. 67. bemerkte Weise, abgeholfen worden seyn.

Die in dem Niederschlage des ersten u. zweyten Tactes befindliche Abwechselung der Harmonie des Haupt-Tones, mit derjenigen der Quarte desselben, vorbereitet das Ohr des Zuhörers zu der Aufnahme der darauf folgenden Modulation in die Quinte des Tones, und der Abwechselung desselben mit dem Accord des Haupt-Tones. Der Affect sowol als der Ausdruck der Rede, heisset diesen Fortgang der Harmonie um desto mehr gut, weil der Climax in der Rede, durch diesen um eine Quarte erhöheten Gesang, mehr als in dem ersten ausgedrucket wird.

Unter allen Verhältnissen ist dasjenige, welches die unterschiedlichen Mittel zu dem Ganzen eines vorgesezten Zwecks haben, für den aufmerksamen Verstand das allerangenehmste. Man kan also nicht Sorgfalt gnug anwenden, um die dem besonderen Vorhaben gemäßen Uebereinstimmungen, erstlich herbey zu schaffen, und sie sodann auch auf eine der besondern Absicht gemäße Art, auszubilden. Je mehr Aehnlichkeit und Uebereinstimmung in allen diesen Dingen mit der besondern Absicht des Setzers hervor leuchtet, und in die Sinne fällt, desto mehr wird eine Zusammensetzung von Wirkung seyn. Imagines rerum quisquis bene conceperit, is erit in affectibus potentissimus. Quintil:

Nur allein das polyodische Verfahren bedienet sich der rechten, und der bequemesten Mittel, um ein solches Ganze zu veranstalten, wodurch das Ganze der gesuchten Haupt-Absicht, erlanget werden kann, indem ein Setzer [106] nur nach demselben zuforderst bemühet ist, die seinem Vorhaben zukommenden Materialien, oder die Zusammenstimmungen, herbey zu schaffen, und ihnen nachdem eine seiner Absicht gemäße Ausbildung zu geben. Hingegen wird ein Gesang eben daher um desto unbestimmter, und dem auszudrückenden Urbilde um desto unähnlicher, je mehr der Componist den Fortgang der Harmonie dabey dergestalt aus den Augen setzet, daß er sich blos von dem wilkürlichen Fortgange der einfachen Harmonie, ohne Absicht auf die zusammengesezte Harmonie, hat fortreißen lassen.

Die Worte:

Ah mi sento nelle vene

il valor del reggio sangue &c.

zeigen in dem Exempel N[u]m. 68. in ihren Zusammenhange ein von Muth und Rachgier eingenommenes Gemüthe an. Nun ist weder die Verbindung dieser verschiedenen Accorde an sich, noch auch die Art und Weise ihres Ganges, und der Bewegung, den besondern Umständen also gemäß, daß wir sonderliche Aehnlichkeit, und Uebereinstimmung zwischen dieser Zusammensetzung, und dem durch dieselbe nachgeahmten Urbilde fühlen, und empfinden solten.

In der That, können die aufeinander folgende Zusammenstimmungen der Quinte und der Quarte eines Haupt-Tones, in dieser Verbindung mit demselben wohl gnug seyn, die Leidenschaft einer Rachbegierde, die durch einen außerordentlichen Muth modificiret wird, zu charakterisiren?

Hiernächst, so hat zweytens diese Folge, in Ansehung des bloßen Gesanges, wegen der Monotonie, zu viel unangenehmes, und stimmet mit dem Nachdruck, und der Accentuation der Worte, viel zu wenig überein.

Wir können bey Anhörung des bloßen Gesanges, keinen festgesezten Grund-Ton gedenken, und gehen mithin des Vergnügens, welches mit der empfundenen Aehnlichkeit, und der Uebereinstimmung der verschiedenen Theile zu einem Ganzen verknüpfet ist, verlustig. Das Wort Sento: worauf alhier der Nachdruck fällt, hat nicht einmal eine Erhebung in dem Gesange, sondern der Componist fällt bey demselben eine Quinte herunter, und schwächt, und verdunkelt mithin dessen Kraft noch mehr. Die erste und lezte Sylbe desselben, so wie der darauf folgende Artikel, und dessen Haupt-Wort, werden so abgefertiget, daß weder der Gesang, noch der um desselben willen vorhandene Zusammenklang, dasjenige sagt, was er, den Umständen nach, sagen soll.

Gesetzt, man disponirte jezt den Fortgang der Harmonie also, daß man nach der Fortschreitung des Haupt-Tones, in die Quinte desselben, den darauf [107] folgenden Accord der Sexte des Tones, wegen der unmittelbar vorhergegangenen, gegenwärtig aber noch im Sinne schwebenden, und unter dem gegenwärtigen Accord verstandenen Quinte, also nutzete, daß man in Gunst der daraus entstehenden Septime, in den Accord der darunter liegenden Quinte, mit der größeren Terzie, folgender [G]estalt herunter träte; nach dem aber, mittelst einer dem Haupt-Ton näher verwandten Verbindung unterschiedlicher Zusammenstimmungen, in den Haupt-Ton wieder zurück kehrete: Solte nicht der Gesang schon durch diese kleine Aenderung mehr Vollkommenheit erhalten? Num. 69.

Zum wenigsten ist der in dem zweyten Tact erfolgte Fortgang in die Sexte des Haupt-Tones, in Begleitung der darunter verstandenen Septime, sowohl an sich ausdruckender, als auch dem Sinn, und der in denen Worten ausgedruckten Leidenschaft, gemäßer, als dieselbe.

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