Startseite » 18. Jh. » Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 45

Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 45

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[107] Das XLV. Capitel.

Fortgesetzte Betrachtung der Unvollkommenheit der Monodie in Ansehung der Abbildung eines nachzuahmenden Gegenstandes.

Das Geheimnis der Composition bestehet darinnen, den Worten solche Töne anzumessen, daß die Worte durch die Vereinigung mit den Tönen auf das neue belebet, und die lezteren in dem Herzen des Zuhörers, eben diejenigen Empfindungen erregen, und ihm alles dasjenige fühlen lassen, was die Worte dem Verstande durch Bilder zu verstehen gegeben. Die Harmonie dem Sinn, und der besondern Absicht wohl und geschikt anzupassen, natürlich zu schildern, lebhaft auszudrücken, das ist die Vollkommenheit der musikalischen Setz-Kunst.

Das Exempel Num. 70. welches vorhin schon keine Nachahmung der Natur, in Ansehung der Fortschreitung der Harmonie, ist, ist noch weniger eine getreue Abbildung der auszudruckenden Worte.

Der in derselben befindliche Ausruf, erfodert eine neue, von dem vorhergegangenen Accorde, ganz verschiedene Zusammenstimmung, nach der bekannten Regel der Alten: Muta tonum, qui mutas sensum.

Nun sind wir mit dem Accord des Haupt-Tones, und demjenigen seiner Quinte, schon viel zu bekannt geworden, als daß die durch den Ausruf gesuchte ermunternde Kraft und Wirkung, dadurch erhalten werden könnte. Hiernächst so ist die auf eben diese Worte erfolgte förmliche Cadenz, für den noch [108] zu unvollkommenen Sinn der Worte zu frühzeitig. Es unterscheidet sich ferner der darauf folgende Fortgang der Grundklänge, für den Innhalt der folgenden Worte nicht gnug von dem vorhergegangenen. Die unterschiedlichen Zusammenstimmungen stehen mit dem Haupt-Ton in der allergenauesten Verwanntschaft; die Worte sind aber durch das zuwider laufende Verbindungs-Worte aber: von einander getrennet. Folglich ist eines nicht um des andern willen gemacht.

Es ist keine Gleichheit, und keine Aehnlichkeit in den Empfindungen, so die Worte erregen, und den Empfindungen, so die verschiedenen Zusammenstimmungen in uns erzeugen. Es kommt nur der Empfindung unverwöhnter Sinnen zu, zu urtheilen, ob der Num. 71. befindliche Gesang, und Zusammenklang, dem Sinn der Worte mehr gemäß sey, und den darinn enthaltenen Affect, nach der vorgeschriebenen Art, besser ausdrücken, als die angeführte Zusammensetzung.

Solte allenfals dieses geschehen seyn, wer siehet nicht, daß sich der Verfasser des Vortheils dieselben zu treffen, hauptsächlich nur deswegen verlustig gemachet habe, weil er es für unnöthig hielt, den Fortgang der Harmonie selbst, der Absicht anzupassen, und sich dagegen begnügte, nur die Folge der einzelnen Töne hintereinander, ohne Absicht auf die zugleich mitgedachte Harmonie, zu verbinden?

Die Natur hat dergestalt für unser Ergetzen gesorget, daß sie uns in einem jeden besondern Klange, nicht nur eine vielfache Harmonie, und mit derselben zugleich die Mittel schenket, diese Harmonie mannigfaltig zu machen. Sie führet uns auch vermittelst der natürlichsten Fortschreitungen auf die mindernatür[li]chen, und lehret uns dadurch, dem uns angebohrnen Triebe, nach einer veränderten, oder mannigfaltigen Harmonie, auch nach der Verschiedenheit der Umstände, und Absichten, Gnüge zu thun. Die Kunst begnüget sich nicht blos, die natürlichen Fortschreitungen zu fühlen und zu empfinden, und diesem Eindrucke gemäß, sich von denselben, als ein Sclave, leiten und führen zu lassen. Vielmehr prüft, untersucht, und studiret sie die Natur dieser ursprünglichen Zusammenstimmung also, daß sie sich auch dessen, was in derselben annoch verborgen lieget, also bemächtiget, damit sie selbst die Natur ohne Zwang, nach ihren Willen und Absichten zu lenken, im Stande seyn möge.

Das Haupt-Werk der musikalischen Setz-Kunst bestehet demnach darinn; den Fortgang des Klanges, oder der Harmonie, also zu lenken, und zu führen, daß die aus diesem Fortgange entstehende unterschiedliche Accorde, das Gemüthe also stimmen und bewegen, wie es der Natur, und der Beschaffenheit der besondern Umstände nach, gerühret und beweget werden soll. In dieser [109] Absicht saget Augustinus: Jam probabile est, artem modulandi nihil aliud esse, quam artem bene movendi.

Eine Monodie, oder ein ohne Absicht auf dem Fortgang der Harmonie bestimmter einzelner Gesang, mag also an und vor sich betracht, noch so schön, noch so neu, und noch so angenehm scheinen, so kann er doch den ganzen Endzwek der Musik nicht eher erreichen, als bis er uns zugleich einen solchen Fortgang der Grundklänge, und der auf denselben beruhenden Mannigfaltigkeit der Harmonie, darstellet, der das Gemüthe zu beschäftigen, und durch die Aehnlichkeit dieser Zusammenstimmungen, mit der abzubildenden Sache, einzunehmen, die Kraft habe. Denn so ist die Musik nicht blos nach der Küzelung, oder nach der angenehmen Empfindung, so sie in den Ohren macht, sondern hauptsächlich nach der Bewegung des Gemüths, zu schätzen.

Nichts ist, und nichts geschiehet in der Welt, wobey wir nicht das Herz mit in das Spiel bringen müssen.

Man hat also bey den Künsten, so uns durch die Vorstellungen bewegen, auf die Bewegung des Herzens zu sehen, und vornehmlich nach den Beyfall desselben zu betrachten. Pour plaire il faut la suffrage du cœur. Batteux. Es mögen nun die Neigungen, und Empfindungen der Seele, entweder blos durch die natürliche Verbindung der Töne an sich, oder, durch die, gewissen Gegenständen ähnlichen Verbindungen derselben, erzeuget und hervor gebracht werden.

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Musikwissenschaft Leipzig

Eine (Quellen)Texte-Sammlung des Zentrums für Musikwissenschaft Leipzig

CULTURAL HACKING

Urban Interventions

Open-Access-Netzwerk

Netzwerk von Open-Access-Repositorien

vifamusik

ViFaMusik-Blog

Centre for Musical Research

Bath Spa University

The WordPress.com Blog

The latest news on WordPress.com and the WordPress community.

%d Bloggern gefällt das: