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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 46

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[109] Das XLVI. Capitel.

Schwierigkeit der Melodie.

Ich gestehe es gerne zu, daß man nichts geringes von einem Componisten verlanget, wenn man fodert, daß sein einzelner, oder mehrfach zusammengesezter Gesang, aus solchen verschiedenen Zusammenklängen fließe, welche an und vor sich schon geschikt sind, das Vorhaben des Setzers, in Ansehung der auszudrückenden Leidenschaft, überhaupt zu erkennen zu geben. Vielmehr bestehet der höchste Grad der Vollkommenheit einer jeden Zusammensezung darinnen.

Es sey die Schwierigkeit der Sache, oder die Fahrläßigkeit der Musik-Gelehrten daran schuld, so sind erstlich die unterschiedlichen Verhältniße der verschiedenen Wirkungs-Kräfte der ursprünglichen Harmonie, und deren Verbindung mit denen Leidenschaften, noch zur Zeit schlechterdings nicht also be[110]stimmet, daß man in der Richtung derselben nach einem gewissen vorgesezten Ziel, mit vollkommner Gewisheit zu Werke gehen könnte. Die Bestimmung der Verhältniße der Töne an sich muß auch natürlicher Weise um desto schwerer seyn, je größer der Umfang derjenigen Töne ist, deren man sich heutiges Tages zu Erzeugung abwechselnder Accorde bedienet.

Wenn aber auch die Verhältniße der unterschiedlichen Accorde, und der verschiedenen Eindrücke, so sie nach ihrer mannigfaltigen Mischung auf das Gemüthe machen, schon bestimmet wäre, so macht dennoch zweytens auch die genaueste Kenntniß der Harmonie an sich, im allgemeinen Verstande genommen, so ein wichtiges und so ein nothwendiges Stük sie auch immer in der Musik ist, dennoch für sich allein, eben so wenig einen Componisten, als die bloße Kenntniß der Farben einen Mahler ausmachet. Vielmehr bestehet in dem Verhältniße an sich, nur der Stoff und die Materie, woraus ein Componist seine Nachahmung verfertiget. Die wahre Kunst bestehet sowohl in der nach gewissen Umständen und Absichten angestellten Mischung, Verbindung und Zusammenfügung, als in einer den besondern Umständen gemäßen Ausbildung. Es ist mithin nicht genug, daß ein Komponist ihm einen Vorrath gewisser Folgen der einzelen Töne, oder auch eine Folge solcher Zusammenstimmungen zuwege gebracht habe, die so wohl der Art der Bewegung nach für sich bestehen, und also aufeinander folgen können. Sondern die Mannigfaltigkeit der Harmonie muß auch nicht eine bloße Frucht des eigensinnigen Zufalls seyn; sie muß aus der Natur der Sache fließen, und um derselben willen erzeuget worden seyn.

Wenn man nun bedenket, daß neben dem Satze oder der Mechanik der Composition, welcher an sich schon Zeit und Mühe erfodert, auch noch eine zarte Empfindung von derjenigen Art, oder Gattung der auszudruckenden Leidenschaft, nöthig ist, daß man ein leichtes und ein geschwindes Gefühle von denen derselben zukommenden Verhältnißen, und von dem, jeglichen Vorhaben bequemen Zeit-Maaße, von dem dabey zu beobachtenden Einschnitte, dem Zahlmaße, mit einem Worte von derjenigen Ausbildung, so jedem besonderen Anlaße insbesondere zukommt, und welche in gewisserMaaße [sic] von dem eigentlich also genannten Satze unterschieden ist, haben müße; so findet man endlich noch Ursache genug, um die menschliche Unvollkommenheit in dieser Absicht zu entschuldigen.

Allein es mag nun leicht oder schwer seyn, so ist dennoch genug, daß es möglich ist, von solchen Zusammenstimmungen gerühret zu werden, die den Umständen nach nöthig sind, und daß man den Endzwek der Zusammensetzungen nicht eher, als auf diese Weise, erlangen könne, um einen Setzer verbunden zu halten, aus allen Kräften darnach zu streben, daß sein [111] Gesang aus einer solchen Folge oder Verbindung verschiedener Zusammenklänge, die der Haupt-Absicht des Setzers gemäß sind, wie aus seiner Quelle fließe.

Es würde thöricht seyn, sich nicht das beste zum Muster darzustellen.

Stultissimum puto, ad imitandum non optima quæque proponere.

Plin.

Nun können die richtigen, und einer jeden besondern Absicht eigentlich gemäßen Verhältniße nicht blindlings gefunden, vermischt und ausgebildet werden. Wer sie mit glüklichem Erfolg nach ihrer eigentlichen Kraft und Wirkung nutzen und gebrauchen will, muß sie kennen, und mit Wahl und Vorsatz ordnen, und ihrer unterschiedlichen Kräfte sich zu bedienen wissen.

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