Startseite » 18. Jh. » Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 49

Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 49

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[122] Das XLIX. Capitel.

Vergleichung der aus dem einen und dem andern Verfahren fließenden unterschiedlichen Eigenschaften.

Wir haben bis hierher das polyodische und das monodische Verfahren, oder die Melodie, und die Monodie, als die unterschiedlichen Effecte des einen und des andern Verfahrens, nur in Absicht auf die erste und auf die vornehmste Pflicht, nemlich die Befriedigung des uns angebohrenen Verlangens nach einer mannigfaltigen Harmonie, und auf die Nachahmung überhaupt betrachtet. Und wie es sich allbereit gezeiget hat, daß ein monodischer Componist, seine vornehmste Sorgfalt nicht dahin anwendet, sich bey den Z[u]sammensetzungen seiner Haupt-Pflicht zu entledigen; also ist es schon wahrscheinlich, daß eine monodische Composition, in Ansehung der übrigen Eigenschaften, so einer Musik zukommen, nicht minder mangelhaft seyn werde.

Ich habe mir daher vorgenommen, in der Folge hierüber noch einige absonderliche Betrachtungen anzustellen. Eine Musik ist desto schöner, je mehr der Ausdruck derjenigen Leidenschaft, welche sie auszudrucken sucht, gewiß und bestimmet, natürlich oder einfältig, und von der gehörigen Kraft und Nachdruck ist. Das monodische Verfahren bringt weder so gewisse, und bestimmete, noch auch so einfältige und natürliche, vielweniger aber so nachdrückliche Ausdrücke hervor, als das ihm entgegenstehende polyodische Verfahren.

Lasset uns eine jede dieser Eigenschaften in absonderliche Betrachtung ziehen. Nichts ist schlimmer, als eine Musik, die durch kein besonderes [123] Abzeichen, von einer anderen ihres gleichen, unterschieden ist. Und eine dem Ausdruck gewisser Leidenschaften gewidmete Musik, ist desto schöner, je mehr sie sich nur allein für das besondere Absehen des Setzers schickt, für welches sie gemacht ist. Nun richtet sich eine Wirkung nach dem Vermögen der wirkenden Sache. Der Componist lässet bey Verfertigung der Monodien, es ihm nicht angelegen seyn, solche Harmonien oder Grund-Töne zu empfinden, und vorher zu bestimmen, die der besondere Umstand erfodert, sondern er suchet nur diejenigen Eindrücke, welche die Folgen einzelner Töne in seinem Gemüthe hinterlassen haben, mittelst der Einbildungs-Kraft, in demselben wieder rege zu machen, und begnüget sich, dieselben mittelst der Fortschreitung, der blos einzelnen Töne, um der aus der zufälligen Beschaffenheit fließenden Annehmlichkeit willen, auf das neue zu verbinden, und ihnen folgends einen solchen Grad der Zusammenstimmung zu bequemen, als es ohngefehr der besondere Umstand erlaubet.

Nun aber sind die Folgen der einzelnen Töne hintereinander, oder der Gesang, willkürlich, und haben keinen festgesetzten, oder bestimmten Fortgang; dahingegen der Fortgang der Grund-Töne von der Natur selbst festgesetzet, folglich beständig, und natürlich ist.

Eine jede Fundamental-Fortschreitung giebt zu unzähligen Veränderungen des Gesanges Anlaß und Gelegenheit, nachdem man die wohllautende Zwischenstände derselben mehr oder weniger verdoppelt, und mit andern mislautenden Intervallen vermischt. Man kann die in Kraft der Original-Fortschreitungen gefundenen einzelnen Töne, nicht nur einen halben, sondern auch einen ganzen Ton, nicht nur in Terzien sondern auch Quarten- und Quinten-Weise sowohl steigen als fallen lassen, ohne, daß das Wesen derjenigen Zusammenstimmung, auf welchen dieselbe beruhet, selbst dadurch geändert werde. Wie nun die zum Grunde gelegte einfache Harmonie willkürlich, und der Veränderung fähig, ein Ausdruck aber desto vollkommener ist, diejenige Sache zu bezeichnen, die er bezeichnen soll; Also erhellet auch daraus, daß man von den monodischen Zusammensetzungen keine so bestimmte Eindrücke erwarten müsse, als von den melodischen, welche den willkürlichen Fortgang der einzelnen Töne, mittelst des beständig[e]n Fortganges der vielfachen Harm[o]nie, einrichten, bestimmen, und in Ordnung bringen, so, daß sie gerades Weges auf die Erreichung ihrer Absichten losgehen.

Hiernächst, so hat die Mode, und die Gewohnheit, der besondere Geschmack eines Volcks, derjenige eines Setzers insbesondere, so viel Antheil an der Bildung eines monodisch-bestimmten Gesanges, an dessen absonderlichen Art der Einschränckung in Figuren, Bewegung und Zeit-Maaß, daß [124] auch im übrigen die allerregelmäßigste Composition, bey einem sie beherrschenden einfachen Gesang keine andere, als unbestimmte Eindrücke zu machen im Stande ist, weil sie nicht unmittelbar auf den festen, und unbeweglichen Grund der Natur der auszudrückenden Sache, sondern auf z[u]fällige Dinge, dergleichen das Zeit-Maaß, Manieren, Figuren, und dergleichen, gebauet ist.

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Musikwissenschaft Leipzig

Eine (Quellen)Texte-Sammlung des Zentrums für Musikwissenschaft Leipzig

CULTURAL HACKING

Urban Interventions

Open-Access-Netzwerk

Netzwerk von Open-Access-Repositorien

vifamusik

ViFaMusik-Blog

Centre for Musical Research

Bath Spa University

The WordPress.com Blog

The latest news on WordPress.com and the WordPress community.

%d Bloggern gefällt das: