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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 50

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[124] Das L. Capitel.

Nur die Ausdrücke der Melodie sind allein bestimmt und gewiß.

In den meisten monodischen Zusammensetzungen, ist nicht sowohl ein nach gewissen Absichten veranstalteter Fortgang der Grund- und Stam[m]-Töne, sondern es sind vielmehr nur gewisse ans denen uns angebohrnen Original-Fortschreitungen hervor geholete, und nach einem Zufall verbundene einzelne Töne. Der Componist ist dabey weder bemühet, die Eindrücke derjenigen Empfindungen, so er in Klängen zu schildern Vorhabens ist, noch auch die Eindrücke solcher Zusammenklänge, so da die auszudrückende Sache abzubilden geschickt sind, zu erhalten. Er überläßt sich den bloßen Eingebungen eines wilden Triebes, um geschwind und leicht eine Menge verschiedener Sangweisen hervor zu bringen, und dieser kann natürlicher Weise um so weniger auf das, was den Umständen und Absichten gemäß ist, fallen, je weniger er es sich hat angelegen seyn lassen, die gesamten Kräfte der Harmonie zu kennen, zu fühlen und zu empfinden, und dieselbe durch Untersuchung und Uebung, also in seine Gewalt zu bringen, daß sie ihm bey vorfallender Gelegenheit den nöthigen Stoff zu der Erfindung eines, seinen Absichten gemäßen Gesanges, darbieten könnten.

Es wird also die Monodie desto unbestimmter, je weiter der Componist die Harmonie blos einfach vorbereitet, und ausgedehnet hat. Weder das Vorhaben an sich, oder der besondere Gegenstand der Nachahmung, noch auch die Mittel, die geschickt sind, dieselbe auszudrücken, werden nach diesem Vorhaben untersuchet. Vielmehr ist alles nur eine Frucht des blinden und eigensinnigens Zufalls. Man kann leicht erachten, wie wenig die einzelnen Theile um ihr selbst willen verbunden sind, und aneinander hängen, und wie wenig sie sich alle zu der Haupt-Absicht reimen. Der Verfasser des vollkommenen Capellm. spricht daher schon auf der 19. und 20. Seite, von solchen Componisten, die sich dessen bedienen: »Es würde manchem Setzer und Klangrichter seine Sachen ohne Zweifel besser gerathen, wenn [125] er nur bisweilen selbst wüste, was er eigentlich haben wolte. Allein es fehlet hieran so viel, daß die Leute ihren eigenen Willen nicht kennen, ihr Vorhaben niemals untersuchen, und daß die meisten Sing- und Spiel-Sachen, auch wohl bey großseynwollenden Meistern (ich hätte bald gesagt, bey gewaltigen Sprechern) ohne Absicht, ohne moralische und löbliche Absicht, hingeschrieben werden, als wenn die Tartarn einen Pfeil in die freye Luft hinschießen, dabey man sichs genug seyn läßt, wenn der Klang nur den Ohren wohl gefällt, er reime sich zu der Natur und Sittenlehre, wie er immer wolle.[«]

Wenn man irgendwo ein abgemessenes Getöne dieser Art vernimmt, Num. 78. was in der Welt kann man sich nicht eher dabey vorstelle[n], als eine Abbildung, und Ankündigung des in diesen Worten enthaltenen Affects?

Gemo in un punto e fremo;

Fosco mi sembra il giorno;

ho cento larve intorno;

ho mille furie in sen.

Man kann, da man in der rhythmischen Musik, sowohl die Harmonie an sich, als den Gang und die Bewegung derselben, nach einem gewissen Zweck richtet, in Ansehung der auszudruckenden Leidenschaft, sowohl in dem einem als in dem andern, sowohl durch Mangel, als durch Uebermaaße, vieles verderben.

Was nun die H[a]rmonie dieser jetzt angeführten Zusammensetzung anbelanget, so trägt sie allhier, wegen Mangels gnugsamer Verschiedenheit zu wenig zu dem gesuchten Ausdruck bey. Sie ist während einer Zeit von zwölf Tacten nur immer eine und eben dieselbe. In Ansehung der Bewegung, so diese für sich bestimmte Folge einzelner Töne hat, so ist sie zu geschwind, und zu sehr übertrieben.

Die genaue Richtigkeit in dem Ausdrucke ist das, was uns Ergötzen bringet, und wie die Kunst die Grentzen der Natur nicht überschreiten darf, um Geschöpfe von einer ganz neuen Art hervor zu bringen, also darf sie auch eben so wenig die Grenzen der Natur verlassen, um die natürlichen oder die würklich vorhandenen Dinge auszudrücken. Daß es möglich sey, durch die Musik gewisse und bestimmte Eindrücke zuwege zu bringen, davon werden uns die folgende Beyspiele überzeugen.

[126] Wer verkennet die finstere Traurigkeit, das Schrecken und das Grauen, ja den höchsten Grad dieser angeregten Leidenschaften, aus der folgenden Verbindung und Zusammensetzung der Töne? Num. 79.

Fast eine jede harmonische Fortschreitung verursachet uns ein neues Misvergnügen, und giebt so zu reden, unserer Empfindung einen neuen empfindlichen Stoß, so, daß dieser kurze Absatz uns schon den Grund-Riß des Vorhabens des Setzers im kleinen darstellet, welches darinnen bestund, ein natürliches Bild des Schreckens, der Marter und der Verzweifelung des Ixions zu verfertigen, und an den Tag zu legen.

Als ein gewisser Setzer sich vornahm, den Sonderling in blos nacheinander folgenden singbaren Tönen, nach Maaßgebung dieser Worte, abzuschildern:

Ihr wollet mich zum Frunde wehlen,

Doch wißt erst, Freunde, wer ich bin,

Denn es euch kürtzlich zu erzehlen:

Ich bin ein kleiner Eigensinn &c.

bediente er sich hierzu dieser Folge verschiedener Töne. Num. 80.

Ob er nun gleich dieselbe durch die tieferen Töne also unterstützete, und nach den Regeln des guten Gesanges, auf diese Weise vereinbahrte, wie Num. 81. zu ersehen ist; s[o] erinnert uns dennoch dieser Gesang, sowohl einfach, als vervielfältiget, an diese Fortschreitungen, und lässet uns dieselben, wo nicht mitsingen, zum wenigsten dabey gedencken. Num. 82. Da nun diese Folge der Grund-Töne, oder der Harmonie, schon etwas sonderbares aufweiset, indem sie den Haupt-Ton nicht sogleich Anfangs, sondern nur mittelst der Quinte, und nur nach derselben, hören läßt, mithin gar geschickt ist, die Absicht des Setzers an den Tag zu legen, so hat auch diese Zusammensetzung um desto mehr Vollkommenheit, je mehr der Fortgang der Grund-Töne, oder die Harmonie, schon an und vor sich, die Absicht des Setzers zu erkennen giebet.

Ebnermaßen, wer fühlet nicht schon den allhier auszudrückenden Affect der Unentschlüßigkeit, auch bey Anhörung des blos einzelnen Gesanges, sowohl, als die Aehnlichkeit, so die Fälle und die Erhebungen dieser Töne mit der natürlichen Aussprache dieser Worte haben? Num. 83.

Die zum Grunde gelegte Ton-Art der geringeren Terzie, ist dem Affecte gemäß; der gleich zu Anfang des Gesanges angebrachte Sprung in die kleine Sexte, schickt sich für die Worte, und bezeichnet die unentschlüßige [127] Gemüths-Beschaffenheit des Charakters der singenden Person gantz deutlich. Die Ruhestellen und Absätze erleichtern nicht nur das Singen oder die Execution dieses Stückes, sondern sie sind auch dem Sinn der Worte sehr gut angepasset. Der Componist fühlete bey dieser Gelegenheit, solche Zusammenstimmungen, die sich für die besondere Absicht seines Vorhabens schickten. Aus diesen floß sein Gesang, wie konnte es fehlen, daß nicht derselbe der Absicht hatte gemäß seyn sollen?

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