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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 51

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[127] Das LI. Capitel.

Die Melodie ist allein einfältig und natürlich.

Wenn man hiernächst den Ausdruck der Monodie in Absehen auf das natürliche Wesen, und auf die edle Einfalt betrachtet; was für ein Ueberfluß, und was für eine Verschwendung der Figuren, der Verkleinerungen, Manieren, kurz, der Zierathen von allerhand Art, zeiget sich nicht alhier?

Man kan in gewisser Maaße nicht nur die Dißonanz, sondern auch selbst den Tact, oder die Abmessung der Zeit, denen musikalischen Zieraten beyzehlen. Denn so kan der Entzweck der Musik, in so ferne derselbe auf die Bewegung des Gemüths losgehet, in gewisser Maaße, schon ohne eines, und das andere, durch blos abgewechselte Uebereinstimmungen, obwol in geringeren Grade, als mit derselben, erhalten werden. Allein, da ich es alhier sowol mit der Monodie, als mit der Melodie, in rhythmischer Absicht, zu thun habe, als in welcher nicht nur eine abgemessene Zeit, sondern auch allerhand Arten der U[e]bereinstimmungen sowol, als der Figuren, vorausgesetzt werden; also gebe ich auch denen Zieraten eine eingeschrencktere Bedeutung, und verstehe darunter nur das, was nicht nothwendiger Weise zu dem Wesen einer jeden besonderen Zusammensetzung gehöret. So gehöret der Tact in der rhythmischen Musik, nicht zu den bloßen Zieraten, weil diese Musik-Art, nicht ohne Tact bestehen kan. Hingegen rechne ich in eben die Musik-Art, die mannigfaltigen Figuren, welcher Art oder Gattung sie sind, wenn sie nicht in dem Gewebe des Ganzen einer jeglichen Zusammenstimmungen, mit einem, oder mehrern Theilen, also genau verbunden sind, daß sie einander nothwendig sind, sondern, die da so, und auch anders seyn können, für Zierathen.

Eine jede Harmonie kan auf verschiedene Art in Schranken gefaßet w[e]rden. Je einen weiteren Umfang der Zeit und des Raumes, man derselben giebt, desto mehr ist für die Manieren und Verkleinerungen Platz. Wie [128] nun diesemnach in den Zusammensetzungen schon destomehr Zierath ist, je weniger sich Zusammenstimmung in denselben befindet; also theile ich die Zieraten überhaupt, wie die Setz-Arten, in die melodischen und in die monodischen. Beyderley Arten des Zieraths sind in Ansehung des Gebrauchs, und der Anwendung, so man von derselben macht, von einander unterschieden. Denn wie der Zierat in der Melodie, nur als zufällig, und um der Kraft der abgeänderten Uebereinstimmung willen, gemachet wird; also macht er hingegen einen wesentlichen Theil der Monodie aus. Denn die Monodie, oder der zum Grunde gelegte zierliche Gesang, ist nur um der Zierlichkeiten willen, Monodie.

Es ist kaum zu glauben, wie sehr selbst die abhängig gebrauchten, oder melodischen Zieraten der Gewisheit, der edlen Einfalt, und Ernsthaftigkeit, der Kraft des Ausdruckes im Wege stehen. Je ein höherer Grad der Vielstimmigkeit oder der Polyodie in den Zusammensetzungen herschet, desto mehr Ekel und Verdruß, muß natürlicher Weise, die Häufung der Manieren und Zieraten in den Zusammensetzungen gebären, weil sie verhindern, daß sich die Uebereinstimmungen, und ihre Folgen, dem Sinn nicht mit derjenigen Deutlichkeit und Klarheit darstellen, in welcher er dieselben verlanget, um daran Gefallen zu tragen. Die allerkünstlichsten und geschicktesten Setzer sowol der alten als neueren Zeit, haben ihren Zusammensetzungen, fast [n]ur wegen des häufigen Gebrauches der Zieraten, die wahre Anmuth sowol, als die herzrührende und bewegende Kraft entzogen.

Man hat daher der Musik allezeit den Vorwurf gemacht, daß sie den ernsthaften, festgesetzten und majestätischen Zusammenklang, unrecht verabsäumete, und dagegen den Verkleinerungen der Töne hintereinander, den Figuren und Zieraten, zu viel Platz einräumete.

So läßt sich der Cardinal Sadolet, Secreta[i]r des Pabst Leo, in prol. Fam. Stradæ, also darüber vernehmen:

In musicis ne longius a Musis abeamus, in cantu vocum atque nervorum fastidit hæc ætas nostra, quem tamen superior quæsivit concentum stabilem et gravem, plenumque autoritatis. Modulos, nescio, quas amamus, et frequentamenta quibus conciditur minutim cantus, fractusque dissiliat, et plena illa et sonora vocum vis et potestas enervetur. Revocati præmissique ex insperato numeri, collisi durius soni, suspensa illico vox, et ubi minime expectes, amputata, artis hodie medulla sunt, plausumque multitudinis consequuntur.

[129] Der Misbrauch der musikalischen Zieraten, war ehedem so groß, daß der Pabst Pius dadurch bewogen, die Musik mittelst eines Tridentinischen Rathschlusses, schier gantz und gar aus der Kirche verbannet hätte, wenn nicht Pränestinus, dessen Capellmeister, denselben durch so einfältige, und von allem blos zur Ohren-Kützelung dienenden Schmucke, so entblöste Zusammensetzungen überzeuget hätte, daß nicht Klang und Gesang an sich, sondern nur, deren üble Anwendung, der Kraft der göttlichen Dinge nachtheilig sey, wie uns Herr Mattheson in dem ersten Theil seiner musikalischen Critik, aus dem dritten Buch Myst. Lud. Cress. berichtet.

Wie wenig unsere Zeiten vor jenen, in diesem Stücke, voraus haben, dieses läßet sich eines theils schon daraus abnehmen, da selbst ein wegen seiner seltsamen Geschicklichkeit in der Setz- und Ausübungs-Kunst sonst unvergleichlicher Mann, unserer Zeit, dem Vorwurfe der Dunkelheit in den Zusammensetzungen nicht entgehen konnte, daß er nemlich wegen der alzugrossen Kunst, und Bemühung in dem Gebrauche der harmonischen Zieraten, der Natur Gewalt thäte, und dadurch seinen Zusammensetzungen den gewünschten Eingang in das Gemüthe benähme. In der That, wer wolte leugnen, daß nicht ein sowol einfacher, nochmehr aber ein vielfältiger Gesang ohne Zieraten, dem Sinn weit faßlicher und begreiflicher werden solte, als mit denselben. Solte z. E[.] diese um der Uebereinstimmung willen geordnete singbare Folge, von ihrer Ernsthaftigkeit, Einfalt und natürlichen Wesen, durch die hernach erfolgte Aenderung bey eben denselben bey behaltenen Grund-Tönen, etwas verlieren? Num. 84. und 85.

Sind nun die abhängig gebrauchten oder die melodischen Zieraten, die doch von der fortgesetzten, und ohne Hülfe der harmonischen Zieraten herbey geführten Uebereinstimmung, im Zaume gehalten werden, dem edlen und einfältigen Ausdrucke so nachtheilig und hinderlich: wie vielmehr werden nicht die unabhängigen oder monodischen, welche mit zum Wesen der über die Zusammenstimmung herrschenden Folge gehören, denselben verhindern?

Es ist wahr, die Zusammenklänge kommen in den Monodien nicht so häufig auf einander, und berühren sich auch in denselben nicht so nahe, als in den Melodien; Allein um desto weiter entfernet sich die singbare Folge von der Natur und der edlen Einfalt, ihrer unzertrennlichen Gefährtin, weil schon um so vielmehr Zieraten desto unentbehrlicher sind, je weniger abgeänderte Harmonie oder Uebereinstimmung in den Zusammensetzungen sind. Je weiter sich ein Fluß von seiner Quelle entfernet, mit destomehr Unreinigkeiten pflegt sich selbiger zu vermengen und zu vermischen. Die [130] Zierlichkeiten werden gleich Anfangs mit dem Gesange auf eine wesentliche Art verbunden, und zum Grunde geleget, und wie diese Zierlichkeiten in der Folge eine Fortsetzung verlangen, weil in der Musik, so wie in allen wohl verbundenen Dingen, alles kettenweise aneinander hänget, und so gar ein jeder Ton, in Absicht auf den andern, entweder die Ursache, oder die Wirkung desselben ist; also kan man leicht erachten, wie sehr die Menge der Zieraten, bey einem über die Zusammenstimmung herschenden Gesange, heran wachsen müsse.

»Die Natur giebt zwar selbst den Stoff zu den Zieraten an die Hand, und der Verstand suchet sowol Fleiß als Zierlichkeit in den Wercken der Kunst; allein er findet nichts mehr, so bald man die Zieraten alzu mühsam häufet. Die Zieraten erzeugen keine andere Wirkung, als in so fern sie sparsam, und mit einer klugen Auswahl, besonders aber dem Wohlstande gemäß, angebracht werden. Nun aber richtet sich der Wohlstand nach der Sache, nach dem Orte, den Personen und der Zeit. Er verwirft öfters mehr Blumen, als er zu gebrauchen erlaubet. Dieser subtile Unterscheid, welcher die wahre Quelle der Schönheit ist, verschwindet, wenn man durch eine Menge Verzierungen, ein Blendwerck machen will.[«]

Der Grund des Wohlgefallens, welchen wir an einer Musik haben, liegt nicht in den zierlichen Folgen, oder in dem Gesange an sich, sondern in der gewahrgewordenen Aehnlichkeit derer durch die Kunst, nach gewissen Absichten und Anläßen veranstalteten, fortgeführten harmonischen Abwechselungen, die uns natürlich sind, und die unmittelbar mit der besondern Absicht des Setzers zusammenhängen, und uns einen bekannten Gegenstand, mit solcher Deutlichkeit schildern, daß wir aus der Gleichheit und der Aehnlichkeit der Wirkungen der Harmonie, eine ähnliche Wirkung des dadurch abgebildeten Gegenstandes, fühlen und empfinden. Wenn wir nemlich fühlen und empfinden, daß sowol die hinter als die übereinander verbundenen Töne, uns nach und nach an solche Uebereinstimmungen erinnern, und gedencken lassen, die einen Zusammenhang mit der besondern Absicht des Setzers haben; so verursachet uns diese wahrgenommene Aehnlichkeit ein empfindliches Ergetzen. Je grösser diese Aehnlichkeit ist, und je empfi[n]dlicher dieselbe in den Sinn eindringet, desto größer ist unser Vergnügen. Wir tragen den Saamen der Harmonie sowol, als der aus ihr fließenden Melodie, schon bey uns. Folgen deren viele auf einander, so vergleichen wir dieselben, mittelst der uns natürlichen Original-Forschreitungen, nicht nur unter einander, sondern auch mit dem Haupt-Ton. Und da ein Vergnügen mit allen denenjenigen Uebungen vergesellschaftet ist, die unsere unterschiedliche Kräfte beschäftigen, ohne [131] sie zu ermüden; so äussert sich auch bey Anhörung einer Musik ein Verlangen in uns, von der Regelmäßigkeit dieser Verbindung sowol an sich, als von der Aehnlichkeit, und der Uebereinstimmung derselben mit einem uns bekannten Urbilde zu urtheilen. Die festgesetzten Fundamental-Fortschreitungen dienen uns zum Führer in dieser Beschäftigung, und wenn wir von vielen, der Musik sonst unkundigen, den Baß und dessen Fälle, bey Anhörung eines einfachen Gesanges, mit singen hören, so geschiehet es nur in Kraft des uns angeschaffenen Gefühls an denselben.

Da nun diesemnach der Grund des Gefallens an einer Musik, nur in der empfundenen Aehnlichkeit, die zwischen den uns angeschaffenen Harmonien, und den uns dargestelleten künstlichen Anwendungen derselben ist, liegt, so muß auch eine Musik in Absicht auf unsere Rührung und Empfindung, ohne sonderlichen Nutzen seyn, wenn die Veränderungen und Abwechselungen der zum Grunde gelegten Harmonie, an sich nicht in solcher Anzahl sind, um unsere Begierde nach mehreren zufrieden zu stellen, und wenn sie keine Verbindung mit den Absichten des Setzers haben; oder wenn sie mit einer Menge Zufälligkeiten und Zieraten dergestalt umhüllet sind, daß sie uns entzogen werden, und wir derselben Aehnlichkeit, mit der besondern Absicht der Setzers, nicht erkennen können.

Die Setz- und Singe-Kunst stehen in einem so genauen Bündniß mit einander, daß in keiner von derselben eine Veränderung vorgehen kan, ohne, daß es die andere zugleich mit empfinde. So hat auch die Gewohnheit, monodisch zu verfahren, oder den Gesang mit alle dem, was nur der Zierlichkeit halber, und also zufälliger Weise, in denselben ist, voraus zusetzen, und zum Grunde zu legen, nur seit der Zeit überhand genommen, seit dem man es sich hat angelegen seyn lassen, mehr bunt und kraus, oder, in einem gewissen Sinne, mehr zierlich, als edel, einfältig, und natürlich zu singen[.]

Im vorigen Jahrhundert sang man ohngefehr also: Num. 86. und wer verkennet in dieser Sing-Art, die Natur, die Unschuld, und die edelste Einfalt?

Man halte die gegenwärtig in gewissen Gegenden herschende Sing-Art gegen dieselbe Num. 87. Wie gepreßt, und wie gezwungen ist nicht dieser Gesang durch die, in allzu grosser Menge, angebrachten Zierathen?

Wie häuffig ist nicht die Wiederkehr in die Anfangs-Chorde, und wie widrig, die eben daher entstehende Monotonie in dem Gesange?

[132] Lasset uns, mit gänzlicher Hintansetzung der unnöthigen Zierlichkeiten, den Gesang auf das simple zurückbringen! Würde die Einfalt demselben wol etwas von seiner wahren Anmuth benehmen, wenn man denselben wie Num. 88. also auf das simple zurück brächte? Es ist aber dieser Sing-Art schon längst der Vorwurf gemachet worden, daß sie durch den allzuhäufigen Gebrauch der Zieraten, der Musik den Ausdruck und die gehörige Verschiedenheit benähme.

So spricht der Verfasser der Hist. de la Mus: Les ornemens trop frequens des Italiens, etouffent l’expression, ils ne caracterisent pas assez leur ouvrages; und wiederum: leur musique est semblable à cette architecture Gothique, qui trop chargée d’ornemens, en est obscurcie, et ou l’on ne demele plus le corps de l’ouvrage.

Ich will hiermit der Französischen Musik eben so wenig ohne alle Ausnahme das Wort reden, als wenig ich gesonnen bin, der Welschen Musik, in dem, was sie vortrefliches hat, ihr Lob zu entziehen.

Es ist bekannt, daß wir Deutsche den Italiänern in Ansehung des natürlichen, oder vielmehr des zierlichen in dem einzelnen Gesange, vieles zu dancken haben. Wer weis nicht, wie es nur noch im vorigen Jahrhundert von der Musik der Deutschen lautete: La musique des Allemans est dure et pesante, comme leur genie. Dahingegen läßet gegenwärtig die ganze Welt den Setzern unsers Vaterlandes die Gerechtigkeit wiederfahren, daß sie es seit der Zeit, da es ihnen gelungen ist, sich die Schätze Welschlandes eigenthümlich zu machen, daß sage ich, sie ausser die Kunst der Verfertigung, oder der genaueren Beobachtung der Regeln des Satzes, sie auch in dem was den Ausdruck, und ins besondere in dem, was die Anmuth des einzelnen Gesanges anbelanget, denen Ausländern nicht nur gleich, sondern auch zuvorthun. In der That, wo ist gegenwärtig ein Italiäner, dem man einen Graun, einen Hasse in dem, was die Zierlichkeit sowol, als die Unschuld, und das natürliche Wesen des Gesanges betrift, an die Seite setzen könte.

Nichts desto weniger aber, da eines der vornehmsten Abzeichen, worinnen sich die Französische Musik von der Welschen unterscheidet, darinnen bestehet, daß jene die Harmonie den Anläßen unmittelbar anbequemet, den Gesang aber aus dem Zusammenklange ziehet, folglich jenen mit allen Zufälligkeiten diesem unterwirft; da folglich in demselben Gesang und Zusammenklang in gemeinschaftlicher Kraft, zu einem, und eben demselben Endzweck wircken, oder, da sie, mit einem Worte, nur ein Effect des polyodischen Verfahrens ist: so erhellet, deucht mich, schon hieraus, welcher von beyden Musik-Arten wir gegenwärtig am meisten zu folgen haben.

[133] Warum aber diese, in gewisser Maaße, mehr künstliche, als natürliche Sing-Art, vor der ersteren dennoch bis hierher den Vorzug behalten, darüber läßet sich der vollkommene Capellmeister, unter andern dergestalt vernehmen: »Das schäumende, tändelnde und üppige Wesen hat heutiges Tanges in der melodischen Setz-Kunst, (welches meiner gegebenen Erklärung zu Folge, die monodische ist) mehrentheils den größesten Beyfall, und auch den meinigen in so weit, daß ich niemand leicht rathen wolte, wider den Strohm zu schwimmen. Wer nun diese Absicht, dem grössesten Haufen zu Gefallen, heget, und sonst keine, der muß bisweilen die Anmuth und andere wesentlichere [E]igenschaften des Gesanges, gewisser maßen beyseite setzen. Ich kenne etliche, die ihren Mantel diesenfals ziemlich nach dem Winde zu tragen wissen; doch schwingen sie sich zuletzt immmer [sic] wieder in den Sattel, und halten dem guten Geschmacke stand«. Allein, bis wie lange will man dem guten Geschmacke seine Vorrechte verweigern, und wo will es endlich mit so vielen falschen Glantz und Schimmer, ich meyne mit den Zierathen hinaus? Hätte der schlimme Geschmack wohl jemahls so tief einwurzeln können, wenn ihn gewinnsüchtige Setzer nicht selbst bey sich zu lange geheget, und von einer Zeit zu der anderen genähret, und fortgepflantzet hätten? Und heißet es nicht, in gewisser Maaße, die menschliche Natur beschimpfen, zu glauben, daß der größeste Haufe gegen den Reitz der wahren Schönheit, der Natur und der edlen Einfalt, auf immer unempfindlich seyn werde?

Die Zierathen, wenn sie häufig und blos für sich, nicht aber, um die Kraft der verschiedenen Zusammenstimmungen zu heben gebrauchet werden, haben annoch diese Ungelegenheit, daß sie den Gesang der Singe-Stimme ersticken. Würde dieser Gesang Num. 89. auf diese Art Num. 90. geändert, nicht weit mehr hervorragen, da er hingegen nach der ersteren Weise unter der Last der Zierlichkeiten ersticket wird? Gesetzt, daß aber auch nicht alle monodische Zierrathen der Einfalt des Gesanges so vielen Eintrag thun, so prägen uns dennoch auch die besten nur blos die Annehmlichkeit des Gesanges, ohne die Kraft und Nachdruck desselben, ein. Sie ziehen das Gemüthe davon ab, und führen eine Art der Musik ein, von welcher schon Quintilianus in dem ersten Buche seiner Instit. im zehenden Hauptstück saget: daß sie geschickt sey, die in den Gemüthern überbliebene männliche Tugend, vollends zu ersticken. Es ist kein sicherers Merkmal des Verfalls der Künste, als der Ueberfluß in den Zufälligkeit[e]n, oder den Zierathen. Sie sind die Ursache desjenigen Zustandes, darinnen sich gegenwärtig die Musik befindet, und nach welcher sie, nach der Anmerkung eines [134] Kunst-Lehrers, anjetzt sich mehr beschäftiget, die verlohrnen Schönheiten wieder zu erlangen, als neue zu suchen. »Die Zierlichkeiten in der Musik sind demnach Dornen, unter deren Menge die Blumen ersticken, es sind geschminckte Schönheiten, die mit einem falschen Glantz schimmern; erst entworfene Züge, deren Spur durch andere, und gantz neue Züge, schon wieder verlöschet werden; Züge, deren Häufung, wenn wir die Wahrheit sagen wollen, nur in einer eitelen Auskramung harmonischer Kleinigkeiten in einem prächtigen und hochtrabenden Uebelklang bestehet.[«]

ambitiosa ornamenta, nugæque canoræ. Hor.

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