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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 53

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[140] Das LIII. Capitel.

Wie die Melodie und die Monodie sich des Rhythmus bedienen.

Alles was bishero, um die Unzulänglichkeit der Monodie, und die Nothwendigkeit der Melodie, zu erweisen, gesaget worden ist, betrift doch nur ins besondere die Harmonie, oder die Mischung, und die Verbindung der unterschiedlichen Töne, sowol an sich, als die Mischung derselben, nach einer gewissen Absicht überhaupt. Weil aber in der heutiges Tages üblichen Musik, sowol die abgemessene Bewegung der Harmonie, oder der Rhythmus, so dieselbe belebet, in gemeinschaftlicher Kraft zu einem und eben demselben Zweck zu wirken, bestimmet sind; So laßet uns noch untersuchen, wie das eine, und das andere Verfahren, sich dieses neuen Vortheils bedienet.

Wie ein Monodist die Verschiedenheit der Harmonie, nur blos nach Gutdüncken, und nicht nach Ueberlegung, bestimmet: Also wird auch die [141] Bewegung der verschiedenen Töne, in Ansehung der unterschiedlichen Zeit, und Dauer, und die Gleichförmigkeit, so in derselben ist, mit einem Worte, der Rhythmus derselben, nur nach einem blossen Zufall eingerichtet. Daher ist der Rhythmus öfters den Sachen nicht nur nicht gemäß, sondern auch wol ganz und gar falsch.

Es ist indessen ein denen vorzustellenden Sachen wohlangemessenes Zeit-Maaß schon geschickt, auch die bekanntesten und genauesten Folgen verschiedener Accorde zu beleben, und eine Nachahmung der Natur ähnlich zu machen. In dem Num. 96. angeführten Beyspiel, ist unter andern der Tact dem Affect so wenig gemäß, daß die Unähnlichkeit der einen, und der andern, gar leicht in den Sinn fällt. Die auszudrückende Leidenschaft wird alhier durch eine gewisse Eilfertigkeit charakterisiret. Der Tact aber ist von einer solchen Beschaffenheit, daß er mehr ein gesetztes und gelassenes Wesen andeutet und zu erkennen giebet. Die wiederholeten Schläge in dem Basse, entdecken das Mangelhafte der Bewegung in dem einzelen Gesange noch mehr. Sie haben zwar, eines gegen das andere, eine verschiedene Bewegung und machen, in gewisser Maaße, einen Contrast. Allein weder des einen Bewegung allein, noch auch beyder zusammen genommen, ist geschickt eine Abbildung einer solchen Eilfertigkeit zu geben, als allhier die Worte verlangen.

Wenn man hingegen diese Folge eben so gemeiner Accorde, durch ein solches Zeit-Maaß beseelete, welche eine genauere Verbindung mit der auszudrückenden Leidenschaft hätte, und beydes sowol den Gesang, als den Zusammenklang, also zu bilden bemühet wäre, daß sie die gesuchte Wirkung unmittelbar befördern helfen könten, würde man sich nicht einen gewissern Eingang davon zu versprechen haben? Num[.] 97.

Der Rhythmus, oder die geschickt abgemessene Bewegung der Töne, ist die allervortheilhafteste Hülfe für einen Gesang, dessen unterschiedliche Zusammenklänge schon an sich die Eigenschaften gewisser vorhandenen Urbilder ausdrücken. Ja, der geschickte Verhalt in der abgemessenen Bewegung, der Zeit, und Dauer nach verschiedenen Töne[n], ist schon an und vor sich von einer gewissen Wirkung, ohne Absicht auf die zusammengesetzte Harmonie. Num. 98.

Hier wird der Sinn der Worte mittelst des in der Folge der einzelnen Töne herschenden Rhythmi so natürlich geschildert, daß man denselben auch allenfalls aus dem abgemessenen Fortgang der einzelnen Töne errathen kan. Um desto ausdrückender muß also eine jegliche Zusammensetzung seyn, wenn [142] ein jedes Theil der mannigfaltigen Harmonie, oder, welches einerley, wenn eine jede Stimme für sich genommen, einen geschickten, und der auszudrückenden Sache gemäßen Rhythmum hat.

Die monodische Setz-Art, welche nur darauf ausgehet, den einzelnen Gesang allein schimmernd und glänzend zu machen, es mögen nun die übrigen Theile der Zusammenstimmung so viel, oder so wenig dabey verlieren, als sie wolle[n], siehet nicht auf den Rhythmum einer jeglichen Stimme, sondern nur, auf das höchste, auf denjenigen in der Haupt-Stimme. Es ist so gar der Absicht eines Monodisten zuwieder, auf den Rhythmum des Ganzen, oder der vielfachen Harmonie zusehen, weil der einzelne Gesang auf dessen Veränderung, und Verzierung es bey der monodischen Sez-Art nur allein abgesehen ist, etwas dabey verlieren würde, wenn die Bildung des Gesanges, in einer jeden einzelnen Stimme, in beständiger Absicht auf das Ganze geschiehet.

Es gebieret ferner der Mangel des beobachteten Rhythmus in den Zusammensetzungen die grösten Unschicklichkeiten, wieder das Zeit- und Tact-Gewichte. Da ist kein Verhalt unter den einzelnen Theilen des Stückes, noch weniger aber ist das Verhältniß der unterschiedlichen Theile zu dem Ganzen, der Zusammensetzung in acht genommen worden.

Woher kommt es in dem Exempel Num. 99. daß der Setzer allhier sowol in dem dritten, als in dem siebenden Tacte, wo doch jedesmal der einmal gemachten Einrichtung des Reim-Gebäudes zufolge, eine abgeänderte Harmonie seyn solte, dieselbe verabsäumet, und mithin wider sein Metrum sündiget? Kam es nicht vornehmlich aus dieser Quelle, weil der Componist, uneingedenk der Bewegung, und des Fortganges der Harmonie, blos die von derselben abhängigen einzelnen Töne, nach seinem Zweck richtete, und folglich nur Monodie, nicht aber Melodie, zu verfertigen bemühet war.

Es ist zwar wahr, der Gesang hat alhier ausser dem, da er die Ton-Art gar bald verläßet, annoch diese Ungeschicklichkeit, daß der erste Modulus mit keinem von den übrigen, in der Zusammensetzung befindlichen, einigen Verhalt hat, und folglich selbst die Folge der einzelnen Töne hintereinander, blos an sich, und ohne Absicht auf die mannigfaltige Harmonie betrachtet, nicht nach den Regeln, und den Gesetzen des Metri verfertiget ist: so, daß der Setzer alhier eben so viel Fühllosigkeit an dem Zeit- und Tact-Gewichte der Harmonie, als Ungeschicklichkeit in Bestimmung der Bewegung derselben [143] verräth. Allein, zu geschweigen, daß alles dieses nur allein dadurch am besten vermieden werden konte, wenn der Componist in zusammengesetzter Harmonie fortgeschritten wäre, und so wohl den Gang als dessen Maaß bestimmet hätte: so darf man, um sich davon zu überzeugen, nur die Ursachen, nemlich den Mangel des, an dem rechten Orte angebrachten Fortganges der Harmonie, aus dem Wege räumen, um die Effecte derselben, als, die Unrichtigkeit des Metri, dadurch gehoben zu sehen. Num. 100. Jemehr der Gesang nur allein blos für sich, und ohne Absicht auf die vielfache Harmonie, bestimmet, und gebildet wird, diese aber jener sich bequemen muß; um destoweniger hilft auch die zusammengesetzte Harmonie der Absicht auf.

Die tieferen Stimmen sind in diesem Fall nicht nur unnütze, sondern sie machen au[ch] den Gesang selbst langweilig, und schmachtend.

Was hilft alhier der Baß zu der Absicht des Ganzen. Num. 101. Er hat, wegen Mangel des Rhythmi, weder Kraft, noch Leben, sondern er lieget blos, wie tod, da. Dahingegen wird ohngefehr dieselbige Folge der Accorde, schon blos durch die Kraft des Rhythmi, lebendiger, und zur Bewegung des Gemüths geschickter gemacht. Num. 102.

Die Monodien sind deswegen zu den charakterisirten Musik-Gattungen, welche sowol durch die Kraft des Rhythmi, als durch die Kraft der Harmonie, zugleich zu würken bestimmet sind, wenig, oder gar nicht geschickt. So sind auch die charakterisirten Musik-Stücke um destomehr unbekannt geworden, und aus der Mode gekommen, je größeren Fortgang die Monodie gewonnen hat, und der Rhythmus ist dadurch um so vielmehr verlohren gegangen, jemehr man nur lediglich auf den zierlichen Gesang an und vor sich, ohne zugleich auf die Gleichförmigkeit der verschiedenen Bewegungen der an Zeit, und Dauer verschiedenen Klänge, oder deutlicher zu reden, auf die Gleichförmigkeit der verschiedenen Klang-Füße, welche eigentlich den Rhythmum ausmachen, gesehen hat.

Die Welschen haben sich insbesondere schon längstens den Vorwurf zugezogen, als wenn sie den Rhythmum mehr, als andere Nationen, verabsäumeten. Galli magis observant rhythmum, quam Itali. Is. Voss. de Vir. rhythmi.

In der That, da die Monodien blos um der willkürlichen Veränderung des Gesanges willen, den Fortgang der Harmonie länger aufschieben, als es nicht der nothwendigen Abänderung der Harmonie halber geschehen solte; die herrschende Ober-Stimme aber in ihren Auszierungen gehindert werden würde, wenn die tiefere Stimme eine muntere oder lebhafte Bewegung haben solte; so lässet ein monodischer Componist den Baß lieber [144] ohne eine gewisse bezeichnete lebhafte Bewegung. Hierdurch wird nun eine Zusammensetzung überhaupt matt und schläfrig, und zu dem Ausdruck eines bezeichneten Charakters ungeschickt. Man kann dieses zwar aus den angeführten Beyspielen schon genugsam schließen. Doch, will ich zum Ueberfluß, dißfalls noch ein Exempel anführen. In dem, Num. 103. angeführten Exempel, ist alles matt, aus Mangel einer lebhaften Bewegung, obwohl der Gesang unendlicher Veränderungen fähig ist. Allein, alle die möglichen Veränderungen, so man etwa bey dieser Gelegenheit vorbringen möchte, werden doch, so lange man zum wenigsten den Baß nur so träge beyher schleppet, den stolzen und den gesetzten Gang, wie auch das heldenmüthige und das kriegerische Wesen des Marsches, nicht so gut ausdrücken, als es die Num. 104. befindliche Zusammensetzung thut.

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