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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 55

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[145] Das LV. Capitel.

Schlußfolgerungen, so aus dem monodischen Verfahren zu ziehen.

Solte man bey so bewanten Umständen nicht auf die Gedanken gerathen, daß fast alle nur mögliche Unschicklichkeiten in der Musik, nur daher entstehen, weil die Componisten bey Verfertigung der Zusammensetzungen, nur allein dahin sehen, einen blos für sich bestehenden zierlichen Gesang zu verfertigen, ohne zugleich darauf bedacht zu seyn, daß dieser zugleich ausdrückend, gewissen Urbildern ähnlich, oder natürlich ist? Kurtz: weil sie sowohl in Ansehung der Grund-Lage zu einer mannigfaltigen Harmonie, als in Ausbildung derselben, monodisch verfahren.

Woher kommt die Verschiedenheit des Geschmacks, an dem, was das wesentliche der Musik anbelanget, nicht nur bey verschiedenen Nationen, sondern auch bey einzelnen Personen, einer und eben derselben Nation, anders, als eben von der Monodie? Gleichwohl kann der Geschmack an einer, und eben derselben Sache, nicht unterschieden seyn, ohne, daß er zugleich aufhöre, gut zu seyn. Les goûts ne peuvent être differens, sans cesser d’être bons, que quand leurs objêts sont differents.

Das Vergnügen so die Uebereinstimmung verschiedener Theile, mit dem Gantzen, eines vorgesetzten Zwecks erzeuget, ist uns natürlich, und fließet unmittelbar aus der Natur und der Beschaffenheit unserer Seele. Wir haben also keine ungewisse und zweifelhafte, sondern durchgängig unbewegliche Gründe, eines allgemeinen, und unveränderlichen natürlichen Geschmacks, in der aus der Vereinigung verschiedener Töne entstehenden Harmonie. Dagegen ist uns das Gefühl an einer solchen Verknüpfung der einzelnen Töne, wobey wir keinen Fortgang der Harmonie gedencken, um desto fremder, und wir nehmen um desto weniger Antheil an derselben, je ungewisser, und je unbeständiger, und je veränderlicher der Fortgang derselben an sich ist. Welches ist die Ursache einer so greulichen Menge elender Zusammensetzungen, welche den Fortgang des guten Geschmacks aufhalten, und verhindern? Ist es nicht vornemlich die Monodie? Ein Setzer darf nur einiges Gefühl von den natürlichen [146] Fortschreitungen haben; er darf nur einigen Vorrath von Figuren, und von den Verkleinerungen der Töne in Bereitschaft haben, um in dieser Setz-Art schon groß zu scheinen. In der That, wenn man einigen Setzern die Freyheit benehmen wolte, einen Gesang durch die verschiedenen Arten des harmonischen Aufputzes, schimmernd und gläntzend zu machen, so würde es sich bald zeigen, daß ihr Gesang, von dem natürlichen Gesange eines in der Musik auch unerfahrnen, nichts voraus habe, als daß er, durch eine Menge Zierathen, unkenntlich und unkräftig geworden ist.

Wie schwer ist es nicht heutiges Tages, selbst unter den Kennern der Musik, einen so gereinigten Geschmack anzutreffen, welcher gnugsame Unterscheidungs-Kraft besäße, um den Werth, und den Unwerth einer Musik, und die unterschiedlichen Grade des einen und des andern, zu bestimmen; der das Gute von dem Schlechten, das Mittelmäßige von dem Vortreflichen zu unterscheiden fähig wäre, und der folglich in Folge, und nach dem Maaße des erkannten Werthes oder Unwerthes der Dinge, eines annähme, und das andere verwürfe.

Indessen wächst die Menge der Musik, wegen der Leichtigkeit, nach welcher sie erzeuget wird, um desto mehr heran. Und diese giebet Gelegenheit, und macht, daß man nun bey einer ungeheuren Menge der Musik, sich gar nicht einmal mehr die Mühe giebet, zu untersuchen, was gut, oder was nicht gut ist.

Die Wahl wird, bey einer so ungeheueren Menge von Sachen, je länger je schwerer. Wir urtheilen gar nicht: weil es uns zu viel Mühe machen würde, das Gute von dem Schlechten zu unterscheiden.

Copia judicium sæpe morata meum est.

Woher kommen endlich die häufigen Klagen, über die Schwierigkeit der Ausführung einer Musik nach dem neuesten Geschmacke?

Eine Musik ist desto schöner, je leichter sie, bey übrig gleichen Umständen ist. Ein Stück, welches leicht auszuüben ist, ladet uns von selbst zu der Ausführung desselben ein, und ist mithin in dem menschlichen Leben von weit größeren, und allgemeineren Nutzen, als ein anderes, zu dessen Ausübung erfodert wird, daß man zugleich die Composition verstehe, und sich, durch eine vieljährige Uebung, eine Fertigkeit zuwege gebracht habe, einen Gesang zu verändern, und mit neuen Zierathen auszuschmücken. Die allzuweit ausgedehnete Länge der Musik-Stücke, ist annoch eine gantz [147] natürliche Folge, des monodischen Verfahrens. Ein jedes Stück, um etwas zu sagen, muß eine gewisse Anzahl verschiedener Accorde in sich fassen. Nun werden die verschiedenen Zusammenstimmungen, in den monodischen Zusammensetzungen, der Zierlichkeiten des Gesanges halber, mit Vorsatz voneinander getrennet. Folglich wird eine Zusammensetzung desto länger, je mehr sie monodisch abgefasset wird. Wie häufig aber die Klagen über das Langwierige der Musik aufstoßen, dieses ist denen am besten bekannt die sich mit der Ausübung derselben zu beschäftigen pflegen.

Was anders, als das monodische Verfahren, bringet die vielen Ta[u]tologien in dem einzelnen, noch mehr aber diejenigen in dem vielfachen Gesange, die Eintönigkeit, den Mangel des Neuen und der wahren Anmuth, hervor. Die wahre Anmuth entstehet hauptsächlich daher, wenn die zu einem Ganzen gehörigen unterschiedlichen Theile, der Seele mit solcher Klarheit dargestellet werden, daß sie sich einen reinen und klaren Begriff davon machen kann. Nun verbindet die Monodie die unterschiedliche Theile des Gantzen, oder die von einem Grund-Ton abhängige unterschiedliche Accorde, weder unter sich, dergestalt, daß eine gewisse Ordnung, und ein gutes Verhältniß in demselben befindlich wäre, welches den Verstand fähig machen könte, die unterschiedlichen Theile zu fassen: noch weniger aber werden dieselben um irgend einer dadurch zu erlangenden Haupt-Wirkung willen, miteinander verbunden.

Nur allein der polyodisch verfahrende Setzer ist darauf bedacht, die mannigfaltigen Accorde, nicht nur unter sich, und mit dem Haupt-Tone zu vergleichen; sondern er glaubet auch seiner Pflicht nicht eher eine Gnüge gethan zu haben, als bis die Accorde selbst mit der Haupt-Absicht in einer solchen Verbindung stehen, daß dieselbe dadurch abgebildet, und zu erkennen gegeben werden kann. Wie nun alle Schönheit auf der empfundenen Uebereinstimmung, so die verschiedenen Theile mit einem Gantzen haben, beruhet; also kan der monodische Setzer auch nicht anders, als sehr eingeschränckt seyn, sowohl deswegen, weil er sein Haupt-Absehen auf die blos einfachen Folgen der Töne richtet, als auch darum, weil er, um seinen herrschenden Gesang mehr gefällig, als ausdrückend zu machen, sich in den Bezirck der bekannten und gemeinen Gänge, und Fortschreitungen einschließet, und sich in denselben, wie ein Schiff im Wasser, ohne Mast und Seegel, herum treiben lässet. Die Monodie holet den Stoff, und die Materialien zu ihren Verbindungen, aus den begreiflichsten Verhältnissen des uns natürlichen Dreyklanges her, wie uns die Auflösung der Sätze in simple Uebereinstimmun[148]gen, diesfalls überzeugen kann. Daher kommt es ohne Zweifel, daß sich die Setzer untereinander so oft des Ausschreibens beschuldigen, über solche Gänge, Wendungen und Führungen des Gesanges, welche, vielleicht schon vor ihrer Geburt, ausgeübet worden. Die Liebe zur Ordnung, und zur Uebereinstimmung, ist uns so etwas natürliches, daß wir schon von Natur, und blos durch natürlichen Trieb, auf die unmittelbar aus der ursprünglichen Harmonie fließenden Zusammenstimmungen geführet werden, und gründet sich auf die Natur unseres Geistes. Die gütige Natur selbst hat, für die Befriedigung unseres Harmonie begierigen Verlangens, also Sorge getragen, daß sie daßelbe dergestallt nähret, daß sie uns mit jedem Tone eine vollkommene Harmonie schencket. Können wir wohl glauben, unserer Pflicht gemäß zu handeln, wenn wir dasselbe durch Tand, durch Zierathen und Manieren, kurtz, durch harmonische Figuren, mehr, als durch wirkliche Harmonie, zu sättigen bemühet sind.

Ein Mann, der mit einer mehr denn halb hundertjährigen Erfahrung in der Musik, einen gereinigten Geschmack, und geläuterte Einsichten verbindet, lässet sich in einem Handschreiben, über gewisse, nach monodischer Art verfertigte Zusammensetzungen, also vernehmen: [»]Man kann in den Zusammensetzungen der Töne, vortreflich verwundernswürdig, in einem gewissen Grad ausdrückend, gefällig und leicht seyn, ohne dennoch das Hertz zu rühren. Denn obwohl die Arie: Se ripigliarmi volevi il core &c. in ihrer Art vortreflich, und der Phantasie gefällig ist; ob wohl neben der wundersamen, ungezwungenen, und fließenden Leichtigkeit, ein großer Ausdruck darinnen herschet; so habe ich dem ohngeachtet, das rührende, und das hertzbewegende vergeblich darinnen gesucht. Es giebt Compositionen, die mehr vors Gesicht, oder vor den Sinn, als vor den Verstand, noch weniger aber vor das Hertze sind, worauf ich allezeit sehe, und für dessen Rührung und Befriedigung, unser gegenwärtiges, flüchtiges, und artiges Publicum, meines Bedünckens, zu wenig Sorgfalt trägt.[«]

Das polyodische Verfahren ist demnach nur allein ein bequemes Mittel, um sowohl der Haupt-Pflicht, der Sättigung des uns natürlichen Verlangens, nach einer mannigfaltigen Harmonie, eine Gnüge zu thun, als auch eine jede Composition mit denen erforderlichen Eigenschaften zu versehen, so derselben in ihrer Art zukommen.

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