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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 56

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[149] Das LVI. Capitel.

Kennzeichen der wahren Melodie.

Ob wohl die Kennzeichen der wahren Melodie leichter zu empfinden, als zu beschreiben sind; so halte ich dennoch dafür, daß sich die Wirkung einer guten Melodie hierinnen äußern werde. Wenn 1) so viel mannigfaltige Harmonie in derselben zu hören, als da nöthig ist, um unser natürliches Verlangen nach derselben zu frieden zu stellen: so wie gegentheils das Kennzeichen eines monodischen Gesanges sich vornemlich darinnen äußert, wenn er das Harmonie-begierige Verlangen nicht sättiget, sondern nur aufzieht. Wenn 2) die verschiedenen Zusammenstimmungen nicht nur überhaupt die abgezielte Leidenschaft auszudrücken, nicht ungeschickt sind, sondern wenn sie auch einer jeglichen Haupt-Empfindung eigene Neben-Empfindungen charakterisiren. Wenn 3) die unterschiedlichen wirkenden Theile der Harmonie, sich in gesamter, oder in vereinigter Kraft also äußern, daß ein jedes Theil einer jeden besonderen Zusammenstimmung, zu der Uebereinstimmung des Gantzen, so viel beyträgt, als es dazu beytragen kann. Wenn 4) das Zeit-Maaß, der Gang, und die Bewegung desselben, die Kraft der Zusammenstimmungen unterstützen, und beydes zu einem gemeinschaftlichen Zweck wircket. Wenn 5) der Gesang nicht mit so vielen Manieren, Figuren, und Verkleinerungen überhäufet ist, daß er darüber seine natürliche Anmuth, Einfalt, und sein natürliches Wesen verlieret. Mit einem Worte, wenn nicht nur der einzele Gesang an und vor sich, und blos allein, sondern hauptsächlich die unterschiedlichen Zusammenklänge, auf welchen derselbe beruhet, und von welchen derselbe, als ein abhängiger Theil, anzusehen ist, also beschaffen sind, daß deren Aehnlichkeit und Uebereinstimmung mit der vorgestelleten Sache, von allen gesunden Sinnen gefühlet und empfunden werden kann, und an einem jeglichen Orte diejenigen Eindrücke macht, die sie der Beschaffenheit des Vorhabens, und der besonderen Absicht des Setzers nach, machen soll.

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