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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 57

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[149] Das LVII. Capitel.

Ursachen der Einführung der Monodie.

Bey solcher Bewandniß nun, da die Vorzüge und Vortheile der Melodie, vor der ihr entgegen gesetzten Monodie, so klar und so offenbar sind, daß sie keinen Zweifel leiden, so entstehet billig die Frage: warum man derselben die Monodie nicht nur an die Seite gesetzet hat, sondern [150] warum auch jene, ihrer großer Vorthelle ohngeachtet, denn[o]ch weniger als diese ausgeübet wird? Es berichtet uns aber Printz, die Ursachen der Stiftung und Einführung der Monodie, in dem 12ten Cap. seiner musikalischen Historie, folgender Gestalt: »Es wurden schon zur Zeit Lud. Viadana, des Stifters des General-Baß Spielens, ohngefehr ums Jahr 1605. die Moteten mit Fugis, Syncopationibus, dem Contrapuncto Fracto, und Florido, dergestalt ausgezieret, daß man sie gewißlich als künstlich muste passiren lassen. Indem aber die Componisten mehr auf die Kunst der Harmonie Achtung gaben, als auf den Text, etliche auch die Harmonie zuerst machten, und hernach den Text, wie sie kunten, darunter flickten: entstund eine solche Confusion und Gezerre, daß man fast nicht ein Wort, will geschweigen den gantzen Contextum vernehmen kunte; welches denn auch vortreflichen Leuten Anlas gabe, zu sagen: Musicam esse inanem sonorum strepitum: Die Musik wäre nur ein leerer Schall, die sonst nichts hinter sich führete, als eine vergebliche Kützelung der Ohren. Als nun dieser Italiänische kunstreiche Organist, der, wie Christ. Demantius von ihm saget, mit einem Griff auf der Orgel, die Gemüther der Zuhörer mehr zur Verwunderung bringen kunte, als andere mit zehen, und dabey berühmter und wohlgeübter Componist, solches vermercket, hat er Anlaß genommen, die Monodien und Concerten, zu erfinden, als in welchen, wenn eine deutliche Pronunciation des Sängers hinzu kommt, der Text leicht und wohl verstanden werden kann.« Ob nun wohl die von diesem geschickten Setzer und Organisten, überbliebene Sachen, uns deutlich überzeugen, daß in dieser Erzehlung nicht von den Monodien in dem oberwehnten Verstande, insofern sie nehmlich monodisch abgefasset, und gesetzet, sondern nur insofern blos einfache Gesänge oder Solo-Sätze, durch die Ausführung blos einfach zum Vorschein gebracht worden, die Rede sey: so siehet man denn[o]ch aus diesem Bericht gantz deutlich, daß eines Theiles, die zur Unzeit angebrachte Kunst verschiedener Setzer, so, wie anderer Seits die Ungeschicklichkeit anderer, die, da sie die Harmonie denen Worten zu bequemen nicht verstunden, lieber diese, gewissen vielleicht schon im Vorrath habenden Zusammensetzungen, unterwerfen wolten, mit einem Worte: der empfundene Mangel der beliebten Deutlichkeit minder geübte Setzer bewogen habe, bey der Verfertigung einer Composition, monodisch zu verfahren.

Wer wolte in Abrede seyn, daß nicht die Deutlichkeit in der Musik, so wie in allen Werken der Kunst, eine so nothwendige und unentbehrliche Eigenschaft sey, daß ohne dieselbe auch die größeste Kunst unnütze wird, und daß folglich, die Einführung der Monodie, als ein absonderliches Compo[151]sitions-Verfahren betrachtet, in dieser alleinigen Betrachtung, schon einiger maßen gerechtfertiget seyn würde, wenn es sonsten wahr wäre, daß sie hierinnen vor der Melodie etwas voraus hätte. Soll aber die Monodie vor der ihr entgegen gesetzten Melodie, in Ansehung der Deutlichkeit, etwas voraus haben, so kan dieses nur zweyerley Ursachen zum Grunde haben. Entweder fält sie nur deswegen leichter in den Sinn, weil sie weniger Uebereinstimmung, als die Melodie bey sich führet; oder, weil sie mit mehrerern Zieraten pranget, als diese. Nun kan zwar in der Menge der Zieraten, keine Ursache der Deutlichkeit liegen, vielmehr werden die Gegenstände eben durch die allzuhäufig angebrachten Zieraten v[e]rdunckelt, und die Musik hat, wie ich droben erwehnet, schon mehr als einmal in Gefahr gestanden, aus den Gottes-Häusern, als aus ihrem eigentlichen Sitz und Auffenthalt, vertrieben zu werden. Folglich muß nur der Zusammenklang, als welcher in den Melodien sich häufiger, als in den Monodien, einfindet, Schuld daran seyn, wenn man in Ansehung der Deutlichkeit, diesen vor jenen einen Vorzug einräumen will. So stehen auch in der That nicht wenig in den Gedanken, daß es ebenso ungereimt sey, zween, oder mehrere zu gleicher Zeit singen zu lassen, als zween zu gleicher Zeit sprechen zu hören, weil das Ohr von dem Auge hierinne unterschieden sey, daß dieses seiner Natur nach, zwar verschiedene Gegenstände auf einmal übersehen könne jenes aber nur dieselben einzeln, und nach und nach zu fassen vermöge. Quid absurdius, Deus bone! fieri potest? aut quisquam est, qui duos altrinsecus ad aures uno tempore fecum garrientes, etiamsi vehementer attendat, intelligere possit; ita ut non multa intercidant? Hoc enim vel maxime distare videntur oculi atque aures, quod unus oculus res longe plurimoas ac diversissimas simul contueri potest; duæ aures non nisi singulas res per vices comprendere queunt Donius.

Ist es mir aber erlaubet, meine Gedancken von dieser Meynung an den Tag zu legen, so düncket mir, daß sie nur daher entstanden sey, weil man den Schall der gemeinen Rede, von dem Tone der Musik, nicht gnugsam unterschieden hat. Der unterschiedliche Schall oder Laut der Wörter, fällt nicht als ein unterschiedlicher Gedanke in den Sinn, sondern nur als ein willkürliches Zeichen der Gedanken, welches seine Bedeutung nur einer vorhergegangenen Einwilligung schuldig ist. Mithin müssen wir bey einem jeden Worte, um dessen Kraft und Bedeutung zu verstehen, den Schall desselben mit der dadurch bezeichneten Sache vergleichen, wo nicht die Wörter ein nichts bedeutendes Getöse für uns seyn sollen. In dieser angestellten Vergleichung nun des vernommenen Schalles, mit der verabredeten Be[152]deutung, würden wir allerdings gar sehr gehindert, und gestöret werden, ja, sie würde vielmehr gar nicht stat finden, wenn wir verschiedene Personen, auf einmal, reden hören solten. Die musikalischen Töne hingegen wirken nicht nach einer willkürlichen Verabredung, oder Einwilligung auf uns, sondern wir fühlen und empfinden die unterschiedlichen Wirkungs- und Bewegungs-Kräfte derselben unmittelbar, nach den Gesetzen der Natur, und der allgemeinen Empfindung des menschlichen Geschlechts. Der Klang oder der Ton der Sprache ist das unmittelbare Werkzeug des Herzens, und der Natur, so wie die W[ö]rter dasjenige des Verstandes sind. Folglich findet eine Vereinigung und Vereinbarung verschiedener Töne zugleich, um destomehr Platz, da uns die Lust, und das Ergetzen, so da aus der Empfindung der Harmonie fließet, natürlich ist, und mit uns geboren wird.

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