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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 58

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[152] Das LVIII. Capitel.

Der Zusammenklang ist schon in den ältesten Zeiten bekannt gewesen[.]

Der Klang ist an sich schon ein zusammengesetztes Ganze. Da nun die Natur denselben zusammengesetzt schaffet, und hervorbringet, solte sie nicht auch zugleich dasjenige Werkzeug, wodurch derselbe der Seelen zugeführet wird, also zubereitet haben, die unterschiedlichen Theile desselben ohne Mühe zu empfinden? Vielmehr bestätiget die unwidersprechliche Erfahrung, daß eben in der mehr oder weniger vollkommenen Uebereinstimmung der Töne, der Grund des Ergetzens liege, dessen sie uns gewehren, so wie eben die Uebereinstimmung des mannigfaltigen, die Ursache desjenigen Vergnügens ist, welches wir bey Erblickung eines ordentlichen Gebäudes, geniessen. Der Sitz des Gehörs ist eine Art einer Muschel, die aus benervten Fäserchen bestehet, und schneckenförmig zuläuft, unter denen ein jeder seine eigene elastische Kraft hat. Ein Ton ist desto rührender, jemehr er an diesen bewunderns würdigen Instrumente übereingestimmte Saiten findet. Die Regeln des Gesichts und des Gehöres, sind, nach der Anmerkung eines gewissen Kunst-Lehrers, einerley. Das Auge siehet die Proportion der Dinge, wovon die Strahlen in solches fallen können, sogleich, in dem das Bild des Cörpers sich im Auge, auf der Retina, im kleinen abmahlet; und das Ohr vernimmt sogleich den Unterschied der Intervallen, indem jeder Ton, nach seiner Größe, sich im Ohre, auf der nervösen Haut, im kleinen vorstellet. Wie nun das Auge die Anordnung der unterschiedlichen Theile in einem Gebäude, so gleich Augenblicks und auf einmal übersiehet: also empfindet [153] auch das Ohr die in dem Uebereinklange zusammenfließenden unterschiedlichen Töne, so gleich, und auf einmahl.

Was aber die eigentliche Zeit der Einsetzung des Gebrauchs, der vielfachen Harmonie, anbelanget, so wird derselbe zwar insgemein dem Englischen Ertz-Bischofe Dunstan zugeschrieben. Indessen ist es höchst wahrscheinlich, daß derselbe schon in den allerältesten Zeiten bekannt, und ausgeübet worden sey. Denn so läßt es sich nicht nur aus den unterschiedlichen Wörtern Symphonie, Polyodie, Monodie und Melodie, welche allesammt schon einen vielstimmigen Gesang voraussetzen, ganz deutlich schließen, sondern verschiedene Stellen der Griechischen und Lateinischen Scribenten, geben den bey ihnen üblichen Zusammenklang mit ausdrücklichen Worten zu verstehen. So gedenket Longin in dem 24[.] Haupt-Stück von dem Erhabenen, der Vielstimmigkeit in diesen Worten: [»]Wie in der Musik der Haupt-Ton dem Ohre desto angenehmer ist, wenn er von denen zu seiner Zusammenstimmung gehörigen Theilen begleitet wird; Also macht auch die Umschreibung, in Vergleichung und in Betrachtung desjenigen Wortes, um welches willen sie ist, einen Wohllaut in der Rede aus.[«] Desgleichen in dem 23sten Haupt-Stück, eben daselbst: [»]Die Töne verursachen durch ihre Mischungen und unterschiedlichen Uebereinstimmungen, der Seele eine so wundersam angenehme Empfindung, welche sie auf eine bezaubernde Art einnimt, und in Entzückung setzt.[«] Auch heben nicht minder verschiedene andere Stellen den Zweifel, den man sich wegen des bey den Römern üblichen Zusammenklanges machen könnte, wie aus dem 374ten Verse der horazischen Dichtkunst: Ut gratas inter mensas symphonia discors &c. aus dem 84sten Brief des Seneca: non vides quam multorum vocibus chorus constet? &c. wie nicht weniger aus dem ersten Buch der Tuscul: Fragen, erhellet: Harmoniam autem ex intervallis sonorum nosse possumus, quorum varia compositio etiam harmonias efficit plures.

Ich will geschweigen, daß es gar nicht zu vermuthen stehet, daß besonders die klugen Griechen, welche die übrigen Künste, die Beredsamkeit, die Bildhauer-Kunst und Poesie, zu einem so hohen Grad der Vollkommenheit gebracht hatten, der wesentlichsten Schönheit der Musik, derjenigen so da aus der Bestimmung eines Gesanges nach solchen Verhältnissen, die mit der auszudrückenden Leidenschaft übereintreffen, solten entbehret haben. Hätte wol immer ihre Musik, und ins besondere ihr einzelner Gesang, so sichere, und so erstaunende Wirkungen hervorbringen können, als man demselben insgemein zuschreibet?

[154] Der Gebrauch der vielfachen Harmonie kan, wahrscheinlicher Weise, selbst den Hebräern nicht unbekannt oder verborgen gewesen seyn.

Die Natur ist unverändert, und also damals eben so, wie jetzo gewesen. Nun ist ein jeder besonderer Klang, schon ein ursprünglicher U[e]bereinklang. Der aus der Vereinigung der, der Höhe und Tiefe nach, verschiedenen Töne, entstehende Zusammenlaut, ist also keine willkürliche Erfindung, sondern eine Einsetzung der Natur. Die unabgetheilten Werkzeuge geben ferner die harmonischen Intervalle, aus deren Vereinigung der allerangenehmste Accord entstehet, von selbsten an; eine jede Saite, oder Klang, setzet eine mitstimmende in Bewegung: wie ist es wol möglich, daß Leute, die sich zwanzig und mehr Jahre, mit der Ausübung der Musik beschäftiget hatten, nicht auch nur von ohngefehr, die Annehmlichkeit der Zusammenstimmung solten entdecket haben? Solten auch wohl hundert und zwanzig singende und spielende Personen bey verschiedenen Werkzeugen, und von verschiedenen Umfange, im blossen Einklange, in blossen Octaven, oder gar in übelstimmenden Intervallen, fortgeschritten seyn? Würde dieses nicht der natürlichen Bewegung der Seele, nach Ordnung und nach guten Verhältnissen, schlechterdings zuwieder seyn?

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