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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 59

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[154] Das LIX. Capitel.

Wahre Ursache der Einführung der Monodie.

Wie nun diesemnach an der Kenntniß der Alten an dem Zusammenklange, nicht zu zweifeln stehet, also ist es auch höchstwahrscheinlich, daß sich dieselben dessen nach Gutbefinden, auch bey gewissen Gelegenheiten bedienet haben, und daß sie folglich keine Hinderung der Deutlichkeit in dem Gebrauch desselben an sich, müssen gefunden haben. Doch, ich irre mich, wenn man bey Einführung der monodischen Setz-Art, die vielfache Kraft der Harmonie, der Deutlichkeit, und der Klarheit des musikalischen Ausdruckes, schlechterdings für nachtheilich gehalten hätte, würde man sich derselben ganz und gar entschlagen haben. Die Anhänger der Monodie, scheinen demnach selbst zuzugeben, daß wenn in den Zusammensetzungen eine Deutlichkeit und Klarheit nöthig, und unentbehrlich ist, es nicht diejenige sey, so da aus dem Leeren, oder aus dem Mangel der Gegenstände entspringet. Es müssen also noch andere und nähere Ursachen, als die Besorgung, durch die Zusammenstimmung Undeutlichkeit zu verursachen, Schuld daran seyn, daß man die bis dahin übliche melodische Art zu componiren, [155] verlassen, und ihr hingegen die monodische an die Seite gesetzet hat. Wenn ich aber meine Gedancken hierüber aufrichtig entdecken darf, so düncket mir, erstlich die größere Bequemlichkeit, mit welcher die nach dieser Art verfertigten Zusammensetzungen, in Ansehung der melodischen, von ihren Urhebern verfertiget werden, eine der wahrscheinlichsten Ursachen, sowol ihrer Einsetzung, als ihrer bisherigen Erhaltung zu seyn. Ich will eben hiemit nicht sagen, als ob alle und jede, nach melodischer Art verfertigte Compositionen, blos deswegen, weil sie den Gesang der Zusammenstimmung unterworfen, schon alle nur mögliche Vollkommenheiten haben solten; vielmehr kan sich der Componist, sowol in dem was die Wahl der vorherbestimmeten Uebereinstimmungen, ihre Ae[h]nlichkeit, und Gleichförmigkeit, mit denen besonderen Umständen, und Absichten, als ihre Ausbildung anbetrift, noch sehr geirret haben. Es können nemlich die zu der vorhabenden Absicht geschicktesten Uebereinstimmungen, weder das ihnen zukommende Zeit- noch Zahl-Maaß haben. Die unterschiedlichen Theile oder Cadenzen der unterschiedlichen Zusammenstimmungen können anders, als sie nicht solten, vereinbaret seyn. Der Gesang einer jeden einzelnen Stimme ins besondere, kan nicht von derjenigen Beschaffenheit seyn, als er, den Umständen nach, seyn solte. Allein bey dem allen, so muß es dennoch, nach Voraussetzung aller dieser schon erwehnten Umstände, ungleich leichter seyn, die Fortschreitungen der Harmonie, einfach gewissen Absichten ähnlich zu machen, als die ganze Kraft derselben, nach einem gewissen vorgesetzten Zweck, dergestalt zu richten, daß die gesuchte Wirkung mit Gewisheit erfolge. Die Melodie richtet ihr beständiges Absehen dahin, wie sie die ihrem Vorhaben dienlichen Uebereinstimmungen, aus allen nur möglichen Zusammenklängen, hervor suchen, und also ausbilden möge, daß sie in vereinigter Kraft ins Gemüthe eindringen. Die Monodie überläßet sich der Führung der schon bekannten und leicht in die Sinne fallenden Uebereinstimmungen. Man kan also leicht erachten, daß eines mehr Nachsinnen, mehr Fleiß und Ueberlegung, als das andere erfodere.

Der Nach und nach überhand nehmende Ekel und Ueberdruß an der einfältigen Natur, kan, meines Erachtens, als eine zweyte Ursache der Monodie angesehen werden. Nachdem die Künste und Wissenschaften einen gewissen Grad der Vollkommenheit erreichet haben, so fängt man an zu läutern, und ins feine zu gehen, sie mit Zieraten zu belästigen, so daß der Geschmack verdorben wird, und sie nach und nach eben so wieder fallen, als sie gestiegen waren. Die Monodie ist ein solcher Grund und Boden, welcher zur Hervorbringung der willkürlichen Zieraten des harmonischen Schmucks, ungleich geschickter ist, als die ihr entgegen gesetzte Melodie. Denn da in [156] jener alle die zu einer Zusamm[e]nstimmung gehörigen Theile, in einem vereiniget werden, und nur nach und nach zum Vorschein kommen, so ist freylich mehr Raum und Platz zu allerhand harmonischen Ausputz in derselben, als in der Melodie, welche auf eine also geschickte und genaue Vereinigung der in der Zusammenstimmung befindlichen Theile gehet, daß eines dem andern nothwendig ist. Wie nun ein Ding zu Veränderungen und Auszierungen desto geschickter ist, jemehr es Zufälligkeiten aufweiset; die Gelegenheit aber zu Veränderungen, eben das sind, was unterschiedliche Ausführer so sehnlich wünschen und suchen: So kan es drittens auch seyn, daß eine übertriebene Furcht oder Gefälligkeit der Componisten gegen die Ausführer, sowol den Ursprung, als die Erhaltung der Monodie, befördert habe. Die Vollziehung der Monodien ist nicht sowol ein treuer Abdruck gewisser vorgeschriebenen und nach einer besonderen Absicht veranstalteten Ton-Folgen, als vielmehr eine, nach Maaßgebung gewisser in Zeit-Maaß gebrachter harmonischer Fortschreitungen, erfolgte neue Schöpfung und Verbindung nach einander fügender Töne. Der Ausführer setzet sich über die Zusammensetzung hinweg, und betrachtet dieselbe nur als ein Mittel, und als einen Anlas, seine Kunst mit Geschicklichkeit an den Mann zu bringen. Wer da weiß, wie viel ins besondere denen Ausführern Welschlandes, dieses Vaterlands der Monodie, daran gelegen ist, den Ruhm und Vorzug der zierlichen Ausführung zu behaupten, der wird auch leicht begreifen, warum dieses Land uns nun schon seit so vielen Jahren, so viel seichte und elende Zusammensetzungen, sowol in Ansehung des Ausdrucks, als in Ansehung der Kunst der Verfertigung, liefere, und warum sie den Ausführern zu Liebe, denen Veränderungen, oder willkürlichen Zieraten, sowol den bestimmten Ausdruck, als die Kraft und Nachdruck desselben aufopfern, und in die Schanze schlagen. Doch, es scheinet, als ob wir, mit der Italiänischen Setz-Art, zugleich die Schwachheiten der Setzer dieser Nation, gegen die Ausführer übernommen hätten. Zum wenigsten hat der Verfasser des vollkommenen Capellm. auf der 159ten Seite, §. 161. diesfalls schon die folgende Anmerkung aufgezeichnet: »Ein Componist hat bisweilen Sänger, und absonderlich Sängerinnen vor sich, denen er entweder gerne so viel zu thun geben will, als sie verrichten können, daß ist, er will ihnen, weil sie Geschicklichkeiten dazu besitzen, und seine Günstlinge sind, auf alle Weise einen Vorzug vor andern zu wege bringen; oder aber sie plagen, zerren und quälen ihn so lange, bis er ihrem thörichten Begehren ein Gnügen leisten, und nicht selten Dinge hinschreiben muß, die er selber misbilliget, weil sie wider die Vernunft laufen, nur damit er sie bey guter Laune erhalte und verhindere, daß sie nicht aus ihrem eigenen Gehirn, etwas da[157]her hacken, das zehenmal ärger ist, ihm seine Arie vor die Füße werfen, und sagen: sie sey nicht nach ihrem Halse gemacht.[«]

Nachdem nun also in dem Zusammenklang an sich, keine Ursache der Undeutlichkeit lieget, und die Zierathen, die Figuren und Verkleinerungen der Monodie gleichfalls die Deutlichkeit in dem Gesange nicht befördern, so dünckt es mir, daß vielmehr der Grund der eingesetzten und sich bisher erhaltenen Monodie nur dieser sey, weil man nemlich voraus gesetzt hat, daß eine Composition schon dadurch ihren Zweck erreichet habe, wenn es ihr gelungen ist, dem alleinigen und sich selbst gelassenen Sinn des Gehörs, blos angenehme Rührungen, oder ein blos sinnliches Ergetzen zu verschaffen, ohne daß es nöthig, den Verstand zugleich zu beschäftigen, und das Hertz zu rühren. Denn so ist es gantz gewiß, daß, wenn man nach dieser Voraussetzung blos bey dem Urtheil des Sinnes stehen bleibet, man nicht nur denselben ohne Unterscheid, sowohl mit der Monodie, als mit der Melodie, einnehmen und beschäftigen könne, sondern ich muß so gar gestehen, daß in dieser Absicht, jene vor dieser, einen nicht geringen Vortheil voraus habe. Es ist bekannt, daß die Harmonie, oder die möglichen Uebereinstimmungen für sich genommen, nur erst die Helfte der Musik ausmacht, und daß, um sie zu beleben, eine Bewegung nöthig sey, in welcher gleichsam das Leben oder die Seele der Musik bestehet. Nun haben zwar beyde Arten des Verfahrens, sowohl das monodische, als das melodische, das Zeit-Maaß überhaupt gemein, allein das monodische, oder die zum Grunde gelegte einfache Harmonie, leidet, der Natur der leichten Körper gemäß, eine weit schnellere und geschwindere Bewegung, als das melodische, welches selbst den Fortgang der einfachen Harmonie nur um der darunter verstandenen zusammengesetzten Willen, in die Wege richtet, und zu Stande bringet, und folglich einen desto langsameren Gang, und desto gesetztere Schritte erfodert. Aus diesem Grunde haben die monodische Setzer die Geschwindigkeit und die Lebhaftigkeit, so da in der Bewegung des Tactes des einzelen Gesanges ist, dem durch den Fortgang der Harmonie zu suchenden Ausdruck der Leidenschaften vorgezogen, und lieber geschwind-einhergehende als bewegliche Töne hören lassen wollen:

Accessit numerisque modisque licentia major. Hor.

weil die Langsamkeit im Gange, der Natur der schweren Körper gemäß ist. Es stünde also zu untersuchen, ob nemlich dem blos sich selbst gelassenen Sinn, oder nur einem von dem Urtheil der Vernunft unterstützten Sinn, das höchste Richter-Amt in der Musik anzuvertrauen sey. Es würde eine Verwegenheit seyn, wenn ich mich unterstehen wolte, einen Streit [158] zu entscheiden, der einer der allerältesten in der Welt ist. Indessen darf ich in dem folgenden Capitel beyläufig zum wenigsten, und gleichsam nur im Vorbeygehen die Ursachen anzeigen, die mich bewegen, dafür zu halten, daß nur ein mit Vernunft ausgerüstetes Ohr der beste Schieds-Richter in der Musik seyn könne.

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