Startseite » 18. Jh. » Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 60

Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 60

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[158] Das LX. Capitel.

Wiederlegung der angegebenen Ursachen.

Es erkläret sich aber meines Erachtens, in der angegebenen Streit-Frage, sowohl die Natur des Klanges, als auch die Natur und veränderliche Beschaffenheit des sinnlichen Werckzeuges des Gehöres, vor die Vernunft. Der Klang wird in der Musik nicht sowohl als eine blos hörbare Eigenschaft betrachtet, sondern vielmehr als ein solches theilbares Ganze, dessen mögliche Theilungen und Veränderungen, als so viel abgemessene Größen von derselben anzusehen sind. Ob es nun wohl gewiß, ja nothwendig ist, daß das Gehör, oder vielmehr die Seele, mittelst desselben, den Unterscheid der Klänge fühle und empfinde, weil die Empfindungen der Seele derjenigen Bewegung, so die empfundenen Dinge, in demjenigen sinnlichen Werckzeuge, das zu dessen Auf- und Annehmung bestimmet ist, verursachen, gemäß ist; so hat sie dennoch, so lange sie es nemlich bey der bloß sinnlichen Empfindung bewenden läßt, zwar gewisse, aber nur dunkele Empfindungen davon. Das verständige Ohr aber, erkennet diesen empfundenen Unterscheid der Klänge deutlich und beurtheilet dieselben. Da nun der Urheber der Natur, den Wohl- und Uebellaut, nach Zahl, Maaß, und Gewichte geordnet, und ausgebreitet, und folglich dem richterlichen Ausspruch der Vernunft unterworfen hat, indem bey veränderten Verhältnißen der Töne, auch derselben wohl- und übellautende Kraft verändert wird, heißet es nicht, die Musik von ihrem Gegenstand entfernen, wenn man sie dem alleinigen Sinn unterwerfen will?

Die veränderliche Beschaffenheit der sinnlichen Werckzeuge, redet ferner dem oberrichterlichen Ausspruche der Vernunft das Wort. Die Sinnen können nicht nur mehr oder weniger geübt, nicht nur auf verschiedene Art verwöhnet seyn, sondern sie können so gar abgenutzet werden; dahingegen das Urtheil der Vernunft fest und unbeweglich stehet. Die wenige Sorgfalt, so gewisse Völcker für die Ausübung der Musik, und für das körperliche Ergetzen der Ohren tragen, lässet ihre Organa in einem rauhen und unbiegsamen Zustande, welcher sie auf das Vergnügen der allerbesten und [159] ordentlichsten Mischungen der Töne unempfindlich macht. So ziehen die Barbaren ein wildes und ungestümes Geklängel, darinnen keine Ordnung herrschet, der feinesten Zusammenstimmung vor, und werden mehr durch jenes, als durch diese beweget und ergetzet. Die Gewohnheit, nach welcher verschiedene Nationen von Jugend auf, an gewisse Zusammenfügungen und Bewegungen der verschiedenen Töne gewöhnet werden, oder gewisse besondere Figuren der Harmonie vorzüglich hören, macht, daß eine jede der ihrigen eine absonderliche eigenthümliche Kraft und Wirkung zuschreibet, ohngeachtet der Werth, oder der Unwerth derselben nicht für sich selbst bestehet, sondern nur von dem Gebrauch, insofern er nemlich denen Umständen und Absichten gemäß ist, abhänget. Die Erfahrung bestättiget auch, daß sich die Werckzeuge der Sinnen abnutzen, und daß wir in der Folge der Zeit, weder das angenehme noch das unangenehme, so lebhaft, als im Anfange, empfinden. Es mischen sich ferner unsere Affecten dergestalt mit den blos sinnlichen Empfindungen, und vergrößern sowohl die Heßlichkeit, als die Schönheit der Gegenstände, daß weder in der Musik, noch sonsten in irgend einer Sache, eine Gewisheit zu hoffen stehet, daferne nicht das Urtheil der Sinnen, von demjenigen der Vernunft unterstützet wird. Auch sind die Aussprüche des sich selbst gelassenen Gehörs, beständig zweifelhaft und ungewis. Wir billigen öfters heute das, was uns gestern misfiel, und hinwiederum halten wir gegenwärtig vieles vor unausstehlig, was uns vor weniger Zeit schön zu seyn bedünckte, ohne daß wir von dieser Veränderung Rede und Antwort geben könnten.

Das Verbot der Octaven und Quinten-Gänge, ist in der Musik eine bekannte Sache. Gleichwol üben zuweilen selbst Meister<e> des General-Baßes, nicht nur die Octaven, sondern auch so gar die Quinten-Folge, auch nur bey einer dreystimmigen Begleitung, ohne Verletzung des Gehöres aus, [u]nd können vernünftiger Weise, ohne durch Zerrüttung und unschickliche Abbrechung der Lage, noch viel ärgere Fehler zu begehen, nicht anders verfahren. Man besehe diese Folge der A[c]corde, sowohl in der bezeichnten, als in der veränderten Lage eine Terzie tiefer, Num. 105. und Num. 106.

Desgleichen, wie ist es möglich, bey gewissen Fortschreitungen in Terzien, wie z. E. Num. 107. die Octaven in der Begleitung zu vermeiden. Ich will hierdurch eben einer gewissen musikalischen Freygeisterey, nicht Thür und Thor öffnen, oder der ohnedies im Schwange gehenden Nachläßigkeit im Setzen, das Wort führen. Vielmehr halte ich eine Composition für desto vollkommener, je reiner, bey übrig gleichen Umständen, der Satz in derselben ist. Nur halte ich davor, daß man die Sache nicht zu hoch treiben müsse, und [160] willkürliche Regeln der Künstler, für Gesetze der Natur annehmen, weil die Regeln nur von solchen Menschen herstammen, die sich irren konten.

Das Ohr hat eben so, wie der Verstand, seine Vorurtheile, und wenn sie durch eine kleine Gewohnheit unterstützet werden, so gilt der Irrthum so viel, als eine erwiesene Wahrheit.

Der Sinn empfängt nur die der Natur seiner Werckzeuge gemäßen Gegenstände, begreift aber ihre Ursachen nicht; Viel Dinge werden von denselben gantz anders vorgestellet, als sie nicht sind. So scheinet z. E. der Klang eine ununterbrochene Bewegung der Luft zu seyn, und dennoch belehren uns die Naturkundige[n], daß er in der That eine unterbrochene Folge solcher Luftschläge sey, die in gleichen, und unvermerckten Zwischenräumen der Zeit, aufeinander folgen. Das Gehör ist nur der Canal, das Mittel, und das Werckzeug, dessen sich die Seele bedienet, um die verschiedenen Eindrücke des Klanges, als des Unterwurfes der Musik, anzunehmen, und kann also nicht dessen, vielweniger aber dessen alleiniger Gegenwurf seyn. Die angenehmen Empfindungen, so wir von einer ordentlichen Vermischung der Töne haben, höret dadurch nicht auf, wenn wir die innerliche Ordnung und die Verhältnisse der unterschiedlichen Theile, aus welchen eine jede besondere Zusammenstimmung zusammengesetzt ist, erkennen, vielmehr wird unser Vergnügen dadurch vergrößert und vermehret. Wir genießen alsdenn, neben dem sinnlichen, noch ein vernünftiges Ergetzen. Wie nun nicht nur das Ohr an sich, sondern ein mit Vernunft ausgerüstetes Ohr, ein zuversichtlicher Richter in der Musik ist, also gehet auch der Endzweck derselben, nicht nur dahin, das Ohr angenehm einzunehmen; sondern auch noch mehr durch die verschiedenen Uebereinstimmungen verursachte verschiedene Rührungen, den innerlichen Wohlstand des Gemüthes zu befördern, und durch die Reinigung der Leidenschaften, das Hertz zu verbessern. Fast alle musikalische Schriftsteller, sowohl der alten, als der neuen Zeit, stimmen allesamt einmüthig darinn überein, daß insbesondere die Lenkung des Willens zum Guten, oder die Verbesserung des Hertzens, der Haupt- und vornehmste Zweck der Musik sey. Sowohl Pythagoras, als alle Weltweisen dieses Welt-Alters, haben die Musik nicht allein wegen der Süßigkeit des Wohlklanges halber geehret, sondern, weil sie in den Grundsätzen derselben, die Gründe der Moral und der guten Sitten entdeckten. In der That, was ist die Tugend anders, als gutes Verhältnis und Ebenmaaß in den Empfindungen mit den Dingen, so dieselben verursachen? Und was ist geschickter, uns auf die Ordnung der verschiedenen Empfindungen, aufmerksam, und empfindlich zu machen, als die Ordnung der verschiedenen Zusam[161]menstimmungen, oder eine nach den Regeln veranstaltete mannigfaltige Harmonie.

Die Musik ist ein Geschenck des Schöpfers der Natur, ein Mittel zur Beruhigung und zur Wiederherstellung eines verderbten Zustandes des Gemüthes, so wie die Pflantzen und Kräuter, ein anders zur Wiederherstellung der Gesundheit des Leibes sind.

Die Musik-verständigen wurden in den alten Zeiten zugleich für Philosophen und für Prediger der Tugend gehalten. Plato hielt nicht dafür, daß die Musik für eine blos sinnliche Belustigung zu achten sey, sondern daß dieselbe vielmehr als eine der Aufführung der Menschen dienende Regel und Richtschnur, angesehen werden müsse. Die Griechen, bey welchen die Musik für ein wesentliches Stück der Erziehung der Jugend gehalten wurde, hielten so strenge auf die Ernsthaftigkeit, auf die Einfalt, und das männliche Wesen der Musik, daß sie sogar den Timotheus von Milet, mit Landes-Verweisung bestraften, weil er die sonst gewöhnliche Anzahl der sieben Saiten der Cythar, noch mit vieren vermehrete, vermuthlich, um durch einen desto weiteren Umfang und Ausdehnung seinen Liedern desto mehr Manieren oder Zierlichkeit geben zu können. Die klugen Griechen besorgten nicht ohne Ursache, daß ein Nachlaß in der Strenge der zur Hervorbringung der Musik dienenden Regeln, nicht auch einen Nachlaß der Einfalt und Unschuld in den Sitten der Jugend, zu deren Bildung bey ihnen die Musik hauptsächlich bestimmt war, nach sich ziehen möchte. Die ältesten Dichter reden von der Musik, als einer göttlichen Wissenschaft, wodurch nicht nur die Mühseeligkeiten des menschlichen Lebens versüßet, sondern auch die Tugend befördert wird. Denn so setzet dieselbe das Gemüthe in Bewegung, und feuert durch die liebliche Ordnung und Anmuth zur Tugend an. Was nutzet es, Auge und Ohr zu vergnügen, wenn nicht zugleich der Verstand das seinige dabey findet. Wir bestehen nicht nur aus einem mit verschiedenen sinnlichen Werckzeugen begabten Leibe, sondern auch aus einer vernünftigen Seele. Wie uns nun die Vernunft nicht weniger wesentlich ist, als der Leib; also heißet auch das kein Vergnügen, welches nicht den ganzen Menschen vergnüget. Alle Dinge sind nicht mehr unschuldig, wenn sie nicht nach dem Sinn der Einsetzung gebraucht werden. GOtt hat nicht die geringste Kraft umsonst gegeben, »Die Musik ist eine Sprache, und die Mahlerey eine Gattung von einer Schrift. Schaffen sie dem Auge und den Ohren eine Ergetzlichkeit, so haben sie diese Eigenschaft nur deswegen, damit ihre Unterweisungen, desto tiefer eindringen mögen, weil sie von so vieler Anmuth begleitet werden. Aber schlagen sie nicht aus der Art, wenn sie blos ergetzen, [162] und nicht zugleich auch unterrichten wollen? Verfehlen sie nicht des Endzwecks, worzu sie eingesetzet waren? Alles Vergnügen, dessen wir theilhaftig werden können, ist aus einer weisen Absicht da; es locket uns, die vorgeschriebene Ordnung zu beobachten, und dadurch eine Glückseeligkeit zu erhalten, welche jedem insbesondere vortheilhaft fället, ohne daß er der Gesellschaft im geringsten schaden wolte, indem er den Nutzen derselben eben so werth achtet, als seinen eigenen. So bald man die Absicht des Schöpfers, von dem Vergnügen trennet, welches uns anreitzen solte, jener gemäß zu leben, so bald verfällt man in die Unordnung. Ein Vergnügen blos deswegen darbieten, weil es ein Vergnügen ist, das heist verkehrt handeln; deutlicher zu reden, so ist es schändlich.[«]

Die Rührung und die Bewegung des Gemüths ist also das letzte Ziel der Musik. Alle die übrige Eigenschaften, so dieselbe nur haben kann, hangen von diesem Haupt-Verdienst derselben ab, und erhalten ihren Werth daher. Sie sind ohne dieselbe nur Kleinigkeiten und ein Kinderspiel.

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Musikwissenschaft Leipzig

Eine (Quellen)Texte-Sammlung des Zentrums für Musikwissenschaft Leipzig

CULTURAL HACKING

Urban Interventions

Open-Access-Netzwerk

Netzwerk von Open-Access-Repositorien

vifamusik

ViFaMusik-Blog

Centre for Musical Research

Bath Spa University

The WordPress.com Blog

The latest news on WordPress.com and the WordPress community.

%d Bloggern gefällt das: